Heftige Diskussion um „Kinderlockdown“

Corona in Bayern: Harsche Kritik an Alleingang bei Schul-Notbremse - „Eine Bildungskatastrophe“

Trotz Bundes-Notbremse will Bayern einen Sonderweg gehen und die Schüler schon ab einer Inzidenz von 100 in den Distanzunterricht schicken. Das stößt auf Kritik.

  • Am Mittwoch (21. April) beschloss der Bundestag einheitliche Notbremsen-Regeln für Deutschland.
  • In Bayern möchte man aber einen Sonderweg gehen, was den Distanzunterricht an Schulen betrifft.
  • Der „Kinderlockdown“ der Staatsregierung stößt auf deutliche Kritik.

München - Kaum hatte der Bundestag sich am Donnerstag mit einer knappen Mehrheit für die bundeseinheitlichen Regeln einer Corona-Notbremse ausgesprochen, verkündete die Regierung des Freistaats Bayern, dass sie einen Sonderweg beschreiten wolle. Dieser betrifft Schulen und Kitas, die bereits ab einer Sieben-Tage-Inzidenz* von 100 - und nicht wie vom Bund beschlossen 165 - wieder in den Distanzunterricht beziehungsweise die Notbetreuung wechseln sollen. Die Bundes-Notbremse gestattet Alleingänge der Bundesländer - sofern sie eine Verschärfung darstellen. Der Freistaat reagierte mit der Regel auf die Forderungen vieler Lehrerverbände und lässt bei hoher Inzidenz den Wechselunterricht nur für Viertklässler, Elftklässler und Abschlussklassen zu. Doch nicht alle sind mit der Regelung einverstanden.

Corona-Lockdown: Schulen ab Inzidenz von 100 geschlossen - scharfe Kritik am bayerischen Sonderweg

Der Grünen-Bundestagsabgeordnete Dieter Janecek übt auf Twitter scharfe Kritik an der Entscheidung des Freistaats. Bayern schreite voran „beim ewigen Kinderlockdown“, während die Wirtschaft unangetastet bleibe, so Janecek. Der Sprecher der „Initiative Familie“ in Bayern, Tobias Oelbaum, sieht das ähnlich. Dass es zwar einen Corona*-Grenzwert für Distanzunterricht gebe, aber keinen Wert, der Betriebe ins Homeoffice zwinge, bezeichnet Oelbaum als „Schieflage“, bei der man davon ausgehen könne, „dass mindestens bis Pfingsten keine Schule mehr in Präsenz stattfindet“. Dabei, so Oelbaum im Gespräch mit dem BR, seien schon jetzt viele Eltern am Ende ihrer Kräfte und Möglichkeiten bei der Kinderbetreuung. Dabei würden die Test- und Hygienekonzepte an Schulen deutlich besser durchdacht und ausgeführt, als dies in den meisten Unternehmen der Fall sei.

So sieht es auch der ehemalige Vorsitzende des Deutschen Ethikrates, der Theologe Peter Dabrock. Im Interview mit dem Nachrichtensender Phoenix warnte er vor den Folgen der Corona*-Pandemie für Kinder und Jugendliche. Die Politik würde derzeit nur von Leuten gemacht, „die sich nicht um Kinder, Jugendliche, junge Studierende kümmern“, so Dabrock. Die Inzidenz von 165 auf 100 zu senken bedeute mancherorts vermutlich Schulschließungen bis zu den Sommerferien. „Das ist eine Bildungskatastrophe“, gibt sich Dabrock entsetzt.

Schulen in Bayern bei Inzidenz von 100 geschlossen: Staatsminister Herrmann verteidigt das Vorgehen

Der bayerische Staatskanzleichef Florian Herrmann (CSU) sprach im Münchner Merkur von den steigenden Infektionszahlen bei Kindern und Jugendlichen. Diese bedingen, dass man bei den strengeren Regeln für den Distanzunterricht bleiben wolle. „Das sind wir der Gesundheit unserer Schülerinnen und Schüler schuldig“, so Herrmann wörtlich. Auch Kultusminister Michael Piazolo (Freie Wähler) verteidigte die schärferen Regeln. Die Inzidenz von 165, die der Bund für Schulschließungen vorsehe, hält er für willkürlich festgelegt und nicht sinnvoll. Bei der aktuellen Infektionslage gebe es keinen Raum für Schulöffnungen.

Tatsächlich pochten die meisten Lehrerverbände in den vergangenen Tagen öffentlich darauf, die Inzidenz von 100 weiterhin als Maßstab für Schulschließungen zu nehmen. Nach Bekanntwerden der Regelung schrieb die Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes, Simone Fleischmann, auf Twitter: „Jawoll! Die 100 bleibt“. Wochen später fordert diese übrigens vom bayerischen Kultusministerium die Ausarbeitung einer Strategie für künftige ähnliche Szenarien.

Ebenso äußerten sich der Präsident des Deutschen Lehrerverbands, Heinz-Peter Meidinger, sowie der Verband der Lehrer an beruflichen Schulen. Der Bundeschef des Deutschen Realschullehrerverbands, Jürgen Böhm, nannte eine höhere Inzidenzgrenze sogar „völlig realitätsfremd und höchst fahrlässig“.

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Rubriklistenbild: © Sven Hoppe/picture alliance/dpa

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