Tonnenschweres Erbe

Absurd! Sammler reist Millionen Kilometer - auf der Jagd nach Kriegspanzern

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Panzersammler Thomas Gmeiner vor einem russischen Panzer aus dem Zweiten Weltkrieg.

Thomas Gmeiner hält seine Augen und Ohren immer offen. Er hält Ausschau nach seinen Schätzen, die wahlweise versprengt auf Äckern liegen oder auf dem Schrottplatz schlummern.

Pfaffenhofen an der Ilm - Die Suche kann im Sumpfgebiet enden, am Grund eines baltischen Sees oder auf entlegenen Feldern in Osteuropa. Begonnen hat sie in einem Wohnzimmer in Oberbayern. Für seine Jagd nach verschollenen Panzern studiert Thomas Gmeiner hier Berichte aus dem Zweiten Weltkrieg. Und er empfängt Bekannte aus der Szene - das Hobby Panzersammeln ist ungewöhnlich, das Netzwerk klein. Rund 80 Panzerwracks hat der 46-Jährige in 15 Jahren in ganz Europa aufgespürt. „Alles Schrott“, sagt er, nur um nachzuschieben: „Das ist liebevoll gemeint!“

Einige Panzer bekam er aus Skandinavien geschenkt, direkt von der Armee. Andere musste Gmeiner unter enormen Aufwand bergen. Die meisten hat er aus Einzelteilen zusammengeschweißt. „Als Einzelkämpfer hast du da keine Chance“, erzählt er. Jeder Sammler hat seine Nische: Manche sind ausschließlich an Panzern aus dem Zweiten Weltkrieg interessiert. Einige jagen hinter Modellen der DDR-Armee NVA her oder Fabrikaten aus den USA. Thomas Gmeiner ist auf Wehrmachtspanzer spezialisiert. Sie sind selten - und deshalb wertvoll. „Für einen ganzen russischen Panzer kann ich vielleicht ein deutsches Getriebe tauschen oder einen halben Geschützturm“, erklärt Gmeiner den Marktwert.

Sein Hobby besteht vor allem aus Reisen. Auf seiner Jagd nach den Panzern habe er schon 1,2 Millionen Kilometer zurückgelegt, hat Gmeiner ausgerechnet. Für den Transport der tonnenschweren Maschinen hat er sich einen eigenen Lastwagen zugelegt. Kräne mietet er bei Bedarf an, etwa um einen 30-Tonner aus dem Sand zu hieven. „Ein Irrsinn. Für das Hobby musst du ziemlich bekloppt sein!“

Aber warum faszinieren ihn ausgerechnet Zerstörer?

Die Technik der Tötungsmaschinen sei beeindruckend, sagt Gmeiner, der sein Geld mit Rennmotorrädern verdient. Doch das ist nicht alles. In Kriegsberichten liest er die Schicksale der Besatzung nach. „Die Panzer sind Teil unserer Geschichte. Die muss für die Nachwelt erhalten bleiben.“ Dass er deswegen auch in die rechte Ecke gestellt wird, ärgert ihn ziemlich. „Wer einmal da drin gesessen hat, verherrlicht bestimmt keinen Krieg mehr!“

Thomas Gmeiner klettert jetzt über Metallteile, bahnt sich den Weg durch sein Lager hin zu einem Panzer. Die Seitenwände des Wracks fehlen, der Sammler hat das Stahlungetüm noch nicht komplett rekonstruiert. Dennoch wird in der Maschine die Enge spürbar. „Der Fahrer saß gequetscht zwischen den Tanks“, erklärt er. „Bei Kälte und Hitze, dazu ein Höllenlärm vom Motor. Das waren ganz arme Kerle“.

