77. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Dachau

Ukraine-Krieg überschattete Gedenkfeiern

 General Jean Michel Thomas
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Der Begriff „Entnazifizierung“ durch die russische Staatspropaganda als Begründung für den Angriffskrieg gegen die Ukraine empörte den Präsidenten des Comité International de Dachau (CID) General Jean Michel Thomas als Vertreter der einstigen Häftlinge.
Gäste der Gedenkfeier
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Heuer fanden wieder wie vor der Corona-Pandemie die zur Befreiung des Konzentrationslagers Dachau unter einem riesigen Baldachin Schutz vor dem zeitweisen Regen. Vorne von links: Karls Freller, Michael Piazolo, Jean Michel Thomas und der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland Josef Schuster.
Kranzniederlegung
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Bei der Kranzniederlegung am Denkmal des unbekannten Häftlings beim Krematorium von links: Jean Michel Thomas, Karl Freller, Michael Piazolo, Florian Hartmann und Abba Naor.
Borys Zabarko
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Borys Zabarko entkam als Kind dem Ghetto Scharhorod in der Ukraine und sagte mit Blick auf den jetzigen russischen Angriffskrieg auf seine Heimat: „Wir haben als Überlebende gedacht, dass das nie wieder möglich ist. Leider wiederholt sich das jetzt.“
Schüler des Josef-Effner-Gymnasiums vom Krematorium
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Schüler des Josef-Effner-Gymnasiums in Dachau trugen beim Zug vom Krematorium zur zentralen Gedenkfeier auf dem Appellplatz die Fahnen jener Länder, aus denen die Opfer des Konzentrationslagers Dachau kamen. Im Hintergrund Todesangst Christi Kapelle.

Nach zwei Jahren Corona-bedingter Pause konnten heuer die Feierlichkeiten zum Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Dachau wieder mit einigen (wenigen) Überlebenden stattfinden. Wie ein roter Faden zog sich durch fast alle Reden die Enttäuschung und Entrüstung, dass, wie man am Angriffskrieg auf die Ukraine sehen kann, trotz aller Aufklärung erneut in Europa schwerste Verbrechen gegen die Menschlichkeit geschehen. 

Seine „tiefe Empörung“ drückte der Präsident des Comité International de Dachau (CID) General Jean Michel Thomas als Vertreter der ehemaligen Häftlinge über den Gebrauch des Wortes „Entnazifizierung“ durch die russische Staatspropaganda als Begründung für den Angriffskrieg gegen die Ukraine aus. „Das ist eine unzulässige Verfälschung der Geschichte und eine Beleidigung aller Opfer der Konzentrationslager. Jeglichen Totalitarismus müssen wir beim Namen nennen“, betonte er bei der zentralen Feier auf dem ehemaligen Appellplatz.

Als einer von fünf Überlebenden sagte Jean Lafaurie aus Frankreich mit Blick auf den russischen Angriffskrieg: „Heute will ein Wahnsinniger die Welt beherrschen. Wenn ihm das gelingt, will er das nächste Land.“ Die Bilder aus der Ukraine erinnerten ihn in schrecklicher Weise an den Naziterror. Lafauries italienischer Leidensgenosse Mario Candotto betonte: „Unterdrückung der Freiheit und Faschismus dürfen sich nie wiederholen.“

Borys Zabarko, der als Kind das Ghetto Scharhorod in der Ukraine überlebt hat, kürzlich mit seiner Enkelin nach Stuttgart floh und Präsident der ukrainischen Vereinigung jüdischer ehemaliger Häftlinge des Ghettos und nationalsozialistischer Konzentrationslager ist, sagte: „Wir haben als Überlebende gedacht, dass das nie wieder möglich ist. Leider wiederholt sich das jetzt.“ Er bedankte sich ausdrücklich bei allen die den russischen Angriffskrieg und die Verbrechen von Putins Armee so deutlich angesprochen haben, aber auch für die Solidarität mit der Ukraine. Vor seiner Rede hatte er sich die ukrainische Nationalflagge geschnappt und diese neben dem Rednerpult aufgestellt.

