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ARD-Reportage über alltägliche Aggressionen gegen Helfer

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Von: Rudolf Ogiermann

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Silvesternacht - Ausschreitungen in Leipzig
Mulmiges Gefühl: Polizisten sehen sich oft massiver Gewalt ausgesetzt. © picture alliance / Sebastian Wil / Sebastian Willnow

Bürgermeister werden angegriffen, Sanitäter beschimpft, Feuerwehrleuten werden die Reifen zerstochen. Fälle, die alltäglich geworden zu sein scheinen. „Das verrohte Land“ lautet der Titel einer ARD-Reportage über Aggressionen gegen Helfer.

Dass Polizisten oder Politiker attackiert werden, ist, wenn auch nicht tolerabel, so doch „erklärlich“, wenn man unterstellt, dass in ihnen Vertreter des verhassten Staates gesehen werden. Was jedoch motiviert Menschen, auf Feuerwehrler oder Sanitäter loszugehen, die nur helfen wollen? 

Andreas Zick: Bisweilen spielt es gar keine so große Rolle, ob es sich um Sicherheitskräfte oder Sanitäter handelt. Gerade bei größeren Veranstaltungen werden beide Gruppen als Dienstleister wahrgenommen. Viele Menschen haben eine ökonomische Haltung entwickelt und geben die Verantwortung in Notsituationen ab, statt sich an die eigene Verantwortung zu erinnern. Das hat auch mit dem gesellschaftlichen Trend des Kosten-Nutzen-Kalküls zu tun. Ärzte, Sanitäter, Krankenpfleger sollen vor allem „liefern“. Auch die enge Arbeitstaktung in vielen Berufen wirkt sich aus. Eine angespannte Stimmung von Helfenden kann überspringen, weil sie falsch interpretiert wird. 

Andreas Zick
Konfliktforscher Andreas Zick. © fkn

Und das führt dann zu solchen Exzessen? 

Zick: Wenn wir konkrete Situationen analysieren, kommen natürlich weitere Faktoren hinzu.Viele Angriffe erfolgen aus Gruppen heraus, oder bei Angriffen stehen viele herum, was dann als Unterstützung interpretiert wird. Die Täter fühlen sich sicher in der Gruppe. Gruppen üben Druck aus, heizen an. Zudem sind oft Alkohol und andere Drogen im Spiel. 

Was könnte – von der individuellen Frustration und von den genannten Faktoren abgesehen – der tiefere Grund für solche Hassausbrüche sein? 

Zick: Die individuelle Frustration spielt eine viel geringere Rolle als weithin angenommen. Frustration kann auch zum Rückzug führen – so etwas gibt es ja auch. Ist allerdings unsere gesellschaftliche Umwelt aggressiver, enthält sie Hinweisreize, dass Aggression bei Frustration angemessen oder sogar die Norm ist, dann steigt die Gewaltbereitschaft. Ich möchte nicht moralisch urteilen und einfach die viel zu grobe Melodie von „Früher war alles besser“ oder „Früher haben die Menschen mehr geholfen“ anstimmen. Allerdings zeigen soziologische Studien, dass moderne Gesellschaften stärker vom Zwang zum Erfolg geprägt sind, überhaupt von Normen,die wir eigentlich aus der Wirtschaft kennen. Wenn Menschen sich dann von Gruppen und Institutionen entbunden fühlen, die Normen von Toleranz und Solidarität aufrechterhalten, dann steigt die Überzeugung,dass Gewalt ein Mittel ist, seine Ziele durchzusetzen. 

Ein Polizist im Film sagt resigniert über eine potenziell gewaltbereite Gruppe: „Die reden gar nicht mehr mit uns.“ 

Zick: Das ist auch ein Punkt. Die Gesellschaft zerfällt in Milieus, sie verliert Bindekraft. Konflikte sind von wechselseitigen Vorurteilen geprägt. Kommt es zur Gewalt von bestimmten Gruppen, mit Urteilen wie „Die sind schlimmer!“ begegnet und der Hoffnung auf Ausgrenzung, anstatt dass man sich intensiv damit befasst. 

Müssten solche Übergriffe strenger bestraft werden? 

Zick: Die Gesetzeslage bei unterlassener Hilfeleistung ist eindeutig, mehr Strafverfolgung mag einzelne Täter überzeugen, aber das allein wird nicht reichen. 

Was kann die Gesellschaft, was kann der Einzelne dann tun,um diesen Trend umzukehren, der ja vermutlich viele überlegen lässt, ob sie noch Berufe wie Polizist(in) oder Sanitäter(in) ergreifen oder zur Feuerwehr gehen sollen? 

Zick: Ich nenne vier Punkte. Erstens: Vorurteile gegenüber Berufsgruppen sind bedeutsamer, als wir uns das vorstellen. Vieles von dem, was wir an Gewalt sehen, ist vorurteilsbasiert. Damit muss sich die Gesellschaft auseinandersetzen. Das betrifft übrigens auch Vorurteile gegenüber Lehrerinnen und Lehrern und vielen anderen Berufsgruppen. Zweitens: Zivilcourage fällt nicht vom Himmel und kann auch nicht durch gut gemachte Plakate erreicht werden. In ökonomisch harten und wettbewerbsorientierten Gesellschaften braucht es Räume für die Entwicklung zivilgesellschaftlicher Bildung. Drittens: Wir sollten alle darüber nachdenken, wie eine Gesellschaft aussehen soll, in der wir auf gegenseitige Hilfe angewiesen sind. Viertens: Das Potenzial in der Bevölkerung ist groß. Gerade die Münchner Willkommenskultur war in Deutschland ein Modell für viele Menschen. Da merkte man, was in der Gesellschaft steckt.

Das Interview führte Rudolf Ogiermann

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