Verfahren eingestellt

Für 240 Euro Trinkgeld? Krematorium soll Körperteile im Feuer „entsorgt“ haben

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Ein Leichnam wird in einem Ofen eines Krematoriums verbrannt. Mitarbeiter des Krematoriums in Regensburg sollen bei Feuerbestattungen auch Leichenteile anderer Menschen mitverbrannt haben.

Die Vorwürfe gegen das Krematorium in Regensburg waren schwer: Mitarbeiter des Betriebs sollen bei der Einäscherung nicht sauber gearbeitet haben. Nun wurde das Verfahren eingestellt.

Update vom 5. Juli 2018

Regensburg – Mitarbeiter des Krematoriums in Regensburg sollen bei Feuerbestattungen auch Körperteile anderer Menschen mitverbrannt haben. Nun sind die Ermittlungen dazu unter anderem mangels Beweisen und wegen zu geringer Schuld eingestellt worden, wie ein Sprecher der Staatsanwaltschaft am Donnerstag (5. Juli) sagte. 

Seit August 2016 wurde gegen mehrere Mitarbeiter einer pathologischen Gemeinschaftspraxis und des städtischen Krematoriums Regensburg ermittelt (siehe Erstmeldung unten). Die Vorwürfe: Störung der Totenruhe, Bestechlichkeit und Bestechung.

Die Praxis soll – vermutlich schon seit den 1990er Jahren und bis 2015 – immer wieder Gewebeproben und amputierte Körperteile zur Entsorgung an das Krematorium geliefert haben. Die Mitarbeiter dort verbrannten diese im Rahmen von Feuerbestattungen kostenlos mit. Im Gegenzug soll das Krematorium ein Trinkgeld von 240 Euro im Jahr erhalten haben.

Viele der Mitarbeiter kamen erst später in die Unternehmen, so die Staatsanwaltschaft, und wussten nicht einmal, wo das ohnehin eher geringe Trinkgeld überhaupt herkam. Die Beteiligten seien zudem nicht davon ausgegangen, dass das Verbrennen der Praxisabfälle verboten ist. „Damit kann auch keine Bestechung im Raum stehen“, so der Sprecher weiter. Die Störung der Totenruhe habe nicht einzeln nachgewiesen werden können.

Dieser Themenkomplex der Ermittlungen sei damit komplett eingestellt. Weitere Ermittlungen laufen allerdings noch unter anderem wegen Betrug. Dabei geht es um mögliche Unregelmäßigkeiten beim Versand von Urnen und die private Verwendung von Spenden.

dpa

Erstmeldung vom 15. Februar 2017

Regensburg – Die Geschichte klingt eher nach einem Thriller als nach der Wirklichkeit: Die Staatsanwaltschaft in Regensburg ermittelt gegen Mitarbeiter des Kremtoriums, weil sie Körperteile, aber auch Beutel mit Gewebe- und Blutproben illegal entsorgt beziehungsweise mitverbrannt haben sollen. Diese hätten jedoch als Sondermüll entsorgt werden müssen. 

Besonders ein Mitarbeiter geriet dabei unter Verdacht. Dieser soll jedoch seit längerer Zeit nicht mehr in dem Bereich tätig gewesen sein, berichtete Stadtsprecherin Juliane von Roenne-Styra auf Anfrage der „Mittelbayerischen Zeitung“. Schon im August habe die Staatsanwaltschaft Hinweise von Zeugen aus dem Mitarbeiterkreis bekommen. Am Dienstag wurden nach einem Durchsuchungsbeschluss in den Räumen des Krematoriums Unterlagen sichergestellt. 

Störung der Totenruhe in rund 200 Fällen?

Dass die unsachgemäße Mitverbrennung der Abfälle eine Weile her ist und im Mai 2015 aufgehört haben soll, wirkt sich erschwerend auf die Ermittlungen aus. Es geht um etwa 200 Fälle, die sich laut Staatsanwaltschaft im Zeitraum von Anfang 2011 bis Mai 2015 ereignet haben sollen. Im Jahr werden im Krematorium rund 3000 Einäscherungen vorgenommen, 14 Mitarbeiter arbeiten in dem Betrieb.

Die Staatsanwaltschaft untersucht zudem, woher die „Reste“ gekommen sein könnten - es wird vermutet, dass es sich um medizinische Abfälle aus Kliniken oder auch von niedergelassenen Ärzten handelt. Das geht aus Informationen hervor, die Theo Ziegler, Sprecher der Staatsanwaltschaft, der Mittelbayerischen Zeitung gab.

„Sollten sich die Vorwürfe bestätigen, handelt es sich eindeutig um eine Störung der Totenruhe“, sagte der Sprecher des Bundesverbandes Deutscher Bestatter, Oliver Wirthmann, in Düsseldorf. Ein solcher Vorgang sei indiskutabel und könne mit nichts gerechtfertigt werden. Er verweist auf die ethischen Grundsätze der Feuerbestattung. Demnach muss jede Einäscherung einzeln durchgeführt werden, sodass keine Vermischung von Aschen stattfindet. Zudem dürfen in einem Krematorium ausschließlich menschliche sterbliche Überreste eingeäschert werden.

In diesem Fall müsste jedoch laut §168 jemand „unbefugt aus dem Gewahrsam des Berechtigten den Körper oder Teile des Körpers eines verstorbenen Menschen, eine tote Leibesfrucht, Teile einer solchen oder die Asche eines verstorbenen Menschen“ weggenommen oder daran „beschimpfenden Unfug“ verübt haben. Ob das überhaupt der Fall sei, muss laut Theo Ziegler, Sprecher der Staatsanwaltschaft, der Richter in der Gerichtsverhandlung entscheiden - falls es denn zu einer kommt. Bis zur Entscheidung, ob Anklage erhoben wird, wird es wegen der langwierigen Ermittlungen noch dauern. 

Außerdem noch weitere Delikte

Von den Ermittlungen betroffen sind jedoch auch noch andere Delikte: Zwischen 2011 und Juni 2016 sollen Mitarbeiter zweimal Urnen auf normalen Postweg versandt, bei den Hinterbliebenen aber das Geld für den deutlich teureren Urnenversand abgerechnet haben. Zudem soll für wohltätige Zwecke gedachtes Geld, das bei Trauerfeiern eingesammelt wurde, zweckenfremdet worden sein. Laut Ziegler sollen sich vier Mitarbeiter das Geld geteilt haben, was Spendenbetrug wäre. 

In der Vergangenheit immer wieder Trauerfälle ausgenutzt 

In der Vergangenheit hatten immer wieder Bestatter Trauerfälle skrupellos ausgenutzt. In Nürnberg hatten Mitarbeiter eines Krematoriums bei der Einäscherung anfallendes Zahngold an einen Juwelier verkauft und dafür rund 130.000 Euro kassiert. In Gießen soll ein Bestatter in einem Krematorium Särge geöffnet und den Schmuck gestohlen haben. Im rheinland-pfälzischen Bad Kreuznach hatte ein Bestatter die Urnen statt mit der Asche der Toten mit Sand gefüllt.

Mit Material von dpa

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