Von einem Schatten, der dieses Jahr durch den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine über die Gedenkveranstaltungen falle, sprach auch Gabriele Hammermann, die Leiterin der Gedenkstätte Dachau. Ins gleiche Horn stieß der Direktor der Stiftung Bayerischer Gedenkstätten und Landtagsvizepräsident Karl Freller (CSU): „Wie schizophren ist es, dass die Rote Armee viele KZs befreit hat und jetzt, 77 Jahre danach, die einst befreiten Häftlinge durch die Nachfolgearmee mit Raketenbeschuss tötet?“

Aus der Forderung der Überlebenden des Nazi-Terrors „Nie wieder“, so Bayerns Staatsminister für Unterricht und Kultus Michael Piazolo (FW), könne man nur eines ableiten, nämlich ein nachdrückliches „Stoppt diesen Krieg“! Die Zeitzeugen des Naziterrors leben laut Piazolo Freiheit, Demokratie und Rechtstaatlichkeit vor. „Wir brauchen diesen Einsatz.“ Kommende Generationen könnten diese Zeugnisse bald nicht mehr direkt hören, aber es sei wichtig, dass alle Schülerinnen und Schüler davon profitierten. „Wir werden daher die Gedenkstätte weiter ausbauen.“ So soll das westliche Hauptgebäude sechs Seminarräume erhalten und im östlichen Teil eine neue Ausstellung Platz finden.

Die Pläne bis 2033 – 100 Jahre nach der Errichtung des Konzentrationslagers Dachau – erläuterte Freller im Einzelnen: Die auch von Piazolo angesprochene Hauptausstellung soll nach modernen und wissenschaftlichen Gesichtspunkten neu konzeptioniert werden. Laut Freller wird bereits Anfang 2023 das historische Barackenareal erneuert, um den von Leid und Entbehrungen geprägten Alltag im Lager darzustellen. Die beiden besonders bedeutenden historischen Gebäude des Krematoriums und des Häftlingsgefängnisses sollen in Stand gesetzt und gesichert werden. Als der zentrale Ort für die Entwicklung des gesamten KZ-Systems soll das ehemalige Kommandantur-Gebäude, das derzeit noch von der Bayerischen Bereitschaftspolizei genutzt wird, als Ort der Täter aufbereitet und den Besuchern zugänglich gemacht werden. Und schließlich sei die Stiftung gerade mit der Stadt Dachau im Gespräch zur Übernahme des ehemaligen Kräutergartens. Dann solle auch dieses Gelände rasch gesichert und ins Gesamtkonzept der KZ-Gedenkstätte Dachau integriert werden.

Vor der zentralen Gedenkveranstaltung auf dem ehemaligen Appellplatz des Konzentrationslagers hatte es am einstigen Krematorium eine Gedenkveranstaltung mit dem KZ-Zeitzeugen und CID-Vizepräsident Abba Naor und Dachaus Oberbürgermeister Florian Hartmann (SPD) gegeben. Auch der OB hatte dabei den „nationalistischen Angriffskrieg“ Russland scharf verurteilt. Es gelte, die Errungenschaften der Demokratie zu verteidigen.

Naor berichtete darüber, wie er und seine Familie von Kaunas in Litauen ins Lager Stutthof bei Danzig verschleppt und seine Mutter und seine Geschwister in Ausschwitz vergast wurden. Doch noch heute, mit 94 Jahren, frage er sich stets, was würde seine Mutter in dieser Situation sagen. Naor betonte, er habe zwar längst seinen Frieden mit Deutschland geschlossen, aber etwas störe ihn: Wenn es um Juden gehe, würden die nicht wie andere Bürger namentlich genannt, sondern nur erwähnt, um wie viele Jüdinnen und Juden es sich handle. „Ich hoffe, noch in meiner Lebenszeit ein Bürger zu sein und nicht nur eine Religion!“

Thomas, Freller und Hartmann legten am Denkmal des unbekannten Häftlings je einen Kranz nieder. Im Gegensatz dazu waren die Kränze am zentralen KZ-Mahnmal im Nachgang zur Hauptfeier am Appellplatz bereits von den Organisatoren drapiert worden. Dort fand noch einmal ein stilles Gedenken der Prominenz und aller Besucher statt.

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