ZEITGESCHICHTE: Vor 65 Jahren kamen die letzten Kriegsgefangenen zurück – Zum Beispiel auch Karl Schäfer

Als der Zweite Weltkrieg endgültig zu Ende war: Der letzte Kriegsgefangene kehrt heim

Eine ältere Frau hält ein Foto in der Hand.
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Gerda Fröhlich mit einem Foto, das die Ankunft ihres Vaters am Münchner Hbf zeigt.

Hallbergmoos – Die erlösende Nachricht wurde von Karl Schäfer am 18. Januar 1956 um 11.10 Uhr in Frankfurt/Main auf einem Postamt aufgegeben: „Ich komme“, telegraphierte der lange vermisste Vater. Ankunft schon in drei Stunden, um 14.28 Uhr in München. Mit dem Rheinblitz, einem damals bekannten Schnellzug.

  • 1956 kehrten die letzten Kriegsgefangenen aus Russland heim.
  • Einer von ihnen war Karl Schäfer aus dem damaligen Bauerndorf Hallbergmoos im Kreis Freising.
  • Er war schwer gezeichnet von elf Jahren Gefangenschaft, seine Heimkehr geriet aber zu einem Fest.

Da erst wusste Franziska („Fanny“) Schäfer, dass ihr vermisste Ehemann nach elf Jahren Kriegsgefangenschaft aus Russland nun endlich heimkehren würde. Elf Jahre, in der sich die Welt verändert hatte. Die Nazizeit war lange vorbei, Deutschland war im Rausch des Wirtschaftswunders. VW Käfer, Adenauer, erster Italienurlaub, vielleicht auch schon ein Fernseher – das verbindet man heute mit dieser Epoche.

Karl Schäfer war all das kein Begriff. Für ihn waren die elf Jahren zwischen 1945 bis 1956 geprägt von Gefangenschaft, Fronarbeit in einem Bergwerk, eisige Kälte, Tod und Demütigung.

1956 war das jedoch vorbei: Mit dem letzten sogenannte Heimkehrertransport kam Karl Schäfer, damals 45, zurück nach Hallbergmoos, das damals ein Bauerndorf mit ein paar hundert Einwohnern war. Die Geschichte seiner Rückkehr hat der Hallbergmooser Heimatforscher Karl-Heinz Zenker recherchiert – auf sein Betreiben hin schaute Schäfers Tochter Gerda Fröhlich in Schubladen nach und fand ganz viele alte Dokumente, darunter auch Berichte im damaligen „Münchner Merkur“, die die triumphale Rückkehr des verlorenen Sohnes illustrieren. 65 Jahre sind die Dokumente alt, sie beleuchten ein fast vergessenes Stück Zeitgeschichte.

Riesen-Jubel im Heimatdorf

Der Empfang in Hallbergmoos für Karl Schäfer war phänomenal, erinnert sich Gerda Fröhlich, geborene Schäfer. „Der ganze Ort war auf den Beinen.“ Schon am Hauptbahnhof ging es los – da wartete nicht nur der damalige Hallbergmooser Bürgermeister auf den lange Vermissten, sondern neben Ehefrau und Tochter auch etliche Verwandte und der evangelische Landesbischof (Schäfer war Protestant). Und in Hallbergmoos spielte die Blaskapelle einen Tusch, Schäfer erhielt Blumen und Geschenke. „Zwei Mädchen sagten Verse auf und Volksschüler sangen ein Heimatlied“, berichtete die Zeitung.

Und das war nur der Auftakt. Einige Tage später gab es eine riesige Feier im Wirtshaus zu Ehren des Spätheimkehrers. Schulkinder sangen, der Landrat hielt eine ergreifende Rede, und Schäfer wurde mit Geschenken überhäuft: Vom Bürgermeister gab es einen Geschenkkorb. Vom Heimkehrerverband ebenfalls einen Geschenkkorb. Und vom Kriegerverein: noch ein Geschenkkorb. Dazu eine Wanduhr, ein Maßkrug, ein Blumentischchen, ein Rauchservice und eine Aktentasche. Man merkt: Keiner wollte sich lumpen lassen.

Empfang im Dorf: Der damalige Bürgermeister überreicht Blumen an Karl Schäfer und Ehegattin Fanny.

