Im Allgäu

Zwei- und Vierbeiner proben gemeinsamen Lawinen-Einsatz

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Ein Teilnehmer des Winterrettungslehrgangs der Allgäuer Bergwacht tritt am 01.02.2017 auf dem Nebelhorn bei Oberstdorf (Bayern) mit einer sich in einem Schneeloch befindlichen Person in Kontakt, die zuvor von Lawinensuchhund Lukas aufgespürt wurde.

Oberstdorf - Wenn es um Leben und Tod geht, müssen sie wie die Profis arbeiten. Dabei engagieren sich die Bergretter alle ehrenamtlich. Im Allgäu werden die Helfer von morgen geschult. Der Job ist begehrt, Nachwuchsmangel gibt es nicht.

Es ist kalt. Bei 60 Stundenkilometern Windgeschwindigkeit fühlen sich minus sechs Grad wie Sibirien an. Roman Bechter liegt im tiefen Schnee und wartet auf Hilfe. Es ist stockdunkel im Skigebiet des Nebelhorns bei Oberstdorf. Sein Oberschenkel ist gebrochen, sein Knie verdreht. Mit dem Smartphone hat er die Bergretter alarmiert. Zu Hilfe kommen ihm Bergwacht-Anwärter, junge Männer und Frauen aus dem Allgäu, die einen Winterrettungslehrgang machen. Bechter ist einer von ihnen und nun mimt er das Opfer.

Dies ist nur eine der Übungen, die die 21 Teilnehmer des Winterrettungslehrgangs der Bergwacht Allgäu am Nebelhorn absolvieren müssen. Grundlagen der Notfallmedizin, Hubschrauberbergung, Lawinenrettung aber auch Risikomanagement, Wetter und Schneekunde stehen auf dem Programm. Durch die Schulungen stellt die Bergwacht ihren Helfer-Nachwuchs sicher. Wer besteht, hat die Berechtigung, in Zukunft in Not geratenen Menschen rund um die Uhr und teilweise unters schwierigsten Bedingungen zu helfen - und das alles ehrenamtlich.

Wegen des unzugänglichen Unfallorts, an dem der abendliche Tourengeher bei der Simulation verunglückt ist, muss das Rettungsteam im schwierigem Gelände den Rettungsschlitten über einen Felsen abseilen. Der Einsatz eines Hubschraubers ist bei dem Sturm nicht möglich. Das siebenköpfige Team von angehenden Bergwachtlern zwischen 16 und 31 Jahren leistet zunächst vor Ort Erste Hilfe, schient das Bein, verlädt den Verletzten in den Transportschlitten und bringt ihn in der Dunkelheit ins Tal. Zweieinhalb Stunden später ist Roman im Krankenhaus.

Schüler Björn Geide ist ebenfalls Teilnehmer. Ein tragischer Skiunfall, zu dem er als Vierzehnjähriger kam, habe ihn inspiriert, zur Bergwacht zu gehen, erzählt der 18-Jährige: „Da kannst du helfen und bekommst eine echt gute alpine Ausbildung.“

Laura Mohr aus München, die seit vier Jahren im Oberallgäuer Hinterstein lebt, hat andere Beweggründe. Die 31-Jährige ist Medizinerin und strebt eine Zusatzqualifiktion als Bergwacht-Ärztin an. „Es ist sinnvoll, wenn der Helfer vor Ort auch bei einem Herzinfarkt oder Schlaganfall helfen kann“, findet sie.

„Die Ausbildung ist in jeder Hinsicht sehr anspruchsvoll“, sagt Peter Ellmann, Ausbildungsleiter der Bergwacht Allgäu. Nicht jeder könne dabei mitmachen. „Man muss zum Beispiel sehr gut skifahren und klettern können.“ Und es bestehen nach seiner Erfahrung auch nicht alle Teilnehmer die Rettungslehrgänge. Über Nachwuchsmangel könne sich die Bergwacht dennoch nicht beklagen, betont Ellmann.

Derzeit sind 140 junge Menschen im Allgäu in Ausbildung zum Gebirgsretter. Insgesamt sind 500 Bergwachtler in den Allgäuer Alpen tätig, in ganz Bayern hat die Bergwacht mehr als 40 000 ehrenamtliche Einsatzkräfte. Die Landes-Bergwacht betont, dass das veränderte Freizeitverhalten und der zunehmende Tourismus die Belastung für die Retter steigen lasse. Zudem mache sich der Klimawandel bemerkbar mit mehr wetterbedingten Einsätzen.

Dazu zählen auch die Lawinenabgänge, für die Mensch und Tier am Nebelhorn gemeinsam üben. Die Vierbeiner Leila, Amira und Luci warten schon zwischen Lawinensonden, Schaufeln und anderem Rettungsgerät aufgeregt auf ihren Einsatz.

Nur Basti, der Dienstälteste im Team, gähnt gelangweilt. Schon seit über zehn Jahren ist der Malamut-Husky als Lawinenhund im Einsatz. Er weiß, um was es geht: eine schnelle und sichere Nase! Denn innerhalb von wenigen Sekunden kann ein gut ausgebildeter Lawinenhund einen Verschütteten finden. Viel schneller als ein Mensch mit dem Suchgerät. So braucht eine Australien-Shepard-Hündin gerade mal 30 Sekunden, um den in einer Schneehöhle versteckten Menschen zu finden.

Xaver Hartmann, der seit 20 Jahren die Allgäuer Hundestaffel leitet, kennt jeden der Vierbeiner und dazu Herrchen oder Frauchen mit all ihren Stärken und Schwächen. „Die vergangenen Winter hatten wir im Schnitt fünf Lawinen-Einsätze“, erzählt er. „Es gab aber auch schon Winter, da hatten wir acht Einsätze hintereinander allein in den Weihnachtsferien.“

Meist lösen Skifahrer abseits der präparierten Pisten Lawinen aus, sagt der 58-Jährige. Aber auch die immer größer werdende Schar von Tourengehern mache sich bemerkbar. Das hat Folgen: „Wir haben eine relativ kleine Gruppe von nur zwölf Hundeführern, die im Grunde den ganzen Winter über einsatzbereit sein müssen“, betont der Hundestaffel-Chef.

dpa

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