So viel erster Mai war noch nie

Maibaumschwemme nach Corona: Vier Geschichten rund um den liebsten Baum der Bayern

Fällen, schepsen und bemalen: Der Maibaum von Vorstand Patrick Welz (links) und dem Trachtenverein Hohenfurch schlummert noch im Wald.
+
Fällen, schepsen und bemalen: Der Maibaum von Vorstand Patrick Welz, Hannah Kothmaier, Altvorstand Linder Franz, dem zweiten Gauvorplattler Linder Tobias und zweitem Vorstand Gistl (von links) Jürgen vom Trachtenverein Hohenfurch schlummert noch im Wald.

Schepsen und hobeln im Akkord. Vereine und Dorfgemeinschaften fiebern auf den ersten Mai hin. Nach der Corona-Zwangspause dürfen sie endlich ihre Maibäume aufstellen. Ein Verein lässt sich aber noch Zeit.

München - Ein bayerisches Dorf wie aus dem Reiseführer. Lüftlmalerei und hölzerne Kruzifixe überall. Und trotzdem: Ein Maibaum stand in Oberammergau (Kreis Garmisch-Partenkirchen) noch nie. „Wir wissen nicht, warum“, grübelt Florian Maderspacher. Im Dritten Reich gab es mal einen – mehr Ideologie als Tradition. „Ansonsten war der Ort mit Theater, Passion und dem König-Ludwig-Feuer wohl immer zu beschäftigt.“

Am Sonntag ändert sich das. 28 Meter hoch, naturbelassen und mit Taferln geschmückt, thront dann der erste Maibaum über dem Ammergauer Haus. „Vor einer Woche stand die Fichte noch auf dem Laber“, sagt Maderspacher. Mit 100 Burschen will der 26-Jährige sie senkrecht in die Luft stemmen. „Das Aufstellen per Hand dauert drei bis vier Stunden“, schätzt er. Genau weiß er es nicht, es ist ja das erste Mal.

Oberammergau: Junggesell*innenverein stellt den ersten Maibaum auf

Nicht nur der Maibaum ist ein Novum in Oberammergau. Auch der Verein, der ihn gemeinsam mit der Freiwilligen Feuerwehr, dem Trachten- und dem Musikverein aufstellt. „Unseren Junggesell*innenverein haben wir 2020 gegründet“, erzählt Antonia Schweiger. Die 19-Jährige ist angehende Kinderkrankenschwester und sitzt im Vorstand des neuen Vereins. 80 Mitglieder hat der schon. Das Besondere: „Mädels und Burschen sind vertreten.“

Der erste Maibaum für Oberammergau: Antonia Schweiger und Florian Maderspacher vom Junggesell*innenverein arbeiten hart für ihren großen Traum.

Als die jungen Oberammergauer den Verein mitten im Lockdown virtuell gründeten, hatten sie ein Ziel: „Ein Maibaum muss her.“ Wochenlang haben Maderspacher, Schweiger und die restlichen Junggesell*innen deshalb auf den 1. Mai hingefiebert. Das Projekt hat den jungen Verein nach der langen Corona-Zwangspause zusammengeschweißt. „Adrenalin liegt in der Luft“, schwärmt Schweiger. Ihr Dirndl hing ewig im Schrank, jetzt kommt es wieder zum Einsatz. „Am Wochenende rührt sich mit der Maibaum-Feier und der Jugendpassion hier wirklich brutal viel.“

Obwohl sie laut Vereinssatzung dürften, packen die Mädels heuer beim Aufstellen nicht mit an. „Wenn der erste Maibaum zum 1. Mal aufgestellt wird, lassen wir lieber die Männer ran“, sagt Schweiger und lacht. „Wir unterstützen moralisch – mit viel Kuchen und Grillfleisch.“ Wenn der Maibaum steht, haben die Junggesell*innen schon ihr nächstes Ziel im Blick: „Ein gscheid’s Festl mit Bierzelt“, sagt Maderspacher. Wieder ein Novum im Passionsdorf. „Warum nicht Neues ausprobieren? Der Ort wird vielfältiger – und uns geht es um Zusammenhalt.“

Oberbayerns Bezirksheimatpfleger Norbert Göttler im Interview: „Maibäume stehen für Aufbruch“

