1. meine-anzeigenzeitung
  2. Lokales
  3. Ebersberg

Arbeiten, beten und Fußball

Erstellt: Aktualisiert:

Kommentare

null
Habtom Aqubay ist neben seiner Festanstellung bei Marco Polo noch Dekanhelfer. © Foto: Tretner

Habtom Aqubay aus Eritrea wohnt mit vier anderen jungen Männern aus Eritrea in einem Haus in Rott und auf Nachfrage unserer Mitarbeiterin Andrea Tretner sagen alle, dass sie von dort eigentlich nicht mehr weg wollen.

Rott - Zusammen mit Alexandra Wagner-Simmer bin ich auf dem Weg zu dem Haus, in dem die vier Eritreer zusammen wohnen, da kommt eine sms auf dem Handy meiner Begleiterin an. „Ich komme heute nicht“, heißt die Nachricht. „Ach, da fahren wir trotzdem hin und schauen ein Mal“, ist die pragmatische Antwort der patenten Endvierzigerin, die den Flüchtlingen von Anfang an in Rott unter die Arme griff. Ein paar Minuten später kommt schon die nächste Kurznachricht: „Ich komme doch und verspäte mich“. Ein erleichtertes Lächeln ist auf dem Gesicht von Wagner-Simmer zu entdecken. Es sind eben immer noch erhebliche Sprachschwierigkeiten vorhanden, die die Kommunikation teilweise verwirrend oder kompliziert machen. 

Ein stattliches und großzügiges Zweifamilienhaus erwartet uns, mit großem Garten, einem Balkon und einer großen überdachten Terrasse im zweiten Stock. Im Garten wachsen die üblichen Kräuter, wie Schnittlauch und Maggikraut und es gibt auch ein noch nicht bepflanztes Tomatenhaus. 

Da die vier jungen Männer selbst viel kochen, wird das kleine Gewächshaus wohl bald gefüllt sein. Spätestens aber, sobald Habtoms Frau Jerusalem nach Deutschland kommen darf, wird ein frischer Wind in dem großen Garten wehen. Als gelernte Gärtnerin wäre das hier ein Paradies für sie. Viele Frauen haben in Eritrea gar keine Berufsausbildung und so ist es schon eine Besonderheit Gärtnerin zu sein. Habtom kommt, mit einer nur kleinen Verspätung. Aber er hat einen guten Grund. Jeden Samstag fahren die meisten der Eritreer aus Rott nach Rosenheim in die orthodoxe Kirche. Und der 32-Jährige beinhaltet dort eine verantwortliche Position – er ist Dekanhelfer. Die Kirche ist eine wichtige Institution für Habtom und seine Mitbewohner, aber nicht nur hier, auch in der Heimat.

Dort übernimmt die Kirche viele organisatorische und die meisten Verwaltungsangelegenheiten. So gibt es, nur bei der Kirche, so eine Art Melderegister über Geburten. Und hier sind ungefähr zwei von tausend Eritreer gemeldet. Das macht den Zuzug der Familien so schwierig, denn um hier nach Deutschland kommen zu können, müssen die Frauen und Kinder, die nachziehen möchten, dementsprechend amtliche Papiere haben. Für die Eheleute Aqubay sieht es gar nicht so schlecht aus. Jerusalem Aqubay ist schon nach Addis Abeba geflüchtet, die Hauptstadt von Äthiopien. 

Dort wartet sie, zusammen mit dem gemeinsamen vierjährigen Sohn Even darauf, zu ihrem Mann nach Deutschland reisen zu dürfen. Bis dahin wohnen die beiden in einer Wohnung, die Habtom von Deutschland aus finanziert – mit seinem selbst verdienten Geld. Hier hatte der 32-Jährige, der in seiner Heimat als Rechtsanwaltshelfer bei Gericht arbeitete großes Glück, als er eine Anstellung bei Marco Polo in Stephanskirchen bei Rosenheim fand. 

Zuerst war es nur ein befristeter Job über eine Zeitarbeitsfirma, der ein paarmal verlängert wurde. Die Modefirma war aber so derart zufrieden mit dem jungen Mann, dass sich die Personalabteilung dazu entschied, ihm eine Festanstellung anzubieten. Seit an ist Habtom im Lager dafür verantwortlich die Pakete, die von Stephanskirchen aus in alle Teile Europas versandt werden, sorgsam zu packen und auf den Weg zu schicken. Auf die Frage hin, was er denn am liebsten in seiner Freizeit machen würde, lächelt Habtom und sagt, dass er oft so müde ist und eigentlich nicht viel Zeit habe. Dass er müde ist, ist kein Wunder, fährt er doch jeden Tag mit dem ersten Zug um 5.45 Uhr nach Rosenheim, von dort aus weiter mit dem Fahrrad nach Stephanskirchen zu Marco Polo. Und vor acht Uhr abends kommt er meist nicht nach Hause. 

In seiner knappen Freizeit spielt Habtom gerne im örtlichen Verein Volleyball oder Fußball und dann gibt es ja noch seine Tätigkeit als Dekanhelfer, die ihm viel Freude und Sinn gibt. Am besten drückt er es selbst aus: „Arbeiten, beten und Fußball oder Volleyballspielen, mehr schaffe ich nicht“. 

Es ist ein positives Beispiel, wie Habtom sich hier eingelebt hat. Trotzdem, nicht alle in Rott möchten Kontakt mit den Geflüchteten, sei es privat oder innerhalb des ein oder andern Vereines. Wie Wagner-Simmer schildert, ist es ein besonders schwieriges Unterfangen Wohnungen für die Eritreer zu finden, die noch am Vogelberg in der Gemeinschaftsunterkunft wohnen. Viele würden solche Nachbarn nicht haben wollen. „Freunde macht man sich mit dieser Arbeit hier im Dorf nicht“, so die Mutter von drei schulpflichtigen Kindern. 

Aber wenn man Habtom fragt, wie viele Freunde er hier gefunden hat, nennt er als erstes laut und deutlich mit einem großen Lächeln seine große Schwester „Alex“. at

Auch interessant

Kommentare