Unterwegs mit dem Bundestagsabgeordneten

Radeln mit Lenz

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Redakteur Christian Schäfer (li.) mit MdB Andreas Lenz

Unser Redakteur war mit Andreas Lenz auf Radltour. Und führte ein Gespräch über die Lust am Entscheiden, den inneren Gerichtshof und Unabhängigkeit im Kopf

Region – „Die Politik bedeutet ein starkes langsames Bohren von harten Brettern mit Leidenschaft und Augenmaß zugleich“ – mit diesem Satz beschrieb der deutsche Soziologe Max Weber 1919 das Wesen der Politik in seiner Rede über Politik als Beruf. Doch wie sieht das im Jahr 2020 aus? Wie viel Leidenschaft verträgt sich mit dem langsamen Bohren von sachpolitischen Brettern? Müssen die eigenen Werte der Rationalität weichen? Und ganz allgemein: Wie ist es denn, wenn Politik der Beruf ist? „Lassen Sie uns eine Fahrradtour machen“, schreibt der Bundestagsabgeordnete Andreas Lenz auf die Interviewanfrage. Er habe das Radfahren wieder für sich entdeckt erzählt er, jetzt, da aufgrund von Corona viele Veranstaltungen abgesagt wurden. Und so geht es im ordentlichen Tempo durch die Frauenneuhartinger Filzen, immer wieder macht Lenz darauf aufmerksam, wie schön es hier doch sei. Lenz pendelt zwischen zwei Polen, die kontrastreicher nicht sein könnten.

Dort die hektische Hauptstadt, hier das beschauliche Jakobneuharting. „Wenn ich das hier sehe, weiß ich, wofür ich mich in Berlin einsetze“, sagt er. Für Andreas Lenz ist es ein Privileg, die Landkreise Erding und Ebersberg in Berlin vertreten zu dürfen, eine Aufgabe, die ihn erfüllt. Es reizt ihm, Dinge mitzugestalten, er sitzt lieber am Tisch, wo verhandelt wird und Entscheidungen getroffen werden als nur passiver Zuhörer zu sein. Ist das auch der Fall, wenn unpopuläre Entscheidungen getroffen werden müssen? „Ja, auch dann. Wichtig ist es, dass man den Menschen Sachverhalte erklärt, warum sie notwendig sind“, sagt Lenz. Und er ist sich sicher: „Wenn man inhaltlich fundiert erklärt, dann wird es auch verstanden.“ Zuhören, die Menschen ernst nehmen, erklären – das sei wichtig, auch wenn es sich manchmal um abstruse Dinge handelt, Stichwort Verschwö- rungstheorien. Andreas Lenz hat beim wissenschaftlichen Dienst des Bundestags ein Gutachten anfertigen lassen, dass aufzeigt, dass Deutschland tatsächlich ein souveräner Staat ist. Dieses schickt er denn Leuten zu, wenn sie mit Verschwörungstheorien kommen.

„Ich frage mich, was muss passieren, dass man seinem Bundestagsabgeordneten schreibt. Daher sollte man das auch ernst nehmen.“ Dies sei wichtig, seiner Meinung nach sei zwar die Demokratie in Deutschland gefestigt, es gebe aber eine kritische Masse, die sich von der Mehrheitsgesellschaft weg bewege. Ist es dadurch härter geworden, Politiker zu sein, wenn Menschen resistenter gegen Fakten werden? „Ja, es gibt immer mehr die kalkulierte Empörung, die bewusste Skandalisierung von Sachverhalten, ohne eine Lösung zu bieten“, erklärt Lenz. „Das ist manchmal schwierig zu ertragen, wenn man versucht, sachlich und faktenbasiert zu arbeiten.“ Aber Lenz ist auch selbstkritisch: „Wir müssen in unserer Kommunikation noch besser werden, noch besser erklären.“ Grundvoraussetzung hierfür sei – wie es auch Max Weber feststellt – die Leidenschaft am Menschen und an der Sache. Und bei aller Leidenschaft sollte auch eine gewisse Gelassenheit zum Politikerdasein kommen. „Man darf nicht alles persönlich nehmen, man muss abwägen, was jetzt fundamental wichtig und was vielleicht auch einmal zum vernachlässigen ist“, so Lenz. Und wenn es für ihn eben fundamental wichtig ist, dann gibt es auch schlaflose Nächte. „Wenn wir im Bundestag über Auslandsmandate entscheiden, wenn man Leute in Krisengebiete schickt, sollte man so entscheiden, als ob man die relevante Stimme wäre, als ob man derjenige ist, der die finale Entscheidung trifft“, so seine Überzeugung. Und wie sieht es mit der Moral, mit den eigenen Werten im hektischen politischen Alltagsbetrieb aus? Muss man diese aufgrund von Notwendigkeiten nicht auch hinten anstellen? Das könne schon vorkommen, aber letztendlich müsse das eine das andere nicht ausschließen, sagt Lenz. Der innere Gerichtshof gewichte beide Dinge, die Notwendigkeit und die eigenen Werte. Letztendlich müsse man so entscheiden, wie man es für richtig empfinde.

Schließlich ist es für Andreas Lenz auch wichtig, sich als Politiker eine gewisse Unabhängigkeit zu bewahren. „Mir macht Politik viel Spaß. Ich will auch wieder für den Bundestag kandidieren, dazu muss man es auch wollen“, erklärt er. Aber: „Man sollte sich in letzter Konsequenz eine gewisse Unabhängigkeit im Kopf bewahren. Man darf nicht vergessen, dass man nur auf Zeit gewählt ist und man auch woanders glücklich werden kann.“ sc

Quelle: Anzeigenzeitungsverlag

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