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Ukrainekrieg: Flucht nach Zorneding

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Von: Oliver Oswald

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Jurij Shukhevych mit seiner Frau Olexandra und Kardinal Marx am vergangenen Sonntag in einer ukrainischen Kirche in München
Jurij Shukhevych mit seiner Frau Olexandra und Kardinal Marx am vergangenen Sonntag in einer ukrainischen Kirche in München © Privat

Jurij Shukhevych war Abgeordneter im ukrainischem Parlament. Jetzt ist er vor dem Krieg aus Lemberg geflohen und hat in Zorneding Zuflucht gefunden. 

Zorneding – Jurij und Olexandra Shukhevych lebten in Lemberg in der Westukraine und mussten nach dem militärischen Angriff durch Putin auf die gesamte Ukraine flüchten. Jetzt sind sie in Zorneding angekommen. Jurij wird im März 89 Jahre alt und steht laut eigenen Aussagen auf der schwarzen Liste von Putin. Er sei der Sohn eines Generals der ukrainischen Befreiungsarmee und wurde erstmals mit 14 Jahren von den Bolschewisten verhaftet.

Bis zu seiner Befreiung im Jahr 1989 sei er die meiste Zeit in russischer Haft gesessen, er ist seitdem erblindet. Jurij Shukhevych war von 2014 bis 2019 Abgeordneter im ukrainischen Parlament in Kiew. Olexandra ist in München geboren und zog 1996 in die Ukraine. Wir haben mit den beiden gesprochen

Wie geht es Ihnen heute – gesundheitlich, vor allem aber seelisch?

Gesundheitlich geht es uns gut, wie es unser Alter erlaubt. Psychisch sind wir sehr angespannt, zumal ich mit 89 Jahren befürchte, meine Heimat nicht mehr sehen zu dürfen. Dass macht mir zu schaffen.

Wann haben Sie beschlossen, ihre Heimat zu verlassen?

Das ging sehr schnell, da war nicht mehr viel zu planen. Am Donnerstag morgen war die Erkenntnis zur notwendigen Flucht da. Nachdem die Bombardierung von Lemberg gedroht hat und ein Transport fast unmöglich wurde, konnten wir abends noch Plätze in einem privaten Bus mit Ziel Polen bekommen. Wir hatten dann keine zwei Stunden, um zwei kleinen Koffer und einen Rucksack zu packen.

Konnte die Flucht geplant stattfinden oder mussten Sie flexibel agieren?

Wir haben am Donnerstag den ganzen Tag nach Möglichkeiten für die Flucht gesucht. Es hat sich für uns immer die Frage gestellt, ob wir überhaupt flüchten sollen, oder ob wir doch daheimbleiben können. Ich stehe auf einer schwarzen Liste Putins ganz oben. Deshalb wurde mir geraten, noch in dieser Nacht Lemberg zu verlassen und aus Sicherheitsgründen niemanden etwas darüber zu sagen. Wir konnten uns dadurch weder von unseren Freunden noch Familie verabschieden.

Wie lange dauerte Ihre Flucht?

Gegen 17.30 Uhr haben wir am Donnerstag die Plätze im Bus zugesagt bekommen, gegen 21 Uhr haben wir unser Haus verlassen. Wir sind dann von der polnischen Grenze mit dem Zug nach Berlin und dann weiter nach München. Am Freitag um Mitternacht sind wir in Zorneding angekommen.

Hatte es im Vorfeld – Wochen, Monate vorher – beruhigend gewirkt, dass Sie von einer Aufnahme bei Verwandten in Deutschland wussten?

Es war ein sehr gutes Gefühl zu wissen, dass wir in Zorneding unterkommen und somit ein Ziel hatten.

Wäre diese Flucht ohne die Hilfsbereitschaft Ihrer polnischen Nachbarn so auch möglich gewesen?

Nachdem wir in Polen angekommen sind, hat uns die Hilfsbereitschaft der Polen überwältigt. In dieser schwierigen Zeit tat die warmherzige Betreuung in Polen und ein heißes Getränk und eine warme Suppe einfach nur gut.

Schaffen Sie es schon ein wenig abzuschalten oder beschäftigen Sie die Zustände in der Ukraine rund um die Uhr?

Wir finden Ablenkung in der Familie meines Bruders. Wir verfolgen aber natürlich intensiv die Nachrichten und haben viel Kontakt mit der Heimat. Ich tausche mich auch mit Oppositionellen in Moskau aus, die mir berichten, dass viele Russen den Krieg Putins strikt ablehnen. Am Sonntag waren wir in der ukrainischen Kirche in München, durften Kardinal Marx begrüßen und nahmen bereits an einer Besprechung der ukrainischen Gemeinde teil, die Hilfe für die Ukraine organisieren wollen. Noch am Nachmittag wurde eine Seite im Internet eingerichtet, diese findet man im Internet unter www.muc-hilft-ukraine.de

Gibt es für Sie einen Weg zurück? Und falls ja, was müsste hierfür die Voraussetzung sein?

Die russische Armee muss abziehen oder zurückgedrängt werden und der Frieden muss wieder hergestellt werden.

Welche Hilfe aus der deutschen Bevölkerung wünschen Sie sich für die Menschen in der Ukraine?

Wichtig ist die allgemeine Unterstützung und die Ächtung des unnötigen und grundlosen Angriffskriegens Putins mitten in Europa. Auf der Homepage www.muc-hilft-ukraine.de sind die privaten Hilfsmöglichkeiten gut aufgezählt. Neben Geldspenden werden vor allem Medikamente und medizinische Hilfsmittel benötigt werden. Da befinden wir uns in Abstimmung mit Ukrainern vor Ort und werden auf der Homepage entsprechende Anforderungen veröffentlichen und regelmäßig aktualisieren.

Auch wollen wir unseren deutschen Freunden vermitteln, dass der Krieg nicht nur vor der Haustür stattfindet, sondern das Deutschland durch die Expansionsgelüste Putins unmittelbar bedroht ist. Auch werden die Wirkungen des Budapester Memorandums aus 1994 nicht beachtet. Das Budapester Memorandum haben neben Russland und der Ukraine auch die Vereinigten Staaten, Frankreich, Großbritannien und Nordirland unterschrieben. Damit haben sich die wichtigsten NATO-Länder unter Punkt 4 dazu verpflichtet, der Ukraine Hilfe zu leisten, falls die Ukraine Opfer eines Angriffsaktes oder Gegenstand einer Angriffsdrohung werden sollte.

Deshalb muss die Weltgemeinschaft zusammen stehen, und den volkerrechtswidigen Angriffskrieg mit allen Mitteln stoppen, damit der Brand noch in der Ukraine gelöscht werden kann und nicht auf ganz Europa und noch weiter übergreift.

Was ist ihr größter Wunsch?

Ich bin schon in fortgeschrittenem Alter und das Leben in Gefangenheit hat an meiner Gesundheit gezehrt. Ich habe nicht mehr viel Zeit und wünsche mir, dass die Ukraine möglichst schnell befriedet wird und ich nicht im Exil sondern in meiner Heimat sterben darf

.Interview Oliver Oswald

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