Berchtesgadener Nationalpark: LVB holt Bartgeier nach Deutschland

Von Andalusien zum Watzmann: Bartgeier kehren nach Bayern zurück - Küken sollen ausgewildert werden

Ein frischgeschlüpfter Bartgeier.
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Das Bartgeier-Küken „BG 1112“ schlüpfte am 11. März in einem Zuchtzentrum in Andalusien. Im Juni kommt es nach Bayern.

Seit 100 Jahren ist der Bartgeier in den Alpen fast ausgerottet. Durch ein Auswilderungsprojekt kehren sie inzwischen zurück. Für zwei Küken geht es deshalb jetzt in Spanien auf die große Reise nach Berchtesgaden.

Berchtesgaden – Kleine Piepser im Ei kündigen es an: Hier schlüpft bald ein Bartgeier-Küken. „Mit dem Eizahn, der spitzen Hornkrümmung auf dem Schnabel, versucht es das Ei von ihnen aufzubrechen und sich nach Außen zu kämpfen“, erklärt Toni Wegscheider das anstrengende Prozedere. Laut dem Bartgeier-Experten des Landesbundes für Vogelschutz kann das bis zu 48 Stunden dauern. Wie beim Menschen sind die gefiederten Eltern besonders aufgeregt – und helfen mit, sobald sie merken, das Kleine hat es gerade recht schwer.

Im Fall von „BG1112“ stand am Ende sogar ein Pfleger zur Geburtshilfe bereit. Mit einer Pinzette half er dem Küken. Im Anschluss galt es das nur 121 Gramm schwere, abgekämpfte Häufchen auf die inzwischen rund 500 Gramm aufzupäppeln. Schließlich ist ein Bartgeier nicht irgendein Vogel. Mit einer Flügelspannweite von bis zu 2,90 Metern gilt er als einer der größten, flugfähigen Vögel der Welt. Anfang des 20. Jahrhunderts wurde der anmutige Greifvogel mit seinen schwarzen Federn und dem hakenförmigen Schnabel in den Alpen ausgerottet. Seit den 1970er-Jahren wird daher europaweit in Zuchtprojekten versucht, Bartgeier im Alpenraum auszuwildern.

Bartgeier kehren in die Alpen zurück - sie waren fast ausgerottet

Und so kommt es, dass das Bartgeier-Küken „BG1112“ am 11. März zwar in Spanien aus dem Ei schlüpfte, es seine Kreise aber bald über Watzmann und Königssee ziehen soll. Denn mit einem weiteren Jungtier, das derzeit noch „BG1113“ heißt, will Wegscheider es im Nationalpark Berchtesgaden auswildern.

„Nachdem beim Zuchtpaar im Nürnberger Tiergarten dieses Jahr kein Jungvogel schlüpfte und der gesamte Bruterfolg 2021 nur mäßig ausfiel, waren die letzten Wochen für uns eine Gefühlsachterbahn“, sagt Wegscheider. Eigentlich wollte der LBV im Nationalpark Berchtesgaden in den nächsten zehn Jahren jeweils zwei bis drei Jungtiere auswildern. Kurzzeitig drohten sich diese Pläne zu verzögern. Und das, obwohl in der Felsnische im Klausbachtal schon alles für die Bartgeier vorbereitet ist.

In dieser Felsnische im Nationalpark Berchtesgaden sollen die beiden Bartgeier aus Spanien bald ausgewildert werden.

Umso erleichterter sind die Naturschützer, die zwei Bartgeier aus dem andalusischen Zuchtzentrum Anfang Juni im Nürnberger Tiergarten in Empfang nehmen zu dürfen. Dort werden sie untersucht und mit einem GPS-Sender versehen. In ihr Gefieder färbt man einen Barcode. „So können wir das Flug- und Brutverhalten dokumentieren“, sagt Wegscheider. Und da das Auswilderungsprojekt erst seit 1986 läuft, weiß er nicht, wie alt die Tiere wirklich werden können. „Viele leben noch. In freier Wildbahn werden sie vielleicht sogar 60 Jahre alt“, schätzt er.

Bayern hofft auf Bartgeier-Nachwuchs

300 Bartgeier sind inzwischen wieder in den Alpen unterwegs. In den deutschen und österreichischen Gebieten sind aber nur wenige sesshaft. Das will Wegscheider ändern: „Wenn die Jungtiere hundert Tage alt sind, brauchen sie die Wärme der Eltern nicht mehr. Sie fressen zwar selbstständig, können aber noch nicht fliegen.“ Der ideale Zeitpunkt, sie in die ausgewählten Horste im Klausbachtal zu setzen. „Wir werfen ihnen drei Wochen lang Fleisch zu, während sie die Umgebung in dieser wichtigen Prägungsphase als Heimat abspeichern“, sagt er.

Danach fliegen sie mehrere tausend Quadratkilometer quer über die Alpen. Erst, um ihre Jungen auszubrüten, kehren sie dann zurück in ihre bayerische „Heimat“. Bis im Berchtesgadener Land aber die ersten Bartgeier-Küken schlüpfen, dauert es noch. „Sie sind frühestens mit sechs Jahren geschlechtsreif“, weiß Wegscheider. Auf lange Sicht hofft er aber auf reichlich Nachwuchs - sodass der größte Greifvogel Mitteleuropas auch endlich wieder in Bayern unterwegs ist.

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