Die Zeit des Erinnerns ist nicht vorbei

Erinnerung an Carl Friedrich Goerdeler

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Berthold Goerdeler vor dem Bild seines Großvaters Carl Friedrich Goerdeler

Ausstellung zum zivilen Widerstand gegen den Nationalsozialismus im Grafinger Caritas-Zentrum

Grafing – „...trotzdem ja zum Leben sagen“ ist ein berühmtes Buch des österreichischen Psychologen Viktor Frankl, der darin seine Erlebnisse und Erfahrungen in vier Konzentrationslager während des Nationalsozialismus schildert. Ein Buch, das Berthold Goerdeler gefangen nahm. Goerdeler ist Enkel von Carl Friedrich Goerdeler, einer der Köpfe des Hitler-Attentates vom 20. Juli 1944. Nach dem Attentat sollte er das Amt des Reichskanzlers übernehmen. Am 2. Februar 1945 wurde er hingerichtet, seine Familie von den Nationalsozialisten verfolgt. 

Vergangenen Freitag hielt der Enkel anlässlich der Ausstellungseröffnung zum zivilen Widerstand gegen den Nationalsozialismus im Grafinger Caritas-Zentrum einen Vortrag über seinen Großvater und startete bei Viktor Frankl. 

Fast die gesamte Politikprominenz des Landtages war zu der Veranstaltung im Rahmen der „Wochen der Toleranz“ gekommen. Alle betonten, wie wichtig Erinnerungsarbeit ist und dass mutige Menschen als Vorbild für ein Leben mit Toleranz und des Mutes gelten. Goerdeler war ein mutiger Mann. Tatsächlich, so betonte Grafings Museumsleiter Bernhard Schäfer, sei die Erinnerungsarbeit häufig institutionalisiert und ritualisiert und erreiche daher immer weniger Menschen, obwohl sie große Präsenz in unserer Gesellschaft besitzt. Es gelte wieder wachzurütteln, denn die Zeit des Erinnerns ist nicht vorbei, betonte der Landtagsabgeordnete Thomas Huber. Berthold Goerdeler war gerührt ob dieser Vorreden. 

Er rüttelte wach. Man muss sich vorstellen, so berichtete er, Europa wurde von den Nazis und den Sowjets geteilt, im Osten entstanden Gulags im Westen KZs. „Tausende Menschen wussten damals davon.“ Sein Großvater ging dagegen in den Widerstand. Er war Jurist und Politiker, u.a. zweiter Bürgermeister von Königsberg, später Oberbürgermeister von Leipzig. Der Abend war spannend und berührend. Der Jurist in achter Generation berichtete vom Leben seines Großvaters und dessen Beweggründe zum Widerstand. 

Das reichlich erschienene Publikum war sichtlich bewegt. Die sieben Katastrophen des Großvaters waren der Erste Weltkrieg, der Versailler Vertrag – in seiner Form eine Art kalter Krieg -, die Währungsreform und Weltwirtschaftskrise, das aufkommende Gegeneinander der Menschen, die Machtergreifung der NSDAP, Hitlers Kriegswunsch, schließlich der Zweite Weltkrieg und die eigentliche Unmöglichkeit zum Widerstand. Die Grenzen der Toleranz waren damals schnell erreicht. Goerdeler erfuhr vieles über seinen Großvater erst nach der Öffnung der Archive 1989/90. Sechs Container voll, allein mit 20.000 Seiten aus der Feder des Großvaters sichtete er. Daraus ist ein Buch entstanden. Carl Friedrich Goerdelers Ziel war Hitler zu stürzen, um als Reichskanzler für Recht und Moral, gegen Judenverfolgung, für Meinungs- und Pressefreiheit einzutreten und der Lüge den Kampf anzusagen. „Wir müssen den Anfängen wehren – und da dürfen wir auch intolerant sein!“ Ein wunderbarer Satz, den Berthold Goerdeler da formulierte. 

Was würde der Großvater zur heutigen Zeit sagen? Das Miteinander, das Geben und Nehmen würde er verdeutlichen, den Wunsch zu einer Rückkehr zum einfachen menschlichen Anstand, dessen Grundlage die zehn Gebote bilden. Spätestens hier wurde deutlich, wie wichtig Erinnerungsarbeit ist und welche Bedeutung sie für die Gegenwart hat. Die Wanderausstellung „Das größte Problem ist die Wiederherstellung des einfachen menschlichen Anstandes“, eine Kooperation der Stadt Leipzig mit der Carl und Anneliese Goerdeler-Stiftung und der Stiftung Logos und Ethos, vermittelt die menschliche Betroffenheit des Widerstandskämpfers Carl Friedrich Goerdeler, dessen Lebensweg samt seinen Schicksalsschlägen sehr anschaulich. Man sollte sie sich anschauen.Kees

Quelle: Anzeigenzeitungsverlag

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