Ein Besuch in der Werkstatt

Traditionshandwerk Handbuchbinder: So fertigen Mutter und Tochter in Königsdorf Unikate aus Leim und Zwirn

Buchbindehandwerk statt Zahntechnik: Barbara Schwaighofer schwenkte beruflich mit 24 Jahren noch einmal um. Heute arbeitet ist sie Buchbindemeisterin.
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Buchbindehandwerk statt Zahntechnik: Barbara Schwaighofer schwenkte beruflich mit 24 Jahren noch einmal um. Heute arbeitet ist sie Buchbindemeisterin.

Rosina Strobl und ihre Tochter Barbara Schwaighofer fertigen Schachteln und binden Bücher. Ganz traditionell von Hand. In ihrer Werkstatt in Königsdorf haben sie schon allerhand ausgetüftelt. Es gibt kaum ein Material, das sie noch nicht verarbeitet haben – sogar Fliesen, Kuhfell und eine Turnmatte.

Königsdorf – Barbara Schwaighofer tritt an den Hebelschneider, eine tischgroße, mechanische Maschine. Die zierliche 34-Jährige drückt die Schneide, die etwa doppelt so lang ist wie ihr Arm, mit Kraft nach oben und wieder nach unten. Schon hat sie ein dickes Stück Pappe durchtrennt – als wäre es aus Butter. „Den lassen wir natürlich regelmäßig schleifen“, sagt sie. Schließlich ist es für die kleine Handbuchbinderei in Königsdorf im Kreis Bad Tölz-Wolfratshausen wichtig, dass Papier und Pappe ganz akkurat zugeschnitten sind. Sonst würden die Schachteln und Alben, die Schwaighofer und ihre Mutter Rosina Strobl anfertigen, schief und krumm.

Pappteile leimen und überziehen sie mit schmuckem Papier. So entstehen Aufbewahrungsunikate für den Schmuck der Großmutter, Hüte oder das kostbare Trachtenmieder. „Schöne Dinge sollten auch so aufbewahrt werden“, sagt Strobl. Für den Stolz eines jeden Trachtlers hat sie sogar eine Gamsbart-Schachtel mit Aufhängevorrichtung entwickelt. Schließlich soll er dunkel und hängend gelagert werden, damit ihm weder Sonne noch Knicke zusetzen können. 

Traditionelles Buchbinderhandwerk in Königsdorf

„Vor 25 Jahren habe ich meine Schachtelwerkstatt eröffnet“, erzählt die 57-jährige Buchbinderin. „Seit 2014 sind wir aber ein Meisterbetrieb“, sagt ihre Tochter stolz. Nach Leim riecht es in der Werkstatt im ersten Stock ihres Bauernhauses in Königsdorf. Pappbögen und Papierrollen liegen nebst Schere, Hammer, Nadel und Faden. Vier alte Bügeleisen haben die Buchbinderinnen als Pressgewichte für frischgeleimte Bücher umfunktioniert. Hier ist Schwaighofer aufgewachsen. „Sie hat schon immer gerne in der Werkstatt gespielt und mit Schnipseln aus Pappe und Papier gebastelt – besonders der Leim war interessant“, erinnert sich Strobl.

Die kleinen Schachteln sind für ganz besondere Habseligkeiten.

Viele Handgriffe kannte ihre Tochter also schon, als sie mit 24 Jahren beruflich noch einmal umplante. „Als Zahntechnikerin feilt man auch oft Stunden lang an einem Zahn“, erklärt sie. Die Arbeit mit Leim und Pappe, Nadel und Faden reizte sie damals aber doch mehr. Sie lernte Buchbinderin und konnte die „Schachtelwerkstatt“ ihrer Mutter nach dem Meisterabschluss endlich in „Handbuchbinderei“ umbenennen.

„Die Wurzeln des Handwerks liegen in den Klöstern“, sagt Schwaighofer. Hier fertigten die Mönche Bücher erst nur für den Eigenbedarf, da ohnehin nur ein kleiner Teil der Bevölkerung lesen konnte. Später übernahmen sie auch Auftragsarbeiten. Heute fertigt die Industrie tausende Exemplare in kürzester Zeit. Die Buchbinderinnen in Königsdorf benötigten hingegen eine Stunde für ein handgeheftetes Album. Stich für Stich bearbeiten sie den Buchrücken mit Nadel und Faden. Dafür braucht es Passion.

Mit Nadel und Faden heftet Rosina Strobl per Hand den Buchrücken eines Albums.

Karton, Zierpapier mit Ornamenten, Blümchen oder Streifen, abwischbares Leinen oder Leder – wie die Speisekarte, Notenmappe oder Abschlussarbeit gebunden werden soll, entscheidet der Auftraggeber. „Am häufigsten fertigen wir Gästebücher, Hochzeits- und Familienalben an“, sagt Strobl. „So mancher Kundenwunsch ist aber auch eine Herausforderung.“

Fliesen, ein Kuhfell oder eine Turnmatte: Die Handbuchbinderinnen in Königsdorf fertigen Unikate

Ein Kuhfell als Einband verlangte da noch am wenigsten Tüftelei. Auch die alte Fliese, die auf einem Album integriert werden sollte, war kein Problem. „Es gibt nichts, das man nicht verkleben kann“, sagt Strobl. Aber einmal orderte ein Fitnessstudio ein Buch. Eine Turnmatte sollte der Einband sein. Es war die Probe aufs Exempel für Strobls Motto. Da mussten Mutter und Tochter schwere Geschütze auffahren: „Die Matte hat sich immer wieder aufgedreht“, sagt Schwaighofer. Diverse Klebstoffe haben sie ausprobiert und die Pressen immer wieder bemüht. Irgendwann hat es geklappt. „Die Lederecken der Matte haben wir dann zum Schluss wieder aufgenäht.“

Uralt, aber als Presse ideal: Großmutter Strobls Bügeleisen.

Handbuchbindereien wie die der Königsdorferinnen gibt es in Bayern nicht mehr viele. „Wegen Corona wurden Taufen, Kommunionen oder Hochzeiten nicht groß gefeiert. Dadurch hatten wir weniger Aufträge“, sagt Strobl. Die Krise treffe sie aber weniger hart als die, die ihre Arbeiten nur auf Märkten verkaufen. Einen positiven Trend konnte Schwaighofer aber feststellen: Corona führt die Menschen nicht nur zu regionalen Lebensmitteln, sondern auch zum Handwerk zurück. „Ich habe das Gefühl, wir werden mehr gewürdigt“, sagt sie. Es ist wie mit einem Dirndl. Das handgemachte kostet mehr – dafür ist es aber auch ein Unikat.“

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