Das Schachern liegt in der Familie

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Der Landshuter Michael Seitz steht auf Trachtensach

Eigentlich ist er studierter Medien- und Kommunikationswissenschaftler. Aber seine Leidenschaft und seine Profession sind Trachtenschmuck und Zierrat. Den sammelt und verkauft Michael Seitz auch beim Trachtenmarkt am 23. und 24. März im Taufkirchener Wasserschloss

Interview

Michael Seitz

Händler für antiken Trachtenschmuck und Zierrat aus Landshut

Im Trachtenschmuck treffen viele Welten/Gegensätze zusammen. Tradition versus Moderne, Aberglaube und Glaube, Protzerei und Understatement. Der Trachtenschmuck entstammt im Ursprung der religiösen Volkskunst mit ihren vielen Rosenkränzen, Amuletten, Talismännern und Wallfahrtsandenken. Hinzu kamen die Jäger, die sich mit ihren Trophäen geschmückt haben und auch glaubten, die Kraft des erlegten Tieres zu erlangen. Die Anhänger hatten alle eine Bedeutung und waren ganz bewusst zusammengestellt. Erst im Laufe der Zeit ging die Bedeutung mehr und mehr verloren und der schmucke Charakter der Amulette trat zum Vorschein. Zudem wussten damals die Bauern schon ihren Reichtum zur Schau zu tragen, seien es Silberknöpfe, Uhrketten oder Kropfketten mit einer Vielzahl an Strängen, da hat man gleich gewusst wo das Geld „dahoam is.“ 

 Ich habe Medien- und Kommunikationswissenschaften studiert, arbeite in Landshut beim Familienmagazin „Landshuter Mama“ und habe mein Hobby zum Nebenerwerb etwas ausgebaut. Das Sammler-Gen haben wir in der Familie, schon mein Großvater war ein Schacherer, mein Vater selbst ist auch Sammler. So kam es, dass ich schon von Kindesbeinen an allwochenends am Flohmarkt unterwegs war und sich so eine Leidenschaft für die bayrische Volkskunst und vor allem das Trachtengwand herauskristallisiert hat. Anfangs hab ich hauptsächlich gehandelt, um die eigene Sammlung zu nähren. Als Student war es später ein willkommenes Zubrot.

Da fallen einem auf Anhieb natürlich viele Raritäten ein und man wüsste gern die Geschichte hinter so manchem Stückl. Es wäre oft sowas von interessant, wie es seinen Weg nach Bayern und dann zum Trachtenschmuck gefunden hat. Ein Stück halte ich seit Jahren sehr in Ehren, kurios und einzigartig. Es ist ein alter Miederanhänger aus einer Zeit um 1860. Von der Silberarbeit her sehr ähnlich wie viele in Silber gefasste Geldstücke aus der Zeit, aber in diesem Stück ist der Silberling ein kleiner Silberbarren, der auch noch eine halbe Weltreise hinter sich hat. Es handelt sich um einen „Onca“ aus dem Jahre 1845, damals die Währung im fernen Mosambik. Wer würde da nicht gerne wissen, wie stolz die Bäuerin war, eine solche Rarität am Miedergeschnür zu tragen und wie es überhaupt dazu kam.

 Das ist streng geheim! Aber inzwischen kennt man mich in der Sammler-Welt, die Leute googlen und finden mich: ich bekomme auch von Händlern und Zulieferern aus dem ganzen Alpenraum vieles Angeboten.

Ich handle fast ausschließlich mit älterem Trachtenschmuck, interessant sind an sich alle Stücke vor 1900. Richtig spannend wird’s, wenn man die Stücke auf vor 1800 datieren kann. Dann noch gut erhalten und am besten die Historie dazu, da geht einem das Herz auf. Klar muss man auch mal neueren Schmuck an- und verkaufen, aber das ist halt die Arbeit, nicht die Leidenschaft. Der Wert richtet sich nicht unbedingt nach dem Alter, mehr nach der Nachfrage. Es gibt sehr alten Schmuck, der kaum gesammelt oder getragen wird. Da sind die Preise entsprechend niedrig, wohingegen etwa Granatschmuck aus den 70er Jahren momentan wieder in ist und die Preise stark anziehen.










