Starke Premiere in Zorneding

Heiteres & Düsteres

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Im historischen Zentrum Zornedings: die alte Posthalterei spielte für den Ort eine wichtige Rolle.

Kreisheimatpfleger Thomas Wark veranstaltete den ersten historischen Spaziergang. Den Teilnehmern hat es gefallen

Zorneding – Bei frostigem Boden mit schlechtem oder gar nicht erst vorhandenen Schuhwerk auf dem mühsamen Schulweg - was tun? Na klar: Auf halbem Wege eine Mulde graben, reinpinkeln und die Füße darin wärmen. So das wochentägliche Prozedere, wenn Schulkinder aus den umliegenden Weilern und abgelegenen Höfen im Winter nach Zorneding mussten. Noch gegen Ende des 19. Jahrhunderts soll das so geschehen sein, wie Kreisheimatpfleger Thomas Wark beim historischen Spaziergang der gut 60-köpfigen Wandergruppe erzählte. 

Für Wark war Zorneding eine Premiere, in Ebersberg und Grafing ist er regelmäßig als „Stadtführer“ unterwegs. Dabei ist der gebürtige Karlsruher seit Kindesbeinen überzeugter Zornedinger, der auf dem Kappellenberg aufwuchs. Dieser bindet auch die Hauptroute an diesem sonnigen Freitagnachmittag. „Wir Kinder vom Kappellenberg wurden gehasst.“ Gemeint waren die Gegner aus dem umliegenden Gebiet, mit denen Wark und seine Kumpels ständig auf Konfrontation waren. Das Herz von Zorneding nennt der gelernte Journalist den Bereich rund um das Haus der Vereine. Hier standen früher das Rat- und Schulhaus. Auf einer nahen Grünfläche ist die Rede von der früheren Bäckerei Reicheneder, bei der es die besten Semmeln gab und die Frauen sich zum Klatsch und Tratsch trafen: Nicht fehlen darf angesichts der Posthalterei der Rückblick auf die im 17. Jahrhundert eine gerichtete Postroute 5, die durch Zorneding führte und das Übernachtungs- sowie das Schmiedewesen ertüchtigte. 

Zu den Gästen zählten Haydn, Goethe und Casanova. Auch der junge Mozart nutzte diesen Reiseweg, um nach München zu kommen. Er berichtete seinem Vater von der schlechtesten Straße, die es gibt: Der Spannleitenberg in Kirchseeon war gemeint, und das Gesäß des Musikgenies war vollkommen malträtiert, wie Wark in seiner sehr unterhaltsamen Art überliefert. Immer wieder wird in der Runde laut gelacht, gerade, wenn es dem Erzähler um die Auseinandersetzungen der Kappellenberg-Kinder mit den zahlenmäßig weit überlegenen Rivalen geht. Aber auch ernste und düstere Themen wie die verheerenden Brände von 1825 im Oberdorf oder 1802, als das Anwesen von Anton Grandauer zerstört wurde. Dass die Schweden im 30-jährigen Krieg zwar München verschonten, aber in Zorneding raubten und vergewaltigten. 

Und: Magd und Knecht durften einander gar nicht heiraten, das war noch um 1800 so. „Sach zur Sach und Geld zu Geld“, das galt auch in Zorneding. 55-jährige Lüstlinge nahmen sich eine 15-Jährige zur dauerhaft gebährenden Frau mit dem Ziel: Ein Kind jährlich, denn von zehn Geborenen überlebten im Schnitt gerade mal drei. Wark hat Unmengen historische Aufnahmen dabei, die er herumreicht. Dabei auch ein Bild von „Zorro“, weil er und seine Kumpel glauben wollten, dass er der Gründer und Namensgeber seiner Ortschaft gewesen sein muss. Oben, bei der Antonius-Kappelle, erinnert Wark an den früheren Schlittenberg, wo jetzt moderne Wohnhäuser stehen. Nach zwei Stunden, die wie im Flug vergehen, löst sich die Gruppe, in der sich auch zwei Gemeinderatsmitglieder sowie die Gewinnerin der amerikanischen Versteigerung (wir berichteten) befinden, auf. Aber nicht, ohne den Spaziergangsleiter erfolgreich um eine baldige Fortsetzung dieser kurzweiligen Ortsbesichtigung zu bitten. osw

Quelle: Anzeigenzeitungsverlag

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