Test von Polizei, ADAC und BRB

Todesfalle Bahnübergang: Zugführer schildert dramatische Erfahrung - elf Tote in Bayern 2020

Immer wieder fahren Autofahrer an unbeschrankten Bahnübergängen über das Gleis und gefährden damit ihr Leben. In Holzkirchen wurde auf diese Gefahr aufmerksam gemacht.

Holzkirchen - Mit 100 km/h donnern 240 Tonnen aus Richtung Warngau (Landkreis Miesbach*) nach Süden: Ein Triebwagen der Bayerischen Regiobahn (BRB), die Richtung Schaftlach stampft. Am kleinen Bahnübergang auf Höhe des Sportflugplatzes blinken die Andreaskreuze rot, der Zug hupt und legt kurz vor der Kreuzung mit der Straßen eine Vollbremsung ein. Ein lautes Quietschen kreischt über die Wiesen, doch der Zug wird kaum langsamer, es dauert eine gefühlte Ewigkeit, bis der Koloss aus Stahl und Glas endlich zum Stehen kommt – nach 200 Metern.

Demonstration von ADAC, BRB und Polizei: Gefahr an Bahnübergängen

„Hätte hier gerade ein Auto versucht, den Bahnübergang zu queren, hätte es für die Insassen tödlich enden können“, berichtet Stefan Neubeck (54), Triebwagenführer der BRB, der als Zuschauer beobachtet, wie lange es dauert, bis ein Zug bei einer Vollbremsung zum Stehen kommt. Es ist nur eine Demonstration, mit der BRB, ADAC und Polizei zeigen wollen, wie schwer es ein Zug hat, für Autos zu bremsen, die trotz blinkender Andreaskreuze einen Bahnübergang überqueren.

Triebfahrzeugführer Stefan Neubeck hat gerade die Vollbremsung eines Zuges der Bayerischen Regiobahn beobachtet.

Zugführer schildert dramatischen Unfall: Familie wird schwer verletzt

Neubeck hat das voriges Jahr nahe Lochham selbst erlebt: Ihm ist ein Auto vor den Zug gefahren: „Ich war auf der Fahrt von Warngau nach Holzkirchen, meine letzte an diesem Tag.“ Neubeck sah noch aus der Ferne, wie sich von links ein Auto mit hoher Geschwindigkeit dem Bahnübergang näherte. „Ich hatte dann aber keine Sicht mehr, da Bäume und Gebäude die Sicht auf den Bahnübergang verdeckten.“ Das Ganze auch noch in einer Kurve. Da stand das Auto wie aus dem Nichts vor dem Zug.

Die Bahn erfasste den Wagen, schleuderte ihn gegen ein Bahnwärterhäuschen, das wie der Peugeot durch den Aufprall zertrümmert wurde. Der Fahrer (28), seine Beifahrerin (22) und ein Kind (vier Monate) wurden schwer verletzt. Die Feuerwehr musste die eingeklemmte Mutter aus dem Auto schneiden.

Lokführer chancenlos: Immer wieder Unfälle an Bahnübergängen

Neubeck: „Die Familie hatte noch Glück im Unglück.“ Andere haben das nicht: Voriges Jahr kamen bei 50 Unfällen an Bahnübergängen in Bayern elf Menschen ums Leben. 95 Prozent dieser Unfälle werden von den Autofahrern verursacht. Die Lokführer haben kaum eine Chance, die Unfälle zu verhindern.

Neubeck „Zwar haben unsere Züge hochmoderne Bremssysteme mit einer Art Anti-Blockier System, aber jedes Rad hat nur eine Kontaktfläche zur Schiene in der Größe eines Fingernagels, und je schneller der Zug, desto länger der Bremsweg.“

Gefahr am Bahnübergang: „Das Risikobewusstsein sinkt“

In Bayern gibt es gut 3000 Bahnübergänge, so viele, wie in keinem andern Bundesland. Im Bereich der Oberlandbahn sind von 80 Kreuzungen nur 50 mit Schranke versehen, die anderen haben ein Andreaskreuz, oft mit Blinklicht. Wieso dennoch viele Autofahrer versuchen, vor einem Zug schnell die Gleise zu überqueren? „Meist ist es Zeitdruck und der Irrglaube, die Situation unter Kontrolle zu haben“, berichtet Rüdiger Lode vom ADAC Südbayern. Nicht selten herrsche auch eine gefährliche Routine: „Wenn beim wiederholten Male nichts passiert, sinkt das Risikobewusstsein.“ (we) *Merkur.de/bayern ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

Rubriklistenbild: © Lennart Preiss/dpa

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