Es gibt Orte, die seit sechs Jahren ohne Maibaum sind. Gab es so ein Aufstell-Tief schon mal?
Göttler: Wann ein Maibaum aufgestellt wird, ist kein Dogma. Schon früher wurden in Krisenzeiten keine aufgestellt. Im Zweiten Weltkrieg war das wohl zuletzt der Fall. Wenn nach einer solchen Zeit aber wieder ein Maibaum aufgestellt wird, ist das etwas Besonderes. Für die Menschen steht er dann für Aufbruch und Wiedererwachen nach harten Zeiten. Seit jeher ist ein Maibaum ja auch Frühlingsbote. 
Was symbolisiert der Maibaum heuer noch? 
Göttler: Der Maibaum stärkt die Gemeinschaft im Dorf. Alle sollen zusammenkommen und -helfen. Und alle Feste, die jetzt wieder starten, zeigen: Es rührt sich wieder was, wir trauen uns raus – auch mit engem Körperkontakt, wie es eben beim traditionellen Maibaum-Aufstellen per Hand der Fall ist. Viele Orte bestehen ja auf der Muskelkraft ihrer jungen Männer und der langen, mühsamen Arbeit mit Stangen und Scheren. Aber auch das stärkt eben die Gemeinschaft. Und auf so einem Fest gibt es ja auch das ein oder andere Techtelmechtel – damals wie heute (lacht)
Aufgestellt wird erst zum Schluss, aber auch davor gibt es viel zu tun...
Göttler: Vor dem feierlichen Aufstellen gibt es eine ganze Reihe an Ritualen. Maibäume werden nicht gekauft, sondern von Waldbesitzern gestiftet. Ist der Baum eingeholt, beginnt das gemeinsame Bearbeiten, Schmücken und Bewachen. Das Stehlen ist Teil des Brauchs, sollte aber nicht die zentrale Rolle spielen und schon gar nicht böses Blut wecken. Wer beim nächtlichen Klau erfolgreich war, sollte vom Verein zum Fest eingeladen werden und mitfeiern dürfen. Das Auslösen muss dann nicht übertrieben werden.
Lockt ein Maibaum auch notorische Stubenhocker nach draußen?
Göttler: Man kennt das aus vorherigen Jahrhunderten: Nach großen Umbrüchen ziehen sich Menschen aus der Gesellschaft ins Private zurück. Die Pandemie ist noch nicht vorbei und so gibt es diese Sorge auch momentan – Verbiedermeierung der Gesellschaft nenne ich das. Der 1. Mai könnte eine Chance sein und diesem Trend entgegenwirken. Der Maibaum zeigt: Es gibt wieder ein öffentliches Leben. Nicht nur für Vereine, auch für Künstler und Handwerker, für jeden im Ort. (sco)

Zum ersten Mai läuft‘s gut: Grafinger Wildbräu im Lieferstress

„Die Leute haben wieder Lust zum Feiern“, sagt Johannes Hartwig. Er ist Braumeister beim Grafinger Wildbräu im Kreis Ebersberg. Für die Brauerei bedeutet der 1. Mai „deutlich mehr Aufträge als vor der Pandemie, einfach, weil sich so viele Feiern aufgestaut haben“. Normalerweise liefern die Grafinger Bier und Equipment wie Kühlwagen, Sonnenschirme, Gläser und Biergarnituren für drei bis vier Maibaumfeiern sowie die dazugehörigen Wachstüberl. Heuer sind es sechs Feste, die sie direkt beliefern und zwei Partner, für die sie die Getränke liefern. Auch die Wachstüberl sind gut besucht. Ein bis zwei Paletten Bier, umgerechnet 450 bis 700 Liter, hat die Brauerei pro Stüberl verkauft – jede Woche. An den Wochenenden, wenn die Stüberl besondere Wachen abhalten, kommen laut Hartwig schon mal 500 bis 700 Liter dazu.

Der Braumeister vom Grafinger Wildbräu: Johannes Hartwig ist für die Festsaison gewappnet.

Rohstoffbeschaffung und Lagerhaltung seien für die Brauerei momentan eine Herausforderung, sagt Hartwig. Aber keine unlösbare. Trotz abgesagter Feste habe man auch während der Pandemie „immer guad zum doa“ gehabt. Wie viel Bier beim Aufstellen am 1. Mai weggeht, könne er schlecht sagen, sagt Hartwig. Der Bierdurst ist halt immer unterschiedlich. Geplant werde mit 3000 bis 4500 Litern pro Fest, je nach Zahl der Gäste. Die Sorge, dass die kleine Familienbrauerei nicht genug liefern könne, hat der Braumeister vom Wildbräu nicht. „Eigentlich läuft’s grad echt gut.“

Stolze Nachzügler: Trachtenverein aus Hohenfurch stellt Maibaum erst an Christi Himmelfahrt auf

Erster Mai – und der Maibaum liegt noch immer nackt im Wald. Der Trachtenverein von Hohenfurch (Kreis Weilheim-Schongau) geht heuer eigene Wege. „Es heißt ja Maibaum und nicht Erster-Mai-Baum“, sagt Trachtler-Chef Patrick Welz und lacht. „Wir freuen uns dieses Mal lieber auf Christi Himmelfahrt.“ Da stellen „D’Schwalbenstoaner“ ihren Maibaum nämlich auf. Eine Fichte, 25 Meter hoch, weiß-blau, mit 36 Schildern und einer goldenen Kugel an der Spitze.

