„Ohne Erinnerung verlieren wir unsere Zukunft“

Gedenkfeier am Mahnmal Todesmarsch in Dachau

Drei Überlebende des Konzentrationslagers Dachau
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Drei Überlebende des Konzentrationslagers Dachau und seiner Todesmärsche trafen sich nach 77 Jahren an Hubertus von Pilgrims Mahnmal (v. l.): Erich Richard Finsches, Jean Lafaurie und Abba Naor.
 Abba Naor
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Bis heute erzählt Abba Naor seine Geschichte vom Außenlager Kaufering des Konzentrationslagers Dachau und vom Todesmarsch, denn es gelte immer stark zu bleiben.
Florian Hartmann
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„Ohne Erinnerung verlieren wir unsere Zukunft“, mahnte Oberbürgermeister Florian Hartmann bei seiner Rede am Mahnmal Todesmarsch von Hubertus von Pilgrim.
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Bei der Gedenkfeier anlässlich des Todesmarsches der KZ-Gefangenen im Jahre 1945 sprachen auch Abba Naor (vorne, Mitte) und seine Enkelin Dana Bloch (rechts daneben).
Kranzniederlegung
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Oberbürgermeister Florian Hartmann legte für die Stadt Dachau einen Kranz am Mahnmal Todesmarsch in der Theodor-Heuss-Straße, unweit der Sudetenlandstraße, nieder.

Wie Abba Naor (94), der Vizepräsident des Comité International de Dachau (CID) als 17-jähriger das Dachauer KZ-Außenlager Kaufering und den Todesmarsch überleben konnte, wollte seine Enkelin Dana Bloch (49) wissen. Ihr Opa erwiderte, das Leben sei stärker als alles andere gewesen und man habe jeden Tag stark sein müssen. 

Stark sei er noch heute, erklärte die Enkelin als eine der Rednerinnen bei der Gedenkfeier anlässlich des Todesmarsches vom Konzentrationslager (KZ) Dachau durchs Würmtal nach Waakirchen vor 77 Jahren. Naor, der in Rechovot, südlich von Tel Aviv lebt, besuche unermüdlich die Schulen, um seine Geschichte zu erzählen. Und damit sei ihr Opa für sie ihr Held. Bescheiden meinte Abba Naor, die Jugend neige dazu, etwas zu übertreiben. Zu Anfang habe er gar nicht über diese dunkle Zeit seines Lebens sprechen wollen, doch die frühere Gedenkstättenleiterin Barbara Distel habe keine Ruhe gegeben und ihn nach Dachau eingeladen. Daher komme er bis heute.

Bei der Gedenkfeier am Todesmarsch-Mahnmal des Künstlers Hubertus von Pilgrim in Dachau waren auch die KZ-Überlebenden Jean Lafaurie aus Frankreich und Erich Richard Finsches aus Österreich zugegen. Letzterer ergriff ebenfalls das Wort und mahnte, im Leben immer für den Frieden und die Freiheit einzutreten.

In Russland wird der 9. Mai als Tag der Kapitulation von Nazi-Deutschland und damit als Befreiung von Terror und Gewaltherrschaft gefeiert. Doch wie Ioanna Taigachewa, eine russische Freiwillige der Aktion Sühnezeichen der evangelischen Kirche sagte, könne sie in diesem Jahr angesichts des Krieges ihres Landes gegen die Ukraine nicht verstehen, was man da feiern solle. Wie er dazu kam, den Film „Todesmarsch – Als das Grauen vor die Haustür kam“ zu drehen, berichtete Max Kronawitter. Sein Film wurde übrigens nach der Gedenkfeier im Adolf-Hölzl-Haus am Ernst-Reute-Platz gezeigt. Der solle helfen, die Erfahrungen der bald nicht mehr lebenden Zeitzeugen für die Nachwelt zu bewahren.

Das Mahnmal Todesmarsch solle stets daran erinnern, wohin Antisemitismus, Rassismus und Nationalismus geführt haben, betonte Dachaus Oberbürgermeister Florian Hartmann (SPD): „Den Endpunkt dieser Vernichtungspolitik der Klonzentrationslager stellten die grausamen Todesmärsche dar.“ Doch trotz jahrzehntelanger Aufklärung und Mahnungen bleibe unsere Welt weiterhin anfällig: „Wir haben europaweit und weltweit in den vergangenen Jahren einen wieder zunehmenden Rechtspopulismus, Rechtsextremismus und Rassismus erlebt. Und wir sind mitten in Europa seit zwei Monaten mit einem nationalistischen Angriffskrieg konfrontiert.“

Der OB fuhr fort: „Man könnte resignativ werden. Hat uns die Dankbarkeit für ein Dreivierteljahrhundert reifender und gereifter Demokratie bequem gemacht, um einen Gedanken von Bundespräsident Walter Steinmeier aufzugreifen? Mein Appell ist, dass wir nicht bequem werden dürfen und wir dürfen auch nicht resignieren.“ Auch wenn sich das „Nie wieder!“ derzeit scheinbar nicht einhalten lasse, so müsse das doch unserer Zukunftslosung bleiben. Denn: „Ohne Erinnerung verlieren wir unsere Zukunft.“ Hartmann schloss mit dem Hinweis, zwar feiere man den 77. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslager Dachau und von der NS-Terrorherrschaft: „Wir müssen daran denken, dass Befreiung niemals abgeschlossen ist und sie uns immer wieder aufs Neue als aktive Menschen fordert.“

Dieser Forderung gerecht wurden zwei Polizistinnen und ein Polizist, als ein laut schreiender Störer aus sicherer Entfernung auftrat. Die drei Polizisten beruhigten den Mann und stellten seine Personalien fest.

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