Kennen Sie immer den Ursprung? Viele der Ausdrücke leiten sich natürlich vom ursprünglichen Gebrauch her, so ist die Florschnalle oder Florschließe eine Art Collier, deren Schließe ein Seidenflor zusammenhält, welches um den Hals getragen wird. Der Rockstecker ist ursprünglich ein Schlüsselbund, welcher an den Rock/Schurz gesteckt wurde. Interessant sind eher die regional sehr unterschiedlichen Worte für bestimmten Schmuck oder Teile vom Gwand. So heißen z.B. die Wadlstrümpfe je nach Region mal Loferl, Loiferl, Wadlstutzen oder Wadlwärmer, aber auch Beinhösl, Heislan, oder Pfousen.

















Bei mir kaufen alle möglichen Trachtler und Heimatliebende, viele Sammler mit irren Sammlungen an antiker Volkskunst. Ich verkaufe auch viel in die USA und nach Südamerika. Dort gibt es viele große Trachtenvereine, wo die Leute vor Ort die Ursprünge Ihrer Vorfahren weiterleben lassen. Wobei das die Amerikaner nicht ganz so eng sehen. Eine Kundin schrieb mir mal, woher ihre Vorfahren waren, dass sie begeisterte Trachtlerin und Volkstänzerin ist, da ihr Opa aus Trier war!

Es ist von allem etwas. Natürlich ist es schlecht, als Sammler genau im gleichen Umfeld zu handeln, in dem man selbst seine Leidenschaft hat, da bleibt manches Stück, das gutes Geld bringen würde doch lieber im eigenen Schachterl, trotz vielen Nachfragen von anderen Sammlern, die darauf Spechten würden. Und ja, Tracht ist in! Viele „Einsteiger“ kaufen sich zuerst ein günstiges Komplettset aus Fernost, aber viele merken dann doch recht schnell, dass es was Besseres gibt. Qualität zählt im Trachtengwand wie im Trachtenschmuck und wer sich ein wenig damit beschäftigt, kennt schnell den Unterschied zwischen Angeber-Charivari mit Masse-statt-Klasse-Bestückung im Gegensatz zur überlegt zusammengestellten Preziose, die bereits mit wenigen Anhänger zu entzücken weiß.

Ich denke, es sind beide Tendenzen zu erkennen. Wenn man in Stuttgart auf der Cannstatter Wasen oder auf der Berchkerwa in Erlangen in Lederhosen ausgeht, so ist das historisch gesehen nicht wirklich korrekt, von den ganzen Touris auf dem Oktoberfest ganz zu schweigen ... Aber natürlich finden viele „Trachteneinsteiger“ gefallen am bayerischen Gwand und lassen sich auch wieder Lederhosen und Dirndl maßschneidern, was sehr zur Wiederbelebung alter Handwerke wie Säckler oder Federkielsticker beiträgt. Auch im Alltag finden Teile des Trachtengwands wieder Einzug, Strickjanker sind hip und inzwischen auch mit Kapuze erhältlich und wem ein Dirndl zu fesch ist, der zieht in den Biergarten einen luftig-trachtigen Rock an. Erlaubt ist was gefällt. Die Tracht unterlag schon immer der Mode der Zeit. Wenn man sich Fotos vom Oktoberfest in den 1920 Jahren ansieht, da sucht man Lederhosen vergebens.

Zurzeit sind die Temperaturen ja noch eher im einstelligen Bereich, da wäre die Kurze a weng frisch. Manch eingefleischter Trachtler meint auch, es gäbe da strenge Vorgaben, ab wann die Kurze aus dem Schrank darf. Aber für mich gilt auch hier: Erlaubt ist was gefällt! Wer gerne blau gefrorene Knie zur grün gestickten Kurzen kombiniert, warum nicht? Die Stresemann Hose ist so ein Teil, das in der Tracht der Mode wegen Einzug hielt. In den 1920er Jahren war sie kombiniert zum Cutaway der Renner in der Herrenmode der Großstädter. Das haben sich die Bauersleut abgeschaut und sie vor allem zu festlichen Anlässen gern getragen.

Ich versuche mich bei den angebotenen Raritäten immer ein wenig an den ursprünglichen Trachten der Region zu orientieren. Die Vilstaler Tracht oder die weithin bekannte Hinterskirchener Tracht fallen unter die historischen Volkstrachten Bayerns. Es geht also traditioneller zu, Uhrketten und Münzknöpfe für die Herren, Biedermeier Kropfketten und Miedergeschnüre für die Damen. Wer die komplette Auswahl haben möchte, darf mich aber natürlich auch gerne Zuhause in Landshut besuchen.

Das Interview führte Birgit M.Lang

Quelle: Anzeigenzeitungsverlag

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