Staatsanwaltschaft war Urteil zu mild

Erntehelferin erstickt Baby im Klo: Fall wird neu aufgerollt

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Hat sie aktiv zur Tötung des Kindes beigetragen? Die angeklagte Erntehelferin sitzt - wie hier 2016 - vor Gericht.

Deggendorf - Eine Erntehelferin bringt auf der Toilette ein Baby zur Welt, lässt es in der Kloschüssel ersticken und verscharrt die Leiche im Gemüsefeld. Nach einer Bewährungsstrafe 2016 wird der Fall nun neu aufgerollt.

Es war eine Verzweiflungstat während der Gurkenernte: Eine Feldarbeiterin bringt auf der Toilette ihrer Unterkunft in Niederbayern einen Sohn zur Welt und lässt ihn in der Kloschüssel ersticken. Die Leiche vergräbt sie am Rande des Ackers. Knapp 20 Monate später muss sie sich vor dem Landgericht Deggendorf erneut wegen Totschlags verantworten.

In erster Instanz war siezu einer zweijährigen Bewährungsstrafe wegen fahrlässiger Tötung verurteilt worden. Dagegen legte die Staatsanwaltschaft Revision ein; der Bundesgerichtshof (BGH) hob das Urteil auf. Dem Urteil zufolge lag bei der Tötung des Kindes kein Vorsatz vor. Hier habe der BGH rechtliche Bedenken gesehen, führte der Vorsitzende Richter Horst Müller am Mittwoch aus.

Angeklagte beteuert: Schwangerschaft nicht bemerkt

Im Sitzungssaal ist die Angeklagte sichtlich um Haltung bemüht. Selber äußern will sie sich nicht, stattdessen lässt sie ihren Verteidiger eine Erklärung verlesen. Die Schwangerschaft habe sie demnach nicht bemerkt; von der Geburt sei sie nachts auf der Toilette überrascht worden: „Ich habe etwas ins Klo plumpsen hören.“ Sie habe gleich den Eindruck gehabt, „dass etwas nicht stimmen würde“, und sich dann beim Anblick des Babys erschrocken.

Nach Angaben der Frau, die zwei kleine Töchter hat, ging es dann so weiter: Als sie das Neugeborene aus der Kloschüssel zog, lebte es nicht mehr. Sie legte den toten Buben in einen Eimer, säuberte die Toilette und vergrub die Leiche im Gemüsefeld.

Sie beteuerte, nichts aktiv unternommen zu haben, um das Baby zu töten. Das Geschehene bedauere sie sehr, sie leide darunter. Eigentlich hätte sie sich über die Geburt eines Sohnes gefreut. Nun frage sie sich selbst immer wieder, warum sie nichts unternommen habe, um das Baby zu retten. „Eine Erklärung hierfür habe ich bis heute nicht gefunden.“

Gutachten: Frau hätte Säugling retten können

Dem rechtsmedizinischen Gutachten zufolge hätte der Säugling gerettet werden können. Der Bub war lebensfähig, litt an keinerlei Vorerkrankungen und hatte zwischen wenigen Minuten und einer halben Stunde lang geatmet, wie der Gutachter am Mittwoch sagte. Die Mutter hätte das Neugeborene lediglich aus der Toilettenschüssel nehmen müssen.

Der Rechtsmediziner stellte Tod durch Ersticken fest. Das Geschehen könne sich durchaus so zugetragen haben, wie es die Mutter schilderte. Eine aktive Tötung, etwa durch das Zuhalten von Mund und Nase, sei weder auszuschließen noch zu belegen.

Mehrmals sei die Frau aufgrund ihrer Statur auf eine Schwangerschaft angesprochen worden, hieß es in der schriftlich vorgetragenen Zeugenaussage einer weiteren Erntehelferin. Das habe die damals 24-Jährige jedoch verneint. Als sie nach der verheimlichten Geburt an starken Blutungen litt, machten sich die Kolleginnen Sorgen und alarmierten einen Notarzt, der die Frau in eine Klinik brachte.

Schwierige Familiensituation

Die vom Anwalt vorgetragenen Ausführungen der Frau lassen auf eine schwierige Familiensituation schließen: Mit ihrem Mann, den Töchtern und weiteren Verwandten lebte sie im Haus der Schwiegereltern; der Mann verfiel dem Alkohol, seine Mutter bestimmte den Alltag. Zwei Wochen vor der Geburt reiste sie mit dem Schwiegervater und weiteren Landsleuten zur Gurkenernte von Polen nach Niederbayern. Während der U-Haft bekam sie von ihrem Mann und den Schwiegereltern keinen Besuch. Stattdessen erfuhr sie, „dass mein Mann die Scheidung eingereicht hat und offensichtlich die Kinder in ein Heim geben will“.

In ihrem Urteil vor einem Jahr hatte die Vorsitzende Richterin eine Ausnahmesituation der Frau berücksichtigt und zudem festgestellt: „Es gibt keine Anhaltspunkte für ein aktives Handeln der Angeklagten.“ Die Staatsanwaltschaft hatte sechs Jahre Haft wegen Totschlags durch Unterlassung gefordert. Die Angeklagte habe „den Tod verursacht, weil sie es nicht sofort aus der Kloschüssel genommen hatte“.

dpa/lby

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