Die Reportage

Flexibilität ist Trumpf

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Der Blick von der Empore zur Bühne.

„Wir müssen noch warten. Der Architekt hat den Schlüssel!“ Doch nicht Walter Brilmayer, aber ganz und gar im Brilmayer’schen Duktus informiert Sohn Florian die inzwischen auf mehrere hundert Personen angewachsene Menschmenge im Klosterbauhof.

Alle wollen sich über den Baufortschritt des „alten Speichers“, des neuen Ebersberger Stadtsaals informieren. Bekannte Gesichter aus der Politik wie Altlandrat Hans Vollhardt mit Gattin und viele Ebersberger Stadträte, aus dem kulturellen Bereich wie die Vertreter des Kulturkreises Ebersberg, der Tanzsportgemeinschaft Da Capo oder dem Kulturverein Zorneding-Baldham findet man unter den vielen Ebersberger Bürgern. Die 10-jährige Planungs- und Bauphase des dringend benötigten neuen Stadtsaales neigt sich dem Ende zu – etwas Zeit verzögert. Doch was sind dreieinhalb Wochen gegenüber dreieinhalb Jahrzehnte? Schon anno 1978 arbeiteten Altbürgermeister Hans Vollhardt und die ehemaligen Stadträte Bergmeister, Wochenmaier und Otter an einer grundlegenden Überplanung des Klosterbauhofs mit der Prämisse hier einen Veranstaltungsraum zu etablieren. Gemeinsam mit Architekt Bernhard Schellmoser will Florian Brilmayer Einblick in den „alten speicher“ und Ausblick auf die vielseitigen Einsatzmöglichkeiten des neuen Ebersberger Stadtsaals geben. Dicht gedrängt stehen die wissbegierigen Gäste im Erdgeschoss und des zukünftigen Foyers nebst Garderobe. Wo seit dem späten Mittelalter bis ins letzte Jahrhundert die Kühe des landwirtschaftlichen Betriebs im Klosterbauhof untergebracht waren, hat man den Boden nebst Säulen und Gewölbe saniert und für die neue Nutzung des darüber liegenden alten, rund 1.500 Quadratmeter großen Heubodens ertüchtigt. Florian Brilmayer lässt im Foyer die Geschichte der Entwicklung der letzten vier Jahrzehnte Reue passieren, erinnert an den Brand im Kuhstall Anfang der 1980er Jahre, wo zunächst auch das Landratsamt seine Erweiterung anvisiert hatte und hierzu Ende der 1980 Jahre des Westflügels des Klosterbauhofs kaufte. Die Stadt Ebersberg hatte gleichzeitig den Nordflügel erworben und begann mit der Entwicklung zum Bürgerhaus für die Stadt. Um die letzte Jahrtausendwende änderten sich wiederum die Eigentümerverhältnisse und die Stadt Ebersberg war entschlossen im Heuboden des Klosterbauhofes einen Stadtsaal zu errichten.

Glücklich nennt Schellmoser den Umstand, dass die zukünftigen Betreiber, das Team des „alten kinos“ mit Markus Bachmeier an der Spitze, frühzeitig ins Planungsgeschehen eingebunden waren. Es war wie ein Nackenschlag, als 2005 die Änderung der Versammlungsstätten-Verordnung erfolgte, berichtet Florian Brilmayer mit ernster Stimme. Dass man kurzer Hand die Bühne und den Lieferanteneingang von Nord nach Süd verlegte, war nahe zu marginal. Dass aber der Denkmalschutz auch wenig auffällige Glas-Bauelemente verweigerte, die städtebaulich optische Highlights hätten werden können, und gar eine Außentreppe, den geforderten zweiten Fluchtweg ablehnt hat, bedauern einige Experten noch heute. Unbedingt nötig war auch ein weiterer Ankauf von Gebäudeteilen, um die notwendigen „Neben“-räume wie Küche, Foyer und Sanitärbereich sinnvoll platzieren zu können und nicht durch deren komplette Anordnung auf Speicherebene den Saal unnütz zu verkleinern. Florian Brilmayer kommt mit den Kosten von sieben bis acht Millionen Euro, von denen die Stadt Ebersberg rund 5,5 Mio. Euro zu zahlen haben wird, zum Ende des Resümees, denn groß ist die Spannung im Publikum, wie es denn eine Etage höher im neuen „alten Speicher“ aussieht. Die beiden der Barockzeit nachempfundenen, in modernem „Bauhaus-Stil“-ausgeführten Treppenaufgänge sind noch nicht ganz fertig. Aufmerksame Begleiter wie Martin Schedo helfen über mögliche Schwachstellen hinweg. Dass die Gäste beim Anblick des Saales am Ende der Treppen erst einmal erstaunt stehen bleiben, dient ebenso der Sicherheit des Publikums beim Anstieg zum „alten Speicher“. Sprachlos sind die meisten. Wer hier zunächst tief Luft holt, bemerkt gleich den Staub in der Luft – wird zurückgeholt in die Wirklichkeit: Wir sind auf einer Baustelle – auch wenn die inzwischen verkleidete Decke des alten Speichers, die Raumtiefe und nicht zuletzt die beiden Stege für die Technik starke Eindrücke hinterlassen. Der „alte speicher“ füllt sich mit der Menschen Menge, schwer zu beurteilen, ob 300 oder doch schon gute 400 Personen da sind. „Kein Problem“, versichert Architekt Bernhard Schellmoser, der Saal fasse leicht 1.000 Leute und für genau die seien die Fluchtwege konzipiert. Dass man den Bühneneingang öffnet und somit die Gäste bis zu den Bahngleisen sehen können, wo gerade eine S-Bahn ankommt, ist also keine Sicherheitsaktion für den Fall der Fälle. Noch liegt Staub in der Luft und in Anbetracht dessen, dass der Terrazzo-Boden erneut geschliffen werden muss bevor er versiegelt wird, bleiben viele Teile der Licht-, Ton- und Videotechnik den Zuschauern verborgen. Verborgen sind die dazugehörigen Leitungen ohnehin sowohl im Fußboden als auch in den Seitenwänden. Dass wie im alten Sieghartssaal das Knarren der alten Holzbodendielen zur unerwünschten Begleitung des virtuosen Violinen Spiels wird, kann im neuen „alten speicher“ nicht vorkommen – dank Terrazzo-Boden. Der Vorschlag diesen strapazierbaren Bodenbelag zu nehmen, kam von der Ebersberger Tanzsportgemeinschaft Da Capo, erzählt Jürgen Heuer aus deren Vorstandschaft höchst zufrieden. Auch für den Tanzsport ist der Boden geeignet. Vom klassischen Konzert, über den fetzigen Auftritt von Rock’n Rollern, der privaten Geburtstagsfete oder den publikumsträchtigen Jahresveranstaltung der Ebersberger Vereinslandschaft bis hin zu einem repräsentativen, stilvollen Autosalon – hier im „alten Speicher“ ist alles möglich. Jeder kann sein technisches Equipment mitbringen und an unterschiedlichen Stellen anschließen. Flexibilität ist eines der Trümpfe, die der „alte speicher“ ausspielen kann. Was nicht stattfinden wird ist, versichert Markus Bachmeier schon fast kategorisch, störendes „Schnitzel klopfen“ oder „Teller und Tassen Geklapper“ während einer Veranstaltung. „Wir haben die Bewirtung übernommen, damit wir das bestimmen können.“ar

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