Ruckteschell-Stipendiatin forscht zurück bis in die Kolonialzeit

Ruckteschell-Villa Dachau begrüßte eine neue Stipendiatin

Anja Seelke
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Anja Seelke

Anja Seelke zog kürzlich in die Künstlervilla an der Äußeren Münchner Straße ein. Dort wird sie bis einschließlich April an einem Porträt-Projekt zur Erinnerung an die deutsche Kolonialvergangenheit arbeiten.

Dass es die Norddeutsche in das ehemalige Wohnhaus des Dachauer Künstlers Walter von Ruckteschell geführt hat, ist kein Zufall: Bereits vor einiger Zeit war der Malerin das rätselhafte Porträt eines kleinen afrikanischen Jungen in die Hände gefallen – signiert von Walter von Ruckteschell. Das Bild entpuppte sich als Teil einer ganzen Porträtreihe aus dem Jahr 1921. Mit der „Lettow-Mappe“ setzte einst der Dachauer Maler und Bildhauer Walter von Ruckteschell schwarzen Söldnern, die während des Ersten Weltkriegs auf dem Boden der Kolonien für Deutschland gekämpft hatten, sowie ihren Frauen ein zeichnerisches Denkmal. Seelke interessieren die Geschichten hinter den Gesichtern. Sie fragt sich, wer diese Menschen waren und was sie erlebt haben.

Deutsche Kolonialvergangenheit ist nur selten Gegenstand im Schulunterricht

Die Kolonialzeit prägt das Verhältnis von Afrikanern und Europäern bis heute. Dass auch Deutschland Kolonialmacht gewesen war, ist nur selten Gegenstand im Schulunterricht und ein erheblicher „blinder Fleck“ in der Allgemeinbildung. Auch wissenschaftlich stand die deutsche Kolonialvergangenheit lange im Schatten der Aufarbeitung von Nationalsozialismus und Holocaust. Die Frage nach einem differenzierten Umgang mit kolonialen Denkmälern stellt sich deshalb vielerorts weiterhin – und angesichts der „Black Lives Matter“-Bewegung vielleicht noch nie so dringend wie heute. Auch Walter von Ruckteschells koloniale Monumente in Hamburg werden immer wieder kontrovers diskutiert. Doch eine Auseinandersetzung, die in die Tiefe geht, fehlt bisher.

Den Kulturausschuss der Stadt Dachau hat Seelkes Vorhaben überzeugt, hundert Jahre nach dem Erscheinen der „Lettow-Mappe“ einen neuen Blick auf die kolonialen Porträts zu werfen und zugleich die Umstände zu klären, unter denen sie entstanden sind. Die Künstlerin forscht nach biographischen Hinweisen und hat sich in Archiven auf eine nicht ganz einfache Spurensuche begeben. In Dachau und Berlin ist sie auch bereits fündig geworden. Denn das ist der Stoff, aus dem die Malerin am Ende neue Bilder macht. Um Sehgewohnheiten und Sichtweisen zu hinterfragen, reagiert sie auch kompositorisch auf historische Vor-Bilder. Umso mehr freut es sie, dass der Kunsthändler Cornelius Wittmann ihr kurzerhand sein Exemplar der „Lettow-Mappe“ mit den Original-Lithografien zur Verfügung gestellt hat: „So können die neuen Porträts auch in Zeiten der Maskenpflicht ‚von Angesicht zu Angesicht’ entstehen,“ sagt die Malerin augenzwinkernd.

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