Auch Museen profitieren von Gmeiners bizarrer Leidenschaft 

Um eben diese Perspektive zu bewahren, arbeitet Gmeiner mit Museen zusammen. Dem Militärmuseum Full in der Schweiz hilft er, einen Tiger II zu restaurieren. Von den sogenannten Königstigern gebe es weltweit noch sieben Stück, betont Thomas Hug. Der Präsident des Vereins, der hinter dem Museum steht, kam vor Jahren auf Gmeiner zu - der Privatsammler sollte originalgetreue Tanks nachbauen. Manche Sammler unterstützen die oft schmal budgetierten Museen nicht nur mit ihrem Fachwissen, sondern auch mit Leihgaben. Gmeiner überließ dem Panzermuseum Munster in Niedersachsen die Hülle eines US-Jagdpanzers M10. Ein anderer Sammler stellte seinen Tiger für drei Jahre zur Verfügung, erzählt Museumsdirektor Ralf Raths. „Da profitiert die Öffentlichkeit direkt.“ Ebenso wie der Tiger II ist dessen Vorgängermodell äußerst selten.

Gmeiners Lebenstraum: Der „Königstiger“

Ob es Kriegsüberreste sind oder alte Münzen - viele Privatsammler graben illegal in der Erde. Mehrere Tausend Menschen gehen nach Schätzungen des Bayerischen Landesamts für Denkmalpflege deutschlandweit mit Metallsonden auf die Suche, die wenigsten melden wie vorgeschrieben ihre Funde. Alte Panzer gehören in vielen Ländern dem Staat, in Deutschland verwaltet etwa die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben das materielle Erbe der Wehrmacht. Thomas Gmeiner betont, er lege auf die nötigen Absprachen viel Wert. „Einen Panzer unbemerkt zu bergen, das geht ja gar nicht!“ Brenzlig wurde es für ihn aber durchaus schon, in Bulgarien drohten viele Jahre Haft. Gmeiner habe Panzerteile bis hin zu ganzen Fahrzeugen gestohlen, hieß es. Das Oberlandesgericht München zweifelte aber an dem Vorwurf und entschied 2008 gegen eine Auslieferung.

Rechtlich bewegt sich Gmeiner auf vermintem Terrain. Auch historische Panzer fallen unter das Kriegswaffenkontrollgesetz. Privatsammler müssen sie laut Bundesministerium für Wirtschaft und Energie unbrauchbar machen. Gmeiner schlitzt dafür die Kanonen mit einem 60 Zentimeter langen Schnitt, die Rohre schweißt er zu. Auf seinem Grundstück in Pfaffenhofen an der Ilm durfte die Sammlung dennoch nicht bleiben. Wegen einer unzureichenden Baugenehmigung veranlasste das Landratsamt die Räumung. Der Sammler zog mit seinen Panzern Hunderte Kilometer um, sie lagern nun in Mitteldeutschland. Wo genau, möchte er nicht verraten.

Einen Königstiger auferstehen zu lassen wäre ein Millionenprojekt

Dort stehen die Maschinen auf einem Gelände, kein einziger von ihnen kann noch fahren. Getriebe und Motor seien die größte Herausforderung. Einen fahrtüchtigen Königstiger aus Originalteilen auferstehen zu lassen, würde etwa drei Millionen Euro kosten, schätzt der Sammler. Es ist ein Puzzle, nur sind die Teile wuchtig und aus Metall. Die Tiger wurden fast alle vernichtet, sehr oft sprengte sie die eigene Besatzung. Blieben die fast 70 Tonnen schweren Fahrzeuge stecken, sollten sie keinesfalls als Beute an den Gegner fallen.

Mit Ersatzteilen schrumpft der Betrag für einen Königstiger immerhin auf einige hunderttausend Euro. Es ist Gmeiners Lebenstraum, auf den er schon seit vielen Jahren hinarbeitet. Von dessen Erfüllung sei er dennoch weit entfernt. Den 46-Jährigen stört das nicht. „Es gibt nichts Langweiligeres, als ein abgeschlossenes Projekt.“ Seine Suche kann sich ohnehin nicht erschöpfen. Mehr als 50 000 gepanzerte Gefechtskettenfahrzeuge fertigte das Deutsche Reich für den Zweiten Weltkrieg.

dpa

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