Interview

Wenn die Seele im Lockdown ist 

Ein Mensch, der an Depressionen leidet, sitzt in einem Tunnel
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Bei zwei Drittel der Menschen, die an Depressionen leiden, sind deutliche Verschlechterungen ihres Gesundheitszustandes erkennbar

Dr. med. Vitali Livak ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie in Ebersberg. Seine Patienten, die an Depressionen, Angst- oder Zwangsstörungen erkrankt sind, leiden spürbar unter dem Lockdown. Wir haben mit ihm gesprochen

Herr Dr. Livak, wie geht es Ihren Patienten aktuell?

Je nach Diagnose sehr unterschiedlich. Für Menschen, die unter einer aktuellen Psychose leiden oder gut medikamentös eingestellt sind, hat sich erstaunlicherweise nicht viel verändert. Ganz anders sieht es jedoch bei Menschen aus, die an einer Depression, einer Angst- oder Zwangsstörung leiden. Ihr Zustand hat sich durch den anhaltenden Lockdown signifikant und überproportional verschlechtert. Zwei Drittel sagen, dass es ihnen deutlich schlechter geht.

Inwiefern?

Ängste und Perspektivlosigkeit nehmen zu, meine Patienten sind niedergeschlagen, die Gedanken kreisen und sie grübeln viel. Hinzu kommen Schlaflosigkeit, Anspannungen und Gereiztheit. Nicht zu vergessen sind Trauerreaktionen.

Wenn Menschen in dieser Zeit einen Angehörigen verlieren?

Genau. Viele, die einen lieben Menschen verlieren, können sich nicht richtig verabschieden. Gerade auch für Menschen, die in Altersheimen leben, ist der Lockdown sehr schwierig. Sie verstehen aufgrund des Alters die getroffenen Maßnahmen nicht immer, sie können nicht nachvollziehen, warum die Tochter jetzt nicht mehr kommen darf.

Welche Langzeitfolgen Corona und der Lockdown auf die Psyche hat, wird man wohl erst in fünf bis zehn Jahren feststellen können, sagt Dr. Vitali Livak

Sie betreuen auch als konsiliarischer Arzt Patienten in der Kreisklinik Ebersberg, die an Corona leiden. Was macht diese Erkrankungen mit den Menschen?

Ich werde jetzt öfter angerufen, gerade wenn es um ältere Damen und Herren geht, die aufgrund einer Covid-19-Infektion behandelt werden. Manche von ihnen essen nicht mehr richtig, sind apathisch, haben lebensmüde Gedanken. Ich stelle dann oft fest, dass eine Depression hinzu gekommen ist. Auch ein Patient, der an Demenz erkrankt ist, kann in Corona-Zeiten depressiv werden.

Sie sagten, dass sich bei zwei Drittel Ihrer Patienten, die an Depressionen, Angstoder Zwangsstörungen leiden, der Zustand deutlich verschlechtert hat. Wie reagieren sie darauf?

Die Medikation muss optimiert werden, ich empfehle zusätzlich eine ambulante Psychotherapie oder eine Behandlung in einer psychotherapeutischen Tagesklinik.

Gibt das denn die Infrastruktur überhaupt her?

Bei Psychotherapie war es schon immer schwierig, auch vor Corona betrug die Wartezeit drei bis sechs Monate. Dabei ist der Bedarf groß, nicht nur wegen Depressionen, sondern auch bei Trauerreaktionen oder Ängsten. Ich kann einen Menschen, der realistische Angst hat, seinen Job zu verlieren, nicht mit Medikamenten behandeln. Hinzu kam, dass stationäre Einrichtungen, zum Beispiel für Suchtkranke, zu Corona-Stationen umgewandelt wurden, da diese technisch sehr gut ausgerüstet und über gut ausgebildetes Personal verfügen, die sich mit Intensivmedizin auskennen. Patienten mussten dann teilweise länger auf einen Aufnahmetermin warten.

Sie haben das Thema Sucht angesprochen. Fliehen jetzt deutlich mehr Menschen in Rauschmittel, um der Monotonie des Alltags zu entkommen?

Bei Alkohol auf jeden Fall, hier registriere ich eine Zunahme bei meinen Patienten. Auch die Rückfallquote bei alkoholkranken Menschen ist gestiegen. Es kommt auch zu Störungen beim Essverhalten. Stressbedingte Essattacken, weniger Tagesstruktur, unregelmäßige Essensaufnahme führen hierzu. Und bei Jugendlichen hat die Nutzung von Onlinegeräten zugenommen.

Was macht eine Situation wie jetzt mit unserer Psyche?

Diese Frage kann man erst beantworten, wenn die Pandemie vorbei ist, vielleicht in fünf oder gar erst in zehn Jahren. Es gibt keine repräsentativen Studien, eine Prognose über die Langzeitwirkungen wäre zum jetzigen Zeitpunkt reine Spekulation. Es gibt Experten die sagen, je länger die Maßnahmen dauern, desto mehr würde es zu schweren psychischen Erkrankungen führen. Ich teile diese Meinung nicht.

Sie haben keinen Anstieg der Patientenzahlen in den letzten zehn Monaten festgestellt?

Nein, meine Praxisstatistik beweist, dass nicht mehr Patienten hinzu gekommen sind, wobei ich bereits vor Corona sehr viele Patienten hatte.

Letzte Frage: Kinder können sich nicht mit ihren Freunden treffen, der Sportverein ist geschlossen, Schule findet am Küchentisch zu Hause statt. Was macht der Lockdown mit den Kindern?

Viele meine Patienten, die Kinder haben, berichten mir, dass sich die Kinder etwas besser an solche Situationen anpassen können als Erwachsene. Leider schauen sich die Kinder oft das Verhalten der Erwachsen ab und versuchen es mit der Zeit nachzuahmen. Meine Empfehlung an die Eltern: Gehen Sie umsichtig und vorsichtig mit Ihren Kindern um, sehen Sie die Krise als Chance, familiäre Beziehungen zu vertiefen und mehr miteinander zu sprechen. Wie war Dein Tag? Was fühlst Du? Wie war dies oder das für Dich? Bei älteren Kindern kann ein ehrenamtliches Engagement gefördert werden wie zum Beispiel für die ältere Damen im Haus nebenan einkaufen zu gehen.

Das Interview führte Christian Schäfer

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