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Aussage gegen Aussage

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Hat ein 30-Jähriger seine 60-Jährige Bekannte vergewaltigt? Diese Frage musste am Amtsgericht in Ebersberg geklärt werden. © Foto: Tretner

Richter Nikol und seine Schöffen hatten eine mehr als unangenehme Sitzung hinter sich zu bringen. Es ging um eine Vergewaltigung

Ebersberg – Der Staatsanwalt verliest seine Anklage und die vielen Details rauben einem als Zuhörer fast dem Atem. Ein 1986 geborener Afghane, derzeit wohnhaft im südlichen Landkreis Ebersberg, hat seine 60-Jährige Bekannte aus Vaterstetten mehr oder weniger eine Nacht lang mit den verschiedensten sexuellen Nötigungen gequält. Die beiden lernten sich schon 2014 in einer Unterkunft für Asylbewerber in Vaterstetten kennen, wo auch die Geschädigte in einer Sozialwohnung wohnte. 

Da es bei ihr immer leiser war als in der Asylunterkunft hielt sich der Angeklagte gerne bei der älteren Frau auf, die er, auch heute im Gerichtssaal häufig „Oma“ nannte. Und hier beginnt schon das Verwirrspiel, denn beide erzählen jeweils unterschiedliche Varianten des Verlaufs an diesem besagten Abend. Im September 2016 kommt der Angeklagte, laut seinen Worten, einfach nur vorbei, um seiner Bekannten ein paar schwere Sachen in den Keller zu tragen. 

Für die Geschädigte nahm der Abend einen etwas anderen Lauf. Ihre Aussage machte die heute mittlerweile 62-Jährige unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Aber den Reaktionen des Richters nach zu urteilen erzählte sie den Verlauf des besagten Septembertages immer gleichbleibend konstant, während sich der Angeklagte sozusagen immer den Prozessakten anglich. 

Man merkte Richter Nikol des Öfteren schon ein wenig an, dass er sich über diese Art der Anpassungsfähigkeit wunderte. Jetzt, in dieser Verhandlung, sagte der heute 32-Jährige aus, dass seine Bekannte keine Verletzungen an diesem Abend davongetragen hatte. Im Vernehmungsprotokoll bei der Polizei damals kannte er diese aber an. Über diese Verletzungen ließ die Frau zeitnah ein Attest machen. 

Angezeigt aber hat sie die Tat erst ein Jahr später in der Polizeidienststelle in Poing. „Ruhig und klar, hat die Dame die Vorgänge an diesem Abend geschildert, fast ein wenig distanziert“, so erzählt die zu diesem Prozess vernommene Polizistin. Sogar eine Sachverständige bestätigte die Klarheit der Geschichte von Seiten der Geschädigten, während der Angeklagte vehement die Tat leugnete und immer wieder mit seinen Aussagen über die Zeit hinweg teilweise deutlich schwankte. 

Aussage gegen Aussage, wem glaubt man nun? Was ist an diesem Abend wirklich passiert? Ein schwieriges Unterfangen für Richter und Schöffen, hier für eine strafrechtliche saubere Ebene zu sorgen. Ausgeprägte emotionale Amplituden machten es besonders schwer, den Überblick zu behalten oder wie die Polizistin es ausdrückte: „Es kam einem vor, als liebten sie sich sehr und im selben Moment hassten sie sich“. Diese Gefühlsextreme in unterschiedlichster Form erzählt, brachten eine Verwirrung, die einen als Zuhörer ein wenig ratlos zurückließ. Aber Richter Nikol, mehr als erfahren in Strafrechtsprozessen, bewahrte die Ruhe und den Gesamtblick auf die dargestellten Situationen und kam zu dem Schluss, dass der mittlerweile 62-Jährigen, die Krebs im Endstadium hat, zu glauben sei. 

Somit wurde per Gericht, die über Stunden vollzogene Misshandlung, in Form von Schlägen mit der Faust und der flachen Hand, die sexuelle Nö- tigung und Vergewaltigung bis in die frühen Morgenstunden hinein, offiziell als Tat bestätigt und mit drei Jahren Haft für den Angeklagten behängt. 

Richter Nikol sah es außerdem als große Leistung der Geschädigten an, die Tat über zwei Jahre immer wieder bei Gutachtern, Ärzten, vor Gericht oder der Polizei erzählen zu müssen. Tretner

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