Zahlen nicht immer deckungsgleich

Mitten im Corona-Lockdown: Gesundheitsämter sollen auf neues System umstellen - Verwirrung um Inzidenzwerte groß

Gebäude des RKI von vorne
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Das Robert-Koch-Institut spielt bei der Verarbeitung der Corona-Zahlen eine zentrale Rolle. (Symbolbild)

Abweichende Inzidenzzahlen zwischen den Gesundheitsämtern und dem Robert-Koch-Institut sorgen immer wieder für Verwirrung. Nun wird umgestellt.

  • Die Zahlen der Corona*-Infizierten weichen immer wieder ab - je nach dem, ob man als Quelle die Gesundheitsämter oder RKI nutzt.
  • Die Umstellung auf eine neue Software soll die Zeit von Fax und Excel-Tabellen beenden – viel zu spät, wie die Opposition kritisiert.
  • Hier bieten wir Ihnen in einer Karte* die aktuellen Fallzahlen im Freistaat Bayern.

München – Deutschland verharrt im weihnachtlichen Lockdown. Das große Ziel ist es, die Inzidenzzahlen in den Landkreisen wieder unter die 50er-Marke zu drücken. Doch nach wie vor gibt es regelmäßig Diskrepanzen zwischen den Inzidenzzahlen, die die örtlichen Gesundheitsämter selbst errechnen, und denen, die in der täglichen bundesweiten Übersicht des Robert-Koch-Instituts (RKI) geführt werden. Zweitere sind maßgeblich, wenn es um Verschärfungen oder Lockerungen der Corona-Maßnahmen geht. In einigen Landratsämtern sorgt diese Diskrepanz für verärgerte Anfragen von Bürgern, welcher Wert denn nun die Realität abbilde.

Verwirrung um Corona-Zahlen: Dachau verzichtet auf Veröffentlichung

So etwa zuletzt im Landkreis Dachau. Dort verzichtet das Landratsamt mittlerweile darauf, die eigene Berechnung zu veröffentlichen, um nicht noch mehr Verwirrung zu schaffen. Doch wenn Bürger sich den Wert anhand der täglichen Meldungen von Neuinfektionen selbst ausrechnen, kommen sie häufig auf einen deutlich höheren Wert als beim RKI angegeben. „Ihnen müssen wir leider häufig sagen, dass wir auch nicht erklären können, wie die Unterschiede zustande kommen“, sagt Landratsamtssprecher Wolfgang Reichelt.

Die Zahlen melden die Landratsämter über verschiedene Systeme an das Bayerische Landesamt für Gesundheit. Von dort gehen Daten mehrmals täglich an das RKI. Eine der Hauptursachen für unterschiedliche Inzidenzwerte ist dabei der Zeitpunkt der Erfassung (wir berichteten). Wenn etwa im örtlichen Gesundheitsamt abends noch Fälle aufschlagen, landen diese beim RKI mitunter erst einen Tag später – und werden dann teilweise wieder rückdatiert.

Dadurch verschiebt sich die Inzidenz. Außerdem durchlaufen die gemeldeten Fälle sowohl beim LGL als auch beim RKI noch eine sogenannte Plausibilitätsprüfung. „Es kann zum Beispiel sein, dass dadurch Fälle und Todesfälle wieder aus der Berichterstattung fallen und so auch negative Differenzen zum Vortag entstehen“, teilt das RKI auf Anfrage mit. Immer wieder werden die Zahlen des RKI nachträglich korrigiert – was angesichts der Tagesaktualität der Zahlen aber kaum wahrgenommen wird.

Frust in Erding: Keine Rückmeldung, wenn Fälle herausgerechnet werden

Bei den Gesundheitsämtern sorgt das mitunter für Frust: „Wir bekommen zum Beispiel keine Rückmeldung, ob bei uns Fälle rausgerechnet wurden“, sagt Dr. Sibylle Borgo vom Erdinger Gesundheitsamt. Erding ist laut RKI weiterhin einer der Corona-Hotspots in Oberbayern. „Doch gefühlt sind die Zahlen des RKI immer noch deutlich niedriger als die von uns ermittelten“, sagt Borgo.

Eine einheitliche Kommunikation unter den Gesundheitsbehörden wird auch dadurch erschwert, dass mit unterschiedlichen Systemen gearbeitet wird – nicht nur bei den Meldungen der Fallzahlen, sondern auch bei der Kontaktverfolgung. Das soll sich nun ändern. Das bayerische Kabinett hat Anfang Dezember beschlossen, dass künftig alle bayerischen Gesundheitsämter mit der Software „SORMAS“ arbeiten sollen – und zwar so schnell wie möglich.

Der Vorteil von SORMAS: Das System soll eine Schnittstelle zur Software DEMIS bekommen, mit der das RKI arbeitet und an das künftig auch die Labore angeschlossen werden sollen. „Bis Ende Januar soll diese Verbindung stehen“, sagt Christian Bernreiter, Präsident des bayerischen Landkreistags. Damit soll die Zeit der Faxe mit positiven Corona-Befunden aus den Laboren ein Ende haben. Und auch die Kontaktnachverfolgung soll erleichtert werden und nicht mehr über Excel-Tabellen erfolgen, wie in manchen Gesundheitsämtern noch üblich. Bernreiter erhofft sich von dem neuen System eine „deutliche Arbeitserleichterung“.

Coronavirus: Fürstenfeldbruck nutzt SORMAS schon seit August

Im Landratsamt Fürstenfeldbruck wird SORMAS schon seit August genutzt. „Wir haben gute Erfahrungen damit gemacht, aber es braucht Schulungen dafür“, sagt Gesundheitsamtsleiter Dr. Lorenz Weigl. Doch wegen der fehlenden Schnittstelle wird auch in Fürstenfeldbruck aktuell noch vieles doppelt eingegeben.

Für die Opposition kommt die Umstellung auf SORMAS viel zu spät. Katharina Schulze, Fraktionschefin der Grünen, kritisiert: „Die Staatsregierung hat den Sommer verschlafen. Jetzt müssen die Gesundheitsämter mitten in der Hochphase der Pandemie unter Volllast auf ein neues System umstellen.“ Sie höre Stimmen aus den Ämtern, die sagen: „Wir schaffen das nicht parallel.“ Zumal die Behörden aus Schulzes Sicht über Jahre ausgeblutet wurden. „Eine unserer Anfragen hat gezeigt, dass in jedem fünften Gesundheitsamt eine Leitungsperson fehlt.“ Schulze fordert deshalb von der Staatsregierung externe EDV-Teams, die die Gesundheitsämter bei der Umstellung auf das neue System unterstützen. „Sonst verlieren wir weitere wichtige Monate im Kampf gegen das Virus.“ - *Merkur.de ist Teil des Ippen-Netzwerks.

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