Der Termin ist bewusst gewählt. „In der Region stellen dieses Jahr viele Vereine auf. Durch Corona hat sich was angestaut“, sagt Welz. Mindestens 30 Maifeiern finden statt. Kran-, Klo- und Spülwagenverleiher seien vielerorts ausgebucht, weiß der 29-Jährige. „Wenn wir erst am Vatertag aufstellen, können unsere Freunde aus den anderen Orten mit dabei sein.“

Nach zwei langen Jahren sind die 268 Trachtler froh, dass es wieder losgeht. Mit dem Schepsen haben sie schon begonnen. Stück für Stück Rinde tragen sie ab, bis der Stamm eben ist. „Den letzten Maibaum haben wir 2015 aufgestellt“, sagt Welz. 2019 musste er weichen. Ein Jahr wollten die Hohenfurcher ohne durchhalten und 2020 einen prächtigen „Jubiläumsbaum“ zu ihrem 100. Geburtstag aufstellen. „2021 hat es auch nicht geklappt. Da wird man frustig, wenn man ständig plant und doch wieder absagen muss.“

Umso wichtiger ist dem frisch gewählten Vorsitzenden der diesjährige, sein erster Maibaum. „Nach schweren Zeiten holt er das ganze Dorf aus dem Winterschlaf.“ Und so wollen die Trachtler auch weitermachen: „Wir müssen Präsenz zeigen, die Gemeinschaft beleben und die Menschen wieder aus ihrer Bequemlichkeit locken.“ Am 26. Mai fällt der Startschuss dafür. Hohenfurch muss seinen Baum also länger vor Räubern bewachen. „Er darf erst geklaut werden, wenn er nicht mehr im Wald liegt“, sagt Welz und lacht. „Wo wir ihn danach lagern, bleibt natürlich geheim. In einem Hochsicherheitsstadl halt, so viel ist schon sicher.“

Noch viel zu tun: In Miesbach arbeiten Stefan Baumgartner, Jörg Dreher und Walter Fraunhofer (von links) an den Tafeln des Maibaums. Auch eine Bühne wird errichtet. Im Hintergrund sind die WCs von Heisl-Kini Josef Bettschar bereits aufgestellt.

Der Heisl-Kini von Miesbach: Kein Mai-Fest ohne stille Örtchen

Toiletten stellt Josef Bettschar gerade im Akkord auf. Der 59-Jährige vermietet mit seinen „00-Kinis“ mobile Klos im ganzen Oberland. „Mein Tag beginnt um vier Uhr, oft früher“, sagt er, während er vier „Komfort-Kinis“ und ein Sechser-Pissoir am Marktplatz in Miesbach ablädt. „Ohne stille Örtchen gibt’s ja kein Festl.“ Während der Pandemie hat Bettschar vor allem Baustellen beliefert. Jetzt, da die Festsaison wieder startet, mieten auch Gemeinden und Vereine wieder. „Wir merken, der 1. Mai steht vor der Tür. Wir bräuchten locker drei Fahrer mehr.“

Der Heisl-Kini: Josef Bettschar beim Ausliefern in Miesbach.

Von Vagen bis Egling, von Bad Wiessee bis Straßlach fährt Bettschar seine Kinis aus. Überall werden am Sonntag Maibäume aufgestellt. Nach der Feier holt er seine Kinis wieder ab. Dann beginnt das Putzen. „Saubären gibt’s immer, meinen Job finde ich aber trotzdem schön.“ (sco/hgr)

Meistgelesen

Fußgängerin bei Unfall mit Bus schwer verletzt
BAYERN
Fußgängerin bei Unfall mit Bus schwer verletzt
Fußgängerin bei Unfall mit Bus schwer verletzt
Bienen: Naturschützer fordern mehr Engagement der Regierung
BAYERN
Bienen: Naturschützer fordern mehr Engagement der Regierung
Bienen: Naturschützer fordern mehr Engagement der Regierung
Ukraine-Flüchtlinge können kostenlos mit Länderbahn fahren
Ukraine-Flüchtlinge können kostenlos mit Länderbahn fahren
Beim Ausladen von Kisten: Teenager stehlen Rentnerin Auto
BAYERN
Beim Ausladen von Kisten: Teenager stehlen Rentnerin Auto
Beim Ausladen von Kisten: Teenager stehlen Rentnerin Auto

Kommentare