Dachau/Zeitzeugengespräch

Als Kind in der Auschwitz-Hölle

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Zeitzeugengespräch im Dachauer Rathaus mit Ruth Melcer und der Moderatorin des Abends, Gabriele Hammermann, Leiterin der Dachauer KZ-Gedenkstätte.

Dachau -  Holocaust-Überlebende Ruth Melcer spricht am Jahrestag der Befreiung über ihre Erinnerungen an das KZ Auschwitz.

Die Rote Armee öffnete in Auschwitz am 27. Januar 1945 das große Tor und befreite die Gefangenen des Konzentrationslagers. Ein neunjährige, blond gelockte Mädchen, war an diesem Tag ganz allein auf sich gestellt. „Es freut mich, dass sie das heute tut, was viele nicht mehr können - nämlich von damals erzählen“, sagte die Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages, Claudia Roth, mit Blick auf Ruth Melcer. Die kleine, schmale 83-jährige Dame, das blonde Mädchen von damals, war vergangenen Sonntag, am Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocausts, ins Dachauer Rathaus eingeladen worden, um über ihre Zeit im KZ Auschwitz zu sprechen. Zu Beginn sagte Melcer, dass sie sich an ihre Kindheit vor der Zeit im KZ kaum erinnern könne. Auch die Erinnerungen der Zeit im KZ Auschwitz-Birkenau sind recht verschwommen. 

Doch die paar Rückblenden, die Melcer den fast 150 Zuhörern bieten konnte, reichten aus, um sich ein Bild zu machen, wie ein Kind den Holocaust wahrnahm. Ruth Melcer wurde 1935 in Polen geboren. 1939 besetzten die Deutschen ihre Heimatstadt. 1942, als sie sieben war, wurde sie mit ihren Eltern in das Zwangsarbeitslager Plizyn verschleppt, wo ihr jüngerer Bruder 1943 ermordet wurde. Vor allem an die „großen Männern mit den großen, schwarzen Hunden und den schwarzen Stiefeln“, kann sich Melcer heute noch gut erinnern. „Ich habe Jahre danach noch Angst vor Hunden gehabt“, erzählte die 83-Jährige. 1944 kam sie schließlich mit ihrer Familie ins KZ Auschwitz. Dort war Ruth Melcer einer der ersten Kinder. „Uns Häftlingen wurde dort alles genommen, um uns unsere Würde zu nehmen“, daran erinnert sie sich noch genau. In Auschwitz wurde sie erstmals von ihrer Mutter getrennt. Dass sie das Lager überlebte, verdankte sie einer Aufseherin, die selbst Häftling war. „Sie hat mich immer beschützt“, weiß Melcer. Auf die Frage, ob sie denn stets in Angst lebte, antwortete sie: „Ich weiß nicht, ob mir die Angst bewusst war. 

Als die Rote Armee kam, habe ich mich das erste Mal ganz auf mich allein gestellt gefühlt“, erzählte sie. Per Kutsche ging es für sie etwa eineinhalb Stunden lang in der Kälte nach Krakau in ein Kinderheim. Später trifft sie wieder auf Mutter und Vater. Während der Kutsch-Fahrt schwor sich die neunjährige Ruth Melcer: „Ich lass‘ mir nichts mehr gefallen.“ Claudia Roth unterstrich dies mit den Worten: „Nie wieder.“ Sie betonte, wie wichtig es sei, an Auschwitz zu erinnern. Vor allem in einer Zeit, in der Zigeuner und Jude wieder zu Schimpfwörtern werden, und Abgeordnete im Bundestag die Naziherrschaft einen „Fliegenschiss der Deutschen Geschichte“ nennen. „Wenn ich hier die vielen jungen Leute sehe, gibt mir das wieder Hoffnung“, sagte Melcer, heute Mutter von drei Kindern, verwitwet und in München lebend, am Ende der Veranstaltung.

mik

Quelle: Dachauer Rundschau

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