Sarglos zur letzten Ruhe

Bayern lockert Sargpflicht: Muslime deuten Schritt als Wertschätzung - Bestatter sehen Änderung jedoch kritisch

Seit 1. April gelten in Bayern neue Regeln bei Bestattungen. Für Muslime dabei essenziell: Sie können sich nun ohne Sarg beerdigen lassen. Bestatter sehen das kritisch.

Penzberg – Gönül Yerli von der Islamischen Gemeinde in Penzberg (Kreis Weilheim-Schongau) ist froh. Das Ende der Sargpflicht ist für sie Zeichen der Wertschätzung gegenüber ihrer Religion. „Muslimen ist es wichtig, für den Angehörigen am Lebensende alles richtig zu machen“, sagt sie. Dazu gehört auch eine Erdbestattung: Mit Blick gen Mekka werden Muslime in weiße Leinentücher gehüllt beerdigt – traditionell ohne Sarg. Weil das in Bayern bisher verboten war, wurden die Toten oft überführt und im Ausland begraben. Ein emotionales Dilemma für viele.

Bis zuletzt tobte im Landtag und auch außerhalb eine Debatte um die Sargpflicht. Die Stadt München etwa plädierte 15 Jahre lang dagegen. Der Bayerische Bestatterverband dafür. Seit 1. April erlaubt eine neue Verordnung in Bayern das, was bundesweit – Sachsen und Sachsen-Anhalt ausgenommen – schon lange möglich ist: das Bestatten ohne Sarg.

Bayern: Städte müssen Friedhofssatzungen prüfen und ändern

Doch in Bayern entscheidet jede Kommune selbst, ob und wie die Benutzungssatzung der Friedhöfe angepasst wird. In Penzberg etwa ist man sich seiner „Vorreiterrolle“ bewusst, leben doch im Stadtgebiet samt Umland rund 1000 Muslime. „Wir wissen, dass Eile geboten ist. Der Stadtrat wird sich bald mit einer Satzungsänderung befassen“, sagt Johannes Jauß vom Ordnungsamt. Schließlich sei den Bürgern schwer klar zu machen, dass sarglose Bestattungen zwar seit 1. April erlaubt sind, aber derzeit noch nicht durchgeführt werden können. „Dennoch muss alles geprüft und rechtssicher sein.“

Auch München bereitet sich auf die Änderung der Friedhofssatzung vor. Zuletzt wurde etwa am Westfriedhof bei Probebeisetzungen mit Dummy-Puppen getestet, wie man dort künftig ohne Sarg vorgehen könnte. Wie muss der Leichnam gewickelt und transportiert werden? Wie lässt man ihn hinab ins Grab?

Salih Güler aber steht nicht vor neuen Herausforderungen. Seit 13 Jahren führt er sein Bestattungsinstitut und beerdigte Muslime außerhalb Bayerns schon regelmäßig ohne Sarg. „Auf dem Münchner Waldfriedhof, dem West- und Südfriedhof war die richtungsgebundene Bestattung auf muslimischen Grabfeldern ja schon möglich. Dass das endlich auch ohne Sarg passieren darf, war jetzt überfällig“, sagt Güler. Er steht schon in den Startlöchern: „Wir rechnen frühestens Mitte Mai mit dem Okay der Stadt.“

Bayern: Auch Nicht-Muslime an sargloser Beisetzung interessiert

Dass sich in Bayern nun sofort mehr Muslime bestatten lassen, glaubt Güler nicht. Die ältere Generation sei noch zu heimatverbunden. Doch mit der Zeit steige die Zahl sicher. Auch von Nicht-Muslimen bekam Güler bereits Anfragen für sarglose Bestattungen: „Sie finden den Gedanken wohl einfach schön, in direktem Kontakt mit der Erde bestattet zu werden.“

Das Bestattungsunternehmen Hanrieder hingegen erreichte bisher keine dieser Anfragen. Daher beschäftigt sich Ralph Hanrieder eher mit den anderen Änderungen der Bestattungsverordnung. „Zu Gunsten der Bürger wurde die Bestattungsfrist etwa von vier auf acht Tage verlängert“, sagt er. „Allerdings unterliegen jetzt auch Urnen erstmals einer Frist und müssen binnen drei Monaten beigesetzt sein.“

Das Abschaffen der Sargpflicht aber sieht Hanrieder kritisch. Um Verstorbene zu überführen, seien Särge unabdingbar. „Keiner weiß, wie das ohne funktionieren soll – Unfallwannen sind dafür ja nicht gedacht“, sagt er. Auch die lehmhaltigen Böden machen ihm Sorgen. „Wenn Bestattungen ohne Sarg deshalb nicht umsetzbar sind, sollten die Kommunen die Satzung nicht aus Zugzwang ändern müssen.“ Und wenn, dann müsse man die Grabruhe verlängern. Ohne Sarg könnte der Verwesungsprozess erheblich länger dauern. Ein Punkt, weshalb Muslime traditionell eigentlich auch auf die „ewige Grabruhe“ setzen.

Rubriklistenbild: © Oliver Bodmer

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