Literatur-Tipp

Hans Prockl auf der Suche nach Zeitzeugen

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Andere Menschen fotografiert Hans Prockl gerne, selber ist er eher kamerascheu.

Schwindegg – Von Leuten auf dem Land handelt das Buch „Landleute“ von Hans Prockl. Der Autor setzt „normale Menschen in wenig exponierter Stellung“ in den Blickwinkel seiner Kamera, die Gespräche hat der gebürtige Wimpasinger und heutige Wörther dabei auf Band aufgenommen. Heraus kam eine erlesene Sammlung heimischer Geschichten – wortgetreu und zeitgemäß. Es geht um Alltägliches in den Erzählungen. „Die meisten Leute reden gerne, erzählen von sich und ihrem Leben“, erklärt Prockl. 

Die jüngst veröffentliche Sammlung ist aber auch reale Zeitgeschichte, die Vergangenheit mit der Gegenwart verbindet. Das im Selbstverlag erschienene Buch „Landleute“ beinhaltet zwölf Interviews aus den Jahren 1965 bis 2018. Zu Wort kommen Menschen, die am Oberlauf des Flüsschens Isen leben oder gelebt haben. So wie Prockl selbst in seiner Kindheit und Jugend. Der Autor, geboren 1948, stammt nämlich aus Wimpasing bei Lengdorf. Der andere Teil der ­Interviewten sind gewissermaßen neue Nachbarn. Als Rentner ist Prockl wieder aufs Land gezogen – wieder ins Isental, er lebt jetzt in Wörth. Hans Prockl hat nach einem Physik-Studium lange in München gelebt. 37 Jahre unterrichtete er an der Realschule und Fachoberschule der Stiftung Pfennigparade Mathematik, Physik, Informatik und Dokumentarfilm. Auch wenn Prockl seit seinem 16. Lebensjahr Porträts mit der eigenen Kamera aufnimmt und die Worte der Protagonisten mitschneidet, entschied sich der Hobbyfilmer bewusst gegen einen medialen Beruf: „Ich bin kein Auftragsschreiber sondern auf der Suche nach Zeitzeugen.“ 

Gefunden hat er dabei die Lengdorferin Martha Angermaier. „Die Martha, die weiß so viel“, steht als Titel über ihrem Kapitel, in dem sie von ihrer Kindheit und Jugend, ihrem Berufsleben und der Kundschaft im Dorfladen berichtet, der Dorfladen war dabei immer auch örtlicher Umschlagplatz für Tratsch und Neuigkeiten. Das erste Telefon, das erste Auto und den ersten Fernseher – unvergesslich für die Bäckerstochter. Die Lengdorferin erzählt von der Rolle der Kirche in ihrem Leben und über den Bau der umstrittenen A 94, die viele „magische Orte“ zerstört habe: „Des tut mir so weh“, sagt Angermaier, die sich von Prockl in ihrer Küche interviewen ließ. 

Oder etwa das Ehepaar Ayse und Mehmet Aritoprak, Nachbarn von Prockl. Die beiden Migranten kamen 1972 von Kappadokien nach Deutschland, angeworben, um in einem Schwindegger Holzwerk zu arbeiten. Sie sind geblieben und im Isental heimisch geworden. Etwas ganz Besonderes ist das bereits 1966 geführte Interview mit der 1888 geborenen Häuslerin Katharina Feckl aus Innerbittlbach, an dem auch ihre Enkelin Helga sowie das Bauernpaar Agnes und Schos Huber teilnahmen. Das Gespräch gibt es in zwei Versionen, einmal auf Bairisch notiert, in der Spalte daneben ins Hochdeutsche übersetzt. Es geht ums Sterben und Leiden und um die Nachbarschaft. Und auch die Transkription des 1978 aufgezeichneten Gesprächs mit dem Wagner, Bauhilfsarbeiter und Totengräber Isidor Hein veröffentlichte Prockl in wortgetreuer Sprache – ein spannendes Kapitel, denn Totengräber gibt es heute längst nicht mehr. Der Bildband „Landleute“ kostet 19 Euro und ist in der Dorfener Buchhandlung sowie in der Buchhandlung Leseglück in Erding erhältlich, oder direkt beim Autor per Email an hans.prockl@ t-online.de  - hes

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