Die Ankunft der Spätheimkehrer war ein Ereignis, das ganz Westdeutschland in Atem hielt. Eingefädelt hatte das Bundeskanzler Konrad Adenauer, der die sogenannte „Heimkehr der Zehntausend“ bei einem Besuch bei Sowjetmachthaber Nikita Chruschtschow im September 1955 ausgehandelt hatte. Adenauer war einmal mehr der Volksheld – ein Foto von damals zeigt, wie ihn eine Mutter ergriffen vor Dankbarkeit die Hand küsst. Am 7. Oktober 1955 trafen die ersten freigelassenen Rückkehrer im Grenzdurchgangslager Friedland ein. Danach weitere Transporte – und mit dem allerletzten auch Karl Schäfer. Historiker weisen heute daraufhin. dass unter den Spätheimkehrern auch etliche hochbelastete SS-Offiziere und NS-Verbrecher wie Wachleute des ehemaligen KZ Sachsenhausen waren – aber eben auch viele normale Wehrmachts-Soldaten. Männer wie Karl Schäfer.

Auf den Fotos von damals sehen wir einen älteren Mann mit Hut und langem Trenchcoat und Krawatte. „Er sieht aus wie ein 60-Jähriger“, sagt Tochter Gerda Fröhlich. Die Haft hatte ihn schwer gezeichnet. Schäfer litt an Tuberkulose, war „an Leib und Seele verletzt“, wie Historiker Karl-Heinz Zenker meint. Trotzdem ließ es sich Karl Schäfer nicht nehmen, vor der Festversammlung im Alten Wirt von Hallbergmoos über seine Gefangenschaft zu sprechen – „dabei waren u.a. seine Ausführungen über die russische Justiz sehr aufschlussreich“, hieß es in der Zeitung.

Die Tochter musste vaterlos aufwachsen

Tochter Gerda hatte ihren Papa im Januar 1945 im Alter von elf Monaten zuletzt gesehen. Da war der Krieg fast zu Ende. Nicht aber für Karl Schäfer. Seine Tochter musste vaterlos aufwachsen – wusste aber sehr wohl, dass ihr Papa nicht tot war. Das erste Lebenszeichen durfte Schäfer wohl ein oder zwei Jahre nach der Gefangennahme absenden. Die Karte durfte nur 15 geschriebene Worte enthalten – das war die Obergrenze. Immer wieder kam, zum Teil aber mit jahrelangen Lücken, Post aus Russland. 1952 erfuhr die Familie, dass Karl Schäfer mittlerweile in einem Sonderlager am Baikalsee fast an der mongolischen Grenze gefangen gehalten wurde. Sie schickte Pakete mit Konservendosen – und erfuhr später, dass oft nur die Hälfte ankam. Die Bedingungen für die deutschen Gefangenen spotteten jeder Beschreibung: Unterernährung, Krankheiten, Furcht vor dem nahen Tod, dazwischen auch Hoffnung auf baldige Freilassung. 1949 wurde Schäfer sogar zu 25 Jahren „Arbeits- und Erziehungslager“ verurteilt, später „wegen Nichterfüllung seiner Arbeitsnorm“ noch ein Jahr drangehängt. Drakonische Strafen, später wieder reduziert, die Schäfer aber schwer mitnahmen.

„Er sieht aus wie ein 60-Jähriger.“

Gerda Fröhlich über ihren Papa auf den Fotos

Als ehemaliger Offizier fand sich Karl Schäfer nur mit Mühe im Zivilleben zurecht. Gerda Fröhlich erinnert sich noch an die mühsamen Behördengänge – „er musste sich durch die Bürokratie kämpfen, und das ohne Telefon“. Erst nach vier Jahren fand er eine Buchhalterstelle bei einer italienischen Firma, die kandidierte Früchte herstellte. Später wechselte er zu Texas Instruments.

Privat jedoch lief es nicht so gut. Die Ehe kriselte, Karl Schäfer und seine Fanny hatten sich nach so langen Jahren entfremdet. Schließlich zog Karl Schäfer in seine Geburtsstadt Frankfurt/Main. Die Eheleute trennten sie sich. „Mein Vater ist 1986 an einer schweren Lungenentzündung verstorben“, berichtet seine Tochter.

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