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Schleuser-Jagd an der Grenze: Ein Fahrer versuchte mit 220 km/h zu flüchten

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Von: Katrin Woitsch

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Bundespolizisten kontrollieren an der Station an der A93 einen Lkw
Kontrolle an der A93: Die Bundespolizisten kontrollieren einen französischen Lastwagen. © Marcus Schlaf

Die Bundespolizei in Rosenheim beobachtet, dass die Zahl der Schleusungen über die Grenze wieder zu nimmt. Die Reise ist für viele Migranten nicht nur sehr teuer – sondern auch oft lebensgefährlich. Erst vor drei Tagen versuchte ein Schleuser mit 220 km/h der Polizei zu entkommen – mit zwei Männern im Kofferraum.

Die Fahrt im Flixbus endet für fünf Männer nicht wie geplant in München. Sondern auf der A 93 bei Kiefersfelden. Die Beamten der Rosenheimer Bundespolizei winken den Bus an der Kontrollstelle raus. Weil sie wissen, dass sich in den Bussen fast immer Menschen ohne gültige Ausweispapiere befinden. Auch an diesem verregneten Novembermorgen ist es so. Fünf Syrer sitzen im Bus. Alle wollen in Deutschland Asyl beantragen. Dabei haben sie Rucksäcke, Plastiktüten, einen kleinen Rollkoffer. Mehr ist von ihrem alten Leben nicht übrig geblieben. Die Bustickets haben sie von Schleusern bekommen. Vermutlich haben sie vier oder fünfstellige Beträge für die Fahrt nach Deutschland bezahlt. Die Männer sprechen Englisch, das macht es für die Bundespolizisten einfacher, ihnen zu erklären, was nun passiert.

Der Bus fährt nach ein paar Minuten ohne sie weiter. Die Syrer warten in der Kontrollstelle, bis ein Polizeibus sie in die Dienststelle bringt. Dort werden die Fingerabdrücke genommen und alle Daten erfasst. Die Polizei kann dadurch abgleichen, ob es sich um Personen handelt, nach denen gesucht wird. Oder ob die Migranten bereits in einem anderen Land Asyl beantragt haben. Dann müssten sie dorthin zurückkehren. Anschließend bekommen sie Zugtickets, alle nötigen Informationen und werden zum Bahnhof gebracht, um weiter nach München zu fahren und sich dort in einer Erstaufnahmestelle zu melden.

Bis der Polizeibus kommt, warten die Syrer in einem kleinen Raum, in den provisorischen Containerbau der Bundespolizei neben der Kontrollstelle. Die Container stehen seit 2016, als die Grenzkontrollen wegen der vielen unerlaubten Einreisen eingeführt worden. Erst vor wenigen Tagen hat Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) diese Kontrollen erneut verlängert. Damit geht für die Bundespolizei alles weiter wie bisher.

An zwei von drei Tagen fassen wir einen Schleuser.

Bundespolizei-Sprecher Rainer Scharf

Sie kontrolliert nicht nur an der A 93, sondern auch auf den Landstraßen und in den Zügen. Auch die Landespolizei ist in Absprache mit der Bundespolizei im Grenzgebiet unterwegs, um Schleuser zu fassen. Das passiert beinahe täglich. „An zwei von drei Tagen fassen wir einen Schleuser“, sagt Bundespolizei-Sprecher Rainer Scharf. Fünf bis 20 Migranten ohne Papiere werden täglich aufgegriffen. Im Zug, in Schleuserautos oder Bussen. „Es gab auch Fälle, in denen sie von den Schleusern einfach ausgesetzt und sich selbst überlassen wurden“, sagt Scharf. Vor der deutschen Polizei haben die Geflüchteten meist keine Angst. Sie wissen oder verstehen schnell, dass durch die Polizei ihr Asylverfahren beginnt.

Die Jagd nach den Schleuserbanden ist schwierig. Meist werden nur die Fahrer gefasst. Manchmal kommen die Ermittler an die Hintermänner. Oft bleibt es bei der Anzeige gegen den gefassten Fahrer. Die Schleuser-Fälle nehmen seit einigen Wochen wieder deutlich zu. „Wir sind aber noch lange nicht bei den Zahlen, die wir 2015/16 hatten“, sagt Ludger Otto, der Rosenheimer Inspektionsleiter. Heute wäre die Bundespolizei auf die Verhältnisse von damals auch besser vorbereitet, betont er. Das Personal ist überall aufgestockt worden, die Zuständigkeitsbereiche sind anders zugeschnitten. Die Zusammenarbeit mit anderen Einheiten, auch mit den österreichischen Kollegen, wurde ausgebaut.

Aus Sicht der Bundespolizei sind die Grenzkontrollen trotz des hohen Aufwands sinnvoll, betont Otto. Nicht nur wegen der unerlaubten Einreisen. Allein am Wochenende sind bei den Kontrollen der Rosenheimer Beamten neun Personen gefasst worden, nach denen mit Haftbefehl gesucht wurde.

Wir sind noch lange nicht bei den Zahlen, die wir 2015 hatten.

Inspektionsleiter Ludger Otto

Auch an diesem Morgen sind den Beamten an der A 93 schon vor 10 Uhr zwei Fahndungserfolge geglückt. Außerdem entdeckten die Beamten in einem Auto ein verbotenes Butterfly-Messer. Ihre Kontrollen sind stichprobenartig – und basieren auf ihrer Erfahrung. Manchmal ist es auch mit bloßem Auge erkennbar, dass zu viele Menschen im Auto sitzen. Erst am Dienstag hatten die Beamten so einen Fall. Sie forderten den Fahrer zum Halten auf – doch der gab Gas. Erst nach 40 Kilometern konnten sie ihn zum Anhalten zwingen. Im Auto befanden sich sechs türkische Migranten. Zwei davon ungesichert im Kofferraum. Trotzdem versuchte der Fahrer mit 220 km/h zu entkommen. Es war pures Glück, dass niemand verletzt wurde. Trotz langjähriger Erfahrung mit dreisten Schleusern – solche Fälle machen auch Ludger Otto und seine Kollegen kurz sprachlos.

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