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„Ich bin Lehrer – und kein Mörder.“

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Erzählt von Krieg und Frieden, Flucht und Ankommen: Hasan Alhassan kam 2015 von Syrien nach Deutschland. Seine Frau und seine drei Kinder folgten eineinhalb Jahre später. In Rott am Inn wird die Familie von Regina Brandl (l.) unterstützt © Foto: Tretner

Hassan Alhassan lebt seit September 2015 in Rott am Inn. Zuvor flüchtete er aus seiner Heimat Syrien, weil er nicht in den Krieg ziehen wollte – er wollte niemanden für sein Land töten müssen.

Rott am Inn – Zusammen mit Regina Brandl, eine der Helferinnen, die sich der Flüchtlinge seit 2015 angenommen hat, spaziere ich zur Wohnung von Hassan. Über die Gemeinde Rott hat er die Hausmeisterwohnung, in einem Gebäudekomplex für betreutes Wohnen bekommen. Möglich war dies, weil er gleich nach seiner Ankunft mit einem Minijob bei der Gemeinde angestellt war. Über eine Außentreppe geht’s hinauf zur Familie aus Syrien. 

Mit dem kleinsten Kind, welches sich um die Beine des Vaters schlingt, öffnet uns ein freundlicher Mann um die vierzig, die Tür. Schon gleich schauen zwei weitere Kinder neugierig ums Eck. Eigentlich ist Hassan ein sehr zurückhaltender Mann und mag es nicht gerne in der Öffentlichkeit zu stehen. Aber er gibt dieses Interview heute, weil er den Menschen in seinem Gastland zeigen möchte, dass es auch gutgelingende Fälle von Integration gibt. Wir setzen uns, seine Frau bringt selbstgebackene kleine Süßigkeiten und während seine Kinder um ihn herumturnen, erzählt er ruhig, wie es dazu kam, dass nun Rott am Inn seine zweite Heimat ist.

„Unser Krieg machte alles kaputt“

Mitte 2015 entschloss sich der damals 37-Jährige, seine Heimatstadt Damaskus zu verlassen. „Ich bin Lehrer und kein Mörder“, begründet er seine Entscheidung, sich in ein fremdes Land aufzumachen. Hassan studierte an der Universität von Damaskus arabische Literatur und unterrichtete nach seinem Abschluss die letzten neun Jahre in einer Mittelschule und auf dem Gymnasium. Überfüllte Klassen mit bis zu 60 Kindern erschwerten zwar die Bedingungen zuletzt, nahmen ihm aber nicht die Freude als Lehrer zu arbeiten. „Unser Krieg macht alles kaputt, es gibt keine Schulen mehr und so wurden die Klassen immer größer, vor dem Krieg war das nicht so.“ 

In Syrien ist es für jeden Mann bis 45 Jahre verpflichtend, für sein Land in den Krieg zu ziehen. Das wollte Hassan nicht. Und nachdem die Situation für ihn und seine Familie ständig schwieriger wurde, entschied sich Hassan zur Flucht aus der Heimat. Vier Wochen dauerte der Weg über die Türkei, Griechenland, Mazedonien, Ungarn, bis endlich sicherer Boden erreicht war. Es gab unzählige gefährliche Situationen auf der Strecke. Eine kleine Odyssee erwartete ihn auch hier, bis er über Passau, Deggendorf, München, Ingolstadt und Raubling in Rott am Inn landete. Und das hört man das ganze Gespräch hindurch immer wieder, dass dies ein großes Glück bedeutet, hier so Fuß fassen zu dürfen. Für Hassan ging es mit Hilfe von Brandl recht gut weiter. Er lernte Deutsch, bestand den Integrationskurs und bekam einen Minijob bei der Gemeinde. Blumen gießen, Mülleimer leeren und andere kleine Tätigkeiten waren seine Arbeit, bis er wiederum mit Hilfe eine Festanstellung in der Produktion bei der Schokoladenfabrik Dengel in Rott fand. So sind nicht mehr die Literatur und die Sprache seine Arbeit, sondern Schokoladentafeln und Pralinen. Als Hassan Mitte 2015 von zu Hause wegging, war seine Frau Sanaa im siebten Monat schwanger. 

Von Deutschland aus stellte der 40-jährige sobald es ging den Antrag auf Familienzusammenführung. Nach ungefähr eineinhalb Jahren war es so weit. Es gab eine Anhörung in der deutschen Botschaft in der Türkei. Dies hieß für Sanaa und ihre Kinder über die Berge illegal in die Türkei zu flüchten. Eine Woche vor dem Termin wagte sie den Gang mit zwei kleinen vierjährigen Kindern und einem Säugling. Regina Brandl kann sich gut daran erinnern, wie Hassan den erlösenden Anruf von seiner Frau aus der Türkei bekam: „Ganz nervös war er die Tage, krank vor Sorge, ob seiner Frau die Flucht mit den kleinen Kindern gelingt und was für eine Freude, als dann der Anruf kam“.

Zufriedenheit – ein immer wieder erwähntes Wort im Gespräch

Nach einem Monat lag das Visum bereit für die Einreise nach Deutschland und seit Ende Februar letzten Jahres ist die Familie wieder vereint. Sanaa, die in Damaskus Wirtschaft studierte, wird ab September endlich Deutsch lernen können. Bis dato war das immer an der Kinderbetreuung gescheitert. Nachdem aber der kleine Youssef ab September in den Kindergarten geht, findet sich dafür endlich Zeit. Zufriedenheit, ein immer wieder von Hassan erwähntes Wort in dem Gespräch. 

Und dieses Gefühl von Frieden spürt man auch als Gegenüber. Da kommt ein Mensch aus einem Land, in dem ein fataler Krieg herrscht und nun sitzt er hier auf der Couch und Zufriedenheit und Bescheidenheit füllt den Raum. Auf die Frage hin, ob er viele deutsche Freunde hier hätte, antwortet er: „Ich habe einen Freund, mit dem ich immer Fußball spiele, aber ansonsten haben die Deutschen sehr wenig Zeit, sie sind immer am Arbeiten“. 

Interessanterweise antwortet er auf die Frage, was er denn in seiner Freizeit tue, mit demselben Argument – schon ein erkennbares Zeichen für gelungene Integration? „Für Freizeit habe ich gar keine Zeit, ich arbeite, dann kommt die Familie. Aber wenn wir einmal Zeit haben, gehen wir spazieren oder wir gehen etwas essen in Rosenheim“. Es blieb in unserem Gespräch nicht aus, nach den aktuellen Ereignissen mit Flüchtlingen in Deutschland zu fragen. 

Den Iraker, der ein 14-jähriges Mädchen umgebracht haben soll, bezeichnet Hassan als „nicht normal“. Und erklärt weiter, dass er gar nicht weiß, was er dazu sagen soll, so schlimm ist das. „Doch, eines weiß ich schon, dass es eine Katastrophe ist.“ Nach einer kurzen Pause sagt er weiter: „Es ist auch eine Katastrophe für alle anderen Flüchtlinge, denn jetzt sagen alle – so sind die Flüchtlinge“. „Es gibt Leute, die sind gegen Flüchtlinge, es gibt sogar eine Partei, die uns nicht mag“, erläutert er weiter, „und für die ist das Feuer auf ihre Argumente“. Aber nicht alle Flüchtlinge sind so, sagt er am Schluss etwas besorgt, dass dies vielleicht nicht mehr viele hier im Land denken könnten. 

Bis auf kleinere Schwierigkeiten, weil wieder einer zum Beispiel einen überteuerten Mobilfunkvertrag unterschrieben hat, kann man hier nur mit guter Integration aufwarten. Dass dies sicherlich damit zu tun hat, dass es hier von Anfang an eine engmaschige, sehr engagierte weitreichende Betreuung gab, steht außer Frage. Alle Flüchtlinge sind hier in Lohn und Brot, für einige müssen noch Wohnungen gefunden werden. Dies ist nicht in allen Orten so.

„Alle in einen Topf zu werfen wäre fatal“

„Solche schweren Vorfälle wie im Fall Susanna gehören strafrechtlich verfolgt, aber jetzt alle gleich in einen Topf zu werfen, wäre fatal“, so Regina Brandl. Und mit solchen Geschichten, von gut gelungener Integration besteht die Möglichkeit, sich ein Bild der Flüchtlingssituation zu machen, welches beides zulässt – die Gefahren, aber auch die Chancen zu sehen, die der Zuzug von asylsuchenden Menschen für uns bereithält. In Rott am Inn bot man den Flüchtlingen sofort eine Gemeinschaft an, die nicht Wut oder Frustration wachsen ließ, sondern Vertrauen, das Wichtigste für jegliches hinaustreten in die Welt. 

Auch in die Welt des jeweils anderen. Was wünscht sich nun jemand, der eine gefährliche Flucht auf sich nahm und dessen Frau eine vielleicht noch viel gefährlichere hatte, weil sie auch noch die Kinder beschützen musste? „Mein Land in Sicherheit sehen – in Frieden“.at

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