Diagnose Blutkrebs

Einfach ein Leben schenken

Anna Beth hat letztes Jahr Stammzellen gespendet. Mit ihrem Sohn Emil und mann Benny
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Anna Beth mit ihrem Sohn Emil und ihrem Ehemann Benny

2014 ließ sich Anna Beth aus Pienzenau bei der DKMS registrieren, 2020 kam der Anruf, dass ihre Stammzellen tatsächlich benötigt werden. Eine Geschichte über das Geben

Region – Als der Anruf kam, der ihre Gefühle überrollte, war Anna Beth gerade mit dem Auto unterwegs. Kurz vor dem Ebersberger Forst meldete sich die Stimme in ihrem Handy: „Hallo Frau Beth, ich bin von der DKMS. Sie sind eine potentielle Spenderin.“

Alle 15 Minuten erhält in Deutschland ein Mensch, darunter auch Kinder und Jugendliche, die schreckliche Diagnose Blutkrebs. Die einzige Chance auf Heilung: eine Stammzellenspende.

Anna Beth aus Pienzenau ließ sich 2014 bei der Deutschen Knochenmarkspenderdatei, kurz DKMS, registriert. Auf die Idee wäre sie alleine nicht gekommen, hätten Ehrenamtliche der Organisation nicht an ihrer Türe geklingelt. Und sie war sofort dabei. „Ich hatte schon immer einen Organspenderausweis“, sagt Beth. „Somit war es für mich überhaupt keine Frage, mich auch bei der DKMS registrieren zu lassen.“ Mundabstrich machen, das Set in den Briefkasten stecken und fertig. So war es damals bei ihr. Und dann: passierte über die Jahre nichts. „Ich habe immer wieder die Aufrufe zu Typisierungsaktionen gehört“, erzählt sie. „Und ich dachte mir: passe ich denn nicht?“

Einen passenden Spender zu finden, gleicht der berühmten Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Die für eine Spende wichtigen Gewebemerkmale werden von den Eltern auf die Kinder vererbt, Dennoch finden nur ein Drittel der Patienten einen Stammzellen-Spender in der Familie. Der Großteil ist auf fremde Spender angewiesen. Bei den Gewebemerkmalen gibt es über 23.000 Ausprägungen, für eine Spende müssen diese jedoch möglichst identisch sein. Eine Lotterie für das Leben.

„Als ich den Anruf bekam, musste ich erst einmal anhalten“, erzählt Anna Beth. „Tränen schossen mir in die Augen und ich dachte mir: Krass, du kannst jetzt jemandem helfen.“ Das Gefühl, einen Menschen, der schwer krank ist in Aussicht zu stellen, wieder gesund zu werden, vielleicht ein Leben schenken zu können, überwältigte sie. Ihr erster Anruf galt ihrem Mann Benny. Er sage nur: „Mega! Mach das.“ Anna Beth hat einen Sohn, Emil, er ist sechs Jahre alt. Für sie war das kein Grund zu zweifeln. Einem Menschen das Leben retten, dieser Gedanke war auf einmal omnipräsent.

Stammzellen werden meistens über das Blut entnommen. Eine Spende über das Knochenmark geschieht in nur 20 Prozent der Fälle. Der Spender bekommt über fünf Tage ein Medikament verabreicht, welches die Anzahl der Stammzellen im Blut vermehrt. Über ein spezielles Verfahren wird dann das Blut entnommen. Man kann sich das wie eine Dialyse vorstellen. Das Blut läuft durch eine Maschine, die Stammzellen werden heraus gefiltert, danach fließt das Blut zurück in den Körper. Es ist keine Operation nötig.

Bei Anna Beth ging dann alles ganz schnell. Der Empfängerin ging es nicht gut. Aber zunächst standen eine Reihe von Voruntersuchungen an. Ultraschall, EKG, Blut- und Reflextests, die komplette Familienkrankheitsgeschichte wurde aufgerollt. Spenden um jeden Preis, das gibt es nicht. Der Spender steht im Fokus, erst wenn die Ärzte sagen, dass man komplett gesund ist, darf man spenden. Fünf Tage vor der Spende musste sich Anna Beth die Spritzen mit dem Wachstumsmedikament in den Bauchraum spritzen. Und ihr Körper reagierte heftig. „Ich hatte das Gefühl, mein ganzer Körper würde auseinander brechen“, erzählt sie. „Ich habe ohne Ende Schmerztabletten geschluckt. Ich hätte am liebsten aufgehört.“ Aber: „Ich dachte mir, da ist jetzt jemand, der hat Blutkrebs, dem geht es richtig schlecht, da ist das, was ich gerade durchmache ein Witz.“

Die DKMS finanziert sich unter anderem über Spenden. Die Registrierung von Spendern alleine kostet 35 Euro, die nicht vom Gesundheitssystem übernommen werden. Hinzu kommt: dem Spender entstehen keinerlei finanzielle Belastungen. Reisekosten, Unterbringung im Hotel, Taxifahrten, alles wird übernommen. Daher kann man den Kampf gegen den Blutkrebs nicht nur mit einer Registrierung unterstützen, sondern auch mit einer finanziellen Spende.

Am Abend vor der Spende lag Anna Beth in ihrem Hotelzimmer, sie schaltete den Fernseher ein und es erschien als erstes ein Werbebeitrag für die DKMS. Ein Gänsehautmoment. Am nächsten Tag hieß es dann, über ein ausdauerndes Sitzfleisch zu verfügen. Fünf Stunden dauerte die Stammzellenspende, Bewegung ist kaum möglich. „Mein Hinterteil hat mir ganz schön weh getan“, sagt Anna Beth mit einem Schmunzeln. „Ich hatte das Gefühl, dass es mir mit jeder Stammzelle, die meinen Körper wieder verlässt, wieder besser geht.“ Über ihren Gen-Zwilling, für den sie gespendet hat, weiß sie nicht viel. Es ist eine Frau im mittleren Alter und sie lebt in Deutschland. Die Daten werden zwei Jahre lang anonym gehalten, unter anderem sollen die Beteiligten vor einer emotionalen Belastung geschützt werden – der Patient kann trotz Spende versterben. Aber mittlerweile haben die beiden Briefkontakt über die DKMS. Der Frau geht es gut. Anna Beth hofft, dass die Patienten die Stammzellen gut aufnimmt, denn das ist nicht immer der Fall. Und sie hofft, sich einmal persönlich mit ihrem Gen-Zwilling treffen zu können. sc

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