Impf-Angebot wird ausgeweitet

Hausärzte bereiten sich auf Corona-Impfungen in Praxen vor: „Sind Ansturm gewachsen“

Hausärzte in Bayern bereiten sich darauf vor, Patienten in ihren Praxen gegen Corona zu impfen. Das könnte für die Über-80-Jährigen schon in wenigen Tagen beginnen.

München - Ab April sollen auch Hausärzte Corona*-Impfungen anbieten können. In vielen Regionen Bayerns könnte das aber bereits noch früher möglich sein. Der Münchner Arzt Dr. Wolfgang Ritter, Vorstandsmitglied des Bayerischen Hausarztverbandes, erklärt, welche Voraussetzungen dafür erfüllt sein müssen.

Wie realistisch ist es, dass ab 1. April in den Hausarztpraxen gegen Corona geimpft wird?
Ritter: Das ist sehr realistisch. Das ist die bundesweite Lösung, bei der es für die Impfung* eine Abrechnungsziffer gibt und der Impfstoff über die Apotheken an die Praxen geliefert wird. Aber bereits jetzt gibt es unabhängig davon in einigen bayerischen Regionen schon Impfangebote der Hausärzte. Es geht ja darum, möglichst schnell die Risikogruppe der Über-80-Jährigen zu impfen, die Impfzentren und mobilen Teams kommen aber an Kapazitätsgrenzen. Es würde schneller gehen, wenn jeder Hausarzt seine über-80-Jährigen Patienten direkt impft. In der Praxis oder bei ihnen zu Hause, wenn sie bettlägerig sind.
Passiert das bereits?
Ritter: Wir warten noch auf die Genehmigung, gehen aber davon aus, dass wir in München in zwei bis drei Wochen loslegen können. Dann rufen wir alle Über-80-Jährigen aus unserer Kartei an und bieten ihnen die Impfung an. Auch für Menschen, die mobil sind, aber zum Beispiel mit Gehhilfen unterwegs, ist das einfacher, als quer durch die Stadt zu einem Impfzentrum zu fahren. So können wir die Impfbereitschaft erhöhen. Viele Menschen vertrauen ihrem Hausarzt – das ist ein großer Faktor.

Corona-Impfungen beim Hausarzt: Der organisatorische Aufwand ist enorm

Wie stemmen Sie den großen organisatorischen Aufwand dafür?
Ritter: Der Aufwand ist aktuell wirklich enorm. Das Schlimmste sind die Terminbuchungen, die wir nicht über das bayernweite Portal bekommen. Jede Praxis muss sich die Mühe machen, die Patienten der Priorisierungsgruppe 1 anzurufen, ihnen die Impfung* anzubieten. Wenn sie wollen, bekommen sie einen Termin, das wird in einer Excel-Tabelle eingetragen und dann an das Impfzentrum gemeldet, damit am richtigen Tag die richtige Menge Impfstoff in die Praxis geliefert wird – zusammen mit dem nötigen Verbrauchsmaterial. Wenn jede Praxis Spritzen oder Kanülen selbst bestellen müsste, würde das wieder Verteilungskämpfe auslösen.
Können Sie alle Impfstoffe anbieten?
Ritter: Jetzt, für die Über-80-Jährigen, können wir Biontech- und Moderna-Imfpstoffe anbieten. AstraZeneca ist für sie ja nicht zugelassen. Das Impfzentrum stellt uns die Impfstoffe* bereit, dann müssen sie innerhalb von fünf Stunden verimpft werden.
Viele Patienten werden wohl um einen bestimmten Impfstoff bitten...
Ritter: Da müssen wir einfach viel Aufklärungsarbeit leisten. Aktuell sind drei Impfstoffe* zugelassen und alle drei sind sehr gut. Auch AstraZeneca. Es hat bei diesem Impfstoff einfach einige PR-Desaster gegeben, die bei einigen zu großer Unsicherheit geführt haben. Er ist für Unter-65-Jährige ein sehr guter Impfstoff mit einem sehr guten Schutzpotenzial.
Dr. Wolfgang Ritter aus München

Corona-Impfung: Bei dreifacher Impfstoffmenge müssen die Hausärzte mithelfen

Bekommen Sie jetzt bereits viele Anfragen von Impfwilligen, die noch nicht dran sind?
Ritter: Ja, natürlich. Das ist auch der Grund, warum man sich bisher nicht in den Arztpraxen impfen lassen konnte. Wir hätten das nicht stemmen können, allen zu erklären, dass sie noch nicht dran sind. Jetzt kommt aber zunehmend Impfstoff. Nach den Hochrechnungen werden wir bald die dreifache Menge Impfstoff haben als wir aktuell impfen können. Das heißt, die Hausärzte müssen helfen, die Impfkapazität zu erhöhen.
Wird sehr viel mehr Arbeit auf Sie zukommen, wenn die Priorisierungsgruppen geimpft sind und alle anderen Termine wollen?
Ritter: Dann wird es eher einfacher. Dann bittet ein Patient um einen Termin und bekommt ihn. Ich bin sicher, dass es bis dahin genug Impfstoff für alle geben wird – und wir niemanden abweisen müssen. Die Leute können sich dann aussuchen, ob sie sich beim Arzt oder im Impfzentrum impfen lassen wollen.
Das schaffen alle Arztpraxen nebenher?
Ritter: Wir impfen ja schon immer. Das ist unser tägliches Geschäft. Dem Ansturm sind wir gewachsen. Aber die Dokumentation muss einfacher werden. Aktuell dauert die Impfung eine Minute und die Dokumentation fünf Minuten. Das ist noch ein wahnsinniger Papierkram. Alles muss händisch in ein System eingepflegt werden. Wir stellen uns vor, dass das über einen QR-Code läuft. Die Politik muss die Zeit nun nutzen, Druck auf die Softwarefirmen auszuüben, damit das vereinfacht wird.

Das Interview führte Katrin Woitsch. *Merkur.de ist Teil des Ippen-Digital-Netzwerks.

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