Unterricht mit behinderten Schülern

Lehrer klagen an: „Inklusion wird nicht gelingen, wenn ...“

Zu wenig Personal, keine Fortbildungen: Die bayerischen Lehrer haben der Staatsregierung ein sehr schlechtes Inklusions-Zeugnis ausgestellt und rufen nach Unterstützung.

München – Die Lehrer in Bayern fordern deutlich mehr Personal für den Unterricht mit behinderten Schülern und eine Doppelbesetzung in entsprechenden Lerngruppen. 81 Prozent der bayerischen Lehrer sprachen sich in einer Forsa-Studie dafür aus, eine Doppelbesetzung mit Sonderpädagogen immer einzurichten, eine zeitweise Doppelbesetzung befürworteten 18 Prozent. „Gelungene Inklusion ist immer noch nicht in Sicht, weil es an allem fehlt“, sagte die Präsidentin des Lehrerverbands BLLV, Simone Fleischmann, am Montag in München. „Die Personalsituation ist weiterhin miserabel.“

Dabei seien die Lehrer hochmotiviert, die Inklusion weiter voranzutreiben. 53 Prozent der Lehrer halten den gemeinsamen Unterricht von Kindern mit und ohne Behinderung für sinnvoll – aber eben nur mit der Unterstützung von Sozial- und Sonderpädagogen sowie Schulpsychologen. An zwölf Prozent der Schulen in Bayern gibt es laut der Lehrer-Befragung keine dieser Unterstützungen.

Forsa-Umfrage zeigt Missstände

„Inklusion wird nicht gelingen, wenn die Lehrkraft alleine ohne Unterstützung von weiteren Professionen in zu großen Klassen und zu kleinen Räumen unterrichten muss“, sagte Fleischmann. Nach Schulnoten bewertet, gaben die Lehrer der personellen Ausstattung für die Umsetzung der Inklusion in Bayern daher die Note 4,7. 75 Prozent der befragten Lehrer gaben an, dass es eine Doppelbesetzung in ihren inklusiven Lerngruppen nicht gebe.

Die Zahlen stammen aus einer bundesweiten Forsa-Umfrage, für die mehr als 2000 Lehrer befragt wurden, davon 500 in Bayern. Die bundesweiten Ergebnisse decken sich dabei mit denen aus dem Freistaat: Fast alle Lehrer fordern die Doppelbesetzung aus Lehrer und Sonderpädagoge; auch die Sinnhaftigkeit der Inklusion an Regelschulen wird ähnlich bewertet. Eine Auflösung von Sonder- und Förderschulen halten die Lehrer nicht für den richtigen Weg: Bundesweit wollen 59 Prozent der Lehrer, dass alle Förderschulen erhalten bleiben. In Bayern sprechen sich dafür sogar 64 Prozent aus.

Freistaat habe massiv aufgestockt

Das bayerische Kultusministerium verwies als Reaktion auf die Studie unter anderem auf 600 zusätzliche Lehrerstellen, die seit 2011 eigens für die Inklusion zur Verfügung gestellt worden seien. Dem steht die Schätzung des BLLV gegenüber, dass rund 30.000 zusätzliche Fachkräfte gebraucht würden. „Aber das ist natürlich eine Vision“, sagte Fleischmann.

Das Ministerium betonte, dass die Aus- und Fortbildung der Lehrer an verschiedenen Stellen auf die Herausforderungen durch die Inklusion angepasst worden seien. Der Freistaat habe „massiv“ in den Ausbau der Ausbildung von Lehrkräften für Sonderpädagogik investiert; die Zahl der Schulen mit dem Profil Inklusion sei auf 240 erhöht worden. Zudem sollen die Universitäten im Rahmen des Lehramtsstudiums ein entsprechendes Modul anbieten.

BLLV: Vertrauen ins Konzept der Inklusion zurückgewinnen

Die mangelnde Weiterbildung der Lehrkräfte wurde von den Lehrern in der Studie ebenfalls bemängelt und erhielt in Bayern im Durchschnitt die Note 4,2. „Die Lehrkräfte sind immer noch nicht ausreichend vorbereitet und werden nicht ausreichend unterstützt“, sagte Fleischmann dazu. „Das Vertrauen der Lehrer in das Konzept der Inklusion muss zurückgewonnen werden. Dazu bedarf es massiver Investitionen.“

Das sieht auch die SPD im Landtag so: „Bei der Umsetzung der Inklusion an unseren Schulen klaffen Anspruch und Wirklichkeit noch zu weit auseinander“, kritisierte die stellvertretende Fraktionsvorsitzende Margit Wild.

dpa

Rubriklistenbild: © dpa

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