Portrait

„Die Literatur war immer meine Liebe“

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Die Autorin zuhause an ihrem Schreibtisch.

Im Ruhestand lässt die Ärztin Dr. Angela Bauer ihrer Kreativität freien Lauf

Hohenthann – Medizin oder Germanistik, das war die Frage, die Angela Bauer (70) sich stellte, als sie 1969 in Berlin ihr Abitur absolviert hatte. Schon immer hat sie gern gelesen und auch selbst geschrieben, doch dem gegenüber stand ihre Neugier auf die Natur. Da sie sich weder als Journalistin noch als Deutschlehrerin sah, hat sie sich schließlich für das Studium der Humanmedizin entschieden und war dann auch bis in die 1990er Jahre als Internistin tätig. 

Das Schreiben hat sie trotzdem nicht aufgegeben, ganz im Gegenteil. Als ihr mittlerweile verstorbener Mann in den Ruhestand ging, trat auch Angela Bauer beruflich kürzer. Stattdessen begann sie ein Studium der Philosophie und Neueren Deutschen Literatur an der Ludwig-Maximilian-UniversitätMünchen und besuchte Sommerkurse zur Englischen Literatur an der Universität Cambridge. Ermutigt durch ihren Mann, begann sie schließlich selbst zu schreiben. Ihr erstes Werk war das Bühnenstück „Der Pflüger“, das 2003 erschien und auf einem Text aus dem späten englischen Mittelalter beruht. Es handelt von einem Pilger, der den Weg zum Besseren sucht. 2016 erschien die zweite, überarbeitete Auflage, die auch als Schullektüre genutzt wird. 

2006 erschien der Roman „Umkehr“, der von zwei Männern handelt, die im kolumbianischen Urwald von Guerilleros als Geiseln festgehalten werden. Doch auch die Freilassung verbessert ihre Situation nicht, denn nun sind sie mitten im Urwald auf sich allein gestellt. 

Es folgten zahlreiche Gedichte, Essays, Erzählungen und Kurzgeschichten. Eine Textpassage aus der Erzählung „Herrmann oder Ferdinand“ wurde 2018 sogar in der Münchner Rathausgalerie im Rahmen der Ausstellung „Die Freiheit erhebt ihr Haupt“ ausgestellt. Inzwischen befindet sich das Exponat in der Stadtbücherei Grafing, wo auch alle anderen Werke von Angela Bauer ausgeliehen werden können. Ihre Romane schreibt die Autorin allesamt auf dem PC, lediglich die ersten Notizen macht sie noch handschriftlich. 

Den Umgang mit dem Computer hat sie sich selbst beigebracht. „Ich habe Freunde, die digital versiert sind, die haben mich unterstützt“, erzählt sie. Diese Unterstützung bekam sie auch, als sie sich entschied, ihre Werke im Eigenverlag über Amazon Publishing herauszubringen. „Die Suche nach einem Verlag war schwierig. Meine Geschichten sind sehr politisch reflektiert, das ist für Verlage nicht lukrativ. Und ich habe ja nicht mehr ewig Zeit, auf das passende Angebot eines Verlags zu warten“, meint sie schmunzelnd. 

Ihr neuestes Werk ist die Kurzgeschichte „Keine Angst vor Weihnachten“, die von einem einsamen Witwer in München erzählt, der versucht, dem für ihn besonders traurigen Weihnachtsfest zu entfliehen. Aus dieser Geschichte las Angela Bauer in einem Interview mit dem Radiosender Lora, außerdem erscheint der Text im Online-Literaturmagazin eXperimenta.

Geschrieben hat Angela Bauer den Text im vergangenen Sommer. Ist es ihr nicht schwer gefallen, mitten im Sommer eine Weihnachtsgeschichte zu schreiben? „Nein, das war kein Problem“, meint sie und fügt hinzu, dass die Gefühle des Witwers in der Geschichte „entweder selbst durchlitten oder bei engen Bekannten mitgelitten“ sind. Weiteres Infos zur Autorin und ihren Werken gibt es unter www.angelabauer.net.  Susanne Edelmann

"Keine Angst vor Weihnachten" von Dr. Angela Bauer

Halb fünf, das war immer so unsere Zeit, dann räumte Susa das Kaffeegeschirr zusammen. Ich half. Und während sie in der Küche was brutzelte, legte ich Bachs Weihnachtsoratorium auf. Ja, so etwa lief es bei uns am Heiligen Abend.

Im November war sie noch einmal im Krankenhaus. Sie hatte einen Zettel auf ihrem Nachttisch liegen. Meistens standen Blutwerte drauf, manchmal auch “Strümpfe mitbringen“ oder einfach ein “R“. Dann wollte man Rücksprache halten mit mir, ihrem Ehemann, und ich klopfte nachmittags bei meiner früheren Famula an, die jetzt als Oberärztin der Onkologie für uns zuständig war. “Noch einmal Bennos fantastische Weihnacht feiern“, hatte sich Susa schließlich auf diesen Zettel geschrieben. Noch einmal – und dann? Als ich ihn wiederfand, ihren Zettel, unter den vielen Papieren, lebte sie schon nicht mehr. Ich schaute ihn ungläubig an. Beinahe wäre er im Papierkorb gelandet, der Zettel, der sie überlebte und mir nun die Nachricht brachte, wie schön auch für sie unsere Weihnacht war.

Zuerst tat ich so, als sei alles beim Alten geblieben. Schließlich hatte ich oft genug auf Susa gewartet, wenn sie im Nachtdienst war. Ich stellte einen Adventskranz auf, zündete aber die Kerzen nicht an. Ich besorgte mir einen Baum, der schon am dritten Advent geschmückt im Wohnzimmer stand und legte am Heiligen Abend auch die CD wieder auf. Es wurde eine stille, todtraurige Nacht.

Warum Weihnachten nicht mal anders feiern, sagte ich mir beim nächsten Mal und zog in ein Schloss, ein evangelisches Kloster inzwischen, in dem Ordensschwestern die Feiertage mit ihren Verwandten verbringen und zahlenden Witwern wie mir, mit Witwen, Alleingebliebenen und Geschiedenen. Ich hielt mich grade, