Natascha Kohnen strebt Posten an

SPD-Mitglieder sollen per Urwahl über Landesvorsitz entscheiden

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Acht Jahre ein Team: SPD-Landeschef Pronold und Generalsekretärin Kohnen. 

München - Bayerns SPD-Generalsekretärin Natascha Kohnen will Landeschefin werden und macht der Partei ein „Angebot“. Die soll per Urwahl entscheiden – vorausgesetzt, Konkurrenten wagen sich aus der Deckung.

Es sind nur ein paar Sätze, aber sie klingen wie eine Bewerbungsrede im Zeitraffer. „Die SPD muss wieder fühlbar werden“, sagt Natascha Kohnen. Soziale Gerechtigkeit in konkreten Projekten: kostenlose Kitas, „Millionärssteuer“, „Bodenpreisbremse“, eine gerechtere Vermögensverteilung. Aber auch „einen anderen Politikstil“ brauche die SPD: „Das Abarbeiten an der Staatsregierung muss ein Ende haben.“ Sie mache der Partei ein Angebot: „Wenn Sie mit mir gehen möchte, dann auf diese Art und Weise.“ Kurzes Schweigen im Konferenzraum der Münchner BMW-Welt. Sie hat gesagt, was sie sagen wollte. Die Botschaft arbeitet seit Längerem in ihr.

Gerechtigkeit und Gefühl – Kohnen lehnt sich in ihrem Statement auch an Martin Schulz an. „Zeit für mehr Gerechtigkeit“, rief der SPD-Kanzlerkandidat bei seiner Nominierung aus. Die Umfragewerte steigen in Höhen, die man unter Genossen kaum mehr für möglich hielt. Er wolle einen Wahlkampf mit Emotionen, fordert Schulz. Politiker müssten zeigen, dass sie „nicht nur Kopfmenschen“ sind. Auch Kohnen, die ein gutes Verhältnis zu Schulz pflegt, will diesen Aufbruch transportieren. Einen Kommentar des Münchner Merkur zum Neuanfang bei der Bayern-SPD lesen Sie hier.

Aber ist es der Neuanfang, den die Bayern-SPD so ersehnt? Ganz sicher sind sich selbst Kohnen und Noch-Landeschef Florian Pronold nicht. Sie sei bereit, den Vorsitz zu übernehmen, sagt die Generalsekretärin, während im Nebenraum der Landesvorstand noch immer tagt. Aber das sei lediglich „ein Vorschlag“. Einstimmig habe man sich auf ein Verfahren geeinigt, nach dem es nun weiter gehen soll.

Der Plan lautet: Den Schulz-Effekt ausnutzen

Bis Ende des Monats sollen sich Gegenbewerber melden. Gibt es welche, dann wolle sie eine Urwahl, stellt Kohnen klar. Sie und die anderen Kandidaten würden sich in Regionalkonferenzen vorstellen. Das Ergebnis der Mitgliederabstimmung soll dann vor dem Parteitag im Mai vorliegen. Dort wird Pronolds Nachfolger gewählt. Er hatte am Freitag überraschend bekannt gegeben, nicht mehr anzutreten – und Kohnen gleich als seine Nachfolgerin empfohlen. Sie sei auch die „ideale Spitzenkandidatin“ für die Landtagswahl 2018. Den Schulz-Effekt ausnutzen. Frischen Wind, Aufbruchsstimmung, in die von Frust gebeutelte Bayern-SPD bringen – so der Plan.

Doch so einfach scheint es nicht zu gehen. Gegen Pronolds Vorgehen regte sich Protest. Oberbayerns Bezirkschef Ewald Schurer meldete sogar einen möglichen „alternativen Personalvorschlag“ an. In der Basis brodelt es ohnehin.

Im Vorstand bemüht man sich am Wochenende, wieder zu einer gemeinsamen Linie zu kommen. Intern gibt es Kritik an Pronold, in einem herrscht aber Einigkeit: Den fulminanten Aufwärtstrend durch die Spitzenkandidatur von Martin Schulz im Bund will man sich in Bayern nicht selbst vermasseln. „Ein Wettbewerb um den Vorsitz würde uns guttun“, bekräftigt Schurer. Aber wer am Ende gewählt werde, müsse die „volle Unterstützung“ der gesamten Partei haben. „Streitigkeiten wird es nicht geben.“

Parteirebellen zeigen sich gesprächsbereit

Auch der Landeschef der Jusos, Tobias Afsali, ist „vorsichtig optimistisch“, was die Erneuerung angeht. Die Jusos fordern vor allem mehr Mitgliederbeteiligung. Gestern besuchte Kohnen den Juso-Vorstand. Auf eine Unterstützung ihrer Kandidatur festlegen, will sich Afsali aber nicht.

Die Parteirebellen von der Baisis-Initiative „Zeit für die Mutigen“ geben sich gesprächsbereit. Man begrüße den Vorschlag einer Urwahl, heißt es in einer Mitteilung, die heute verschickt werden soll. Ob man einen Konkurrenzkandidaten aufstelle, hänge davon ab, wie Kohnen die Basis einbinden wolle. „Wir brauchen keine Fortsetzung von Florian Pronold mit anderen Mitteln“, heißt es. Kohnen müsse sich etwa klar von dessen Überlegungen für eine Koalition mit der CSU in Bayern distanzieren.

Kohnen weiß um die heikle Stimmung. Über die Spitzenkandidatur 2018 werde erst nach der Bundestagswahl entschieden, stellt sie klar. Und für den Landesvorsitz wolle Sie derzeit ausdrücklich kein Votum des Vorstands für sich. „Wenn jemand in unserer Partei ein anderes Angebot hat, dann begrüße ich das sehr.“ Das klingt nach Zurückhaltung, heißt aber auch: Ich habe meinen Hut in den Ring geworfen, jetzt müssen die Kritiker aus der Deckung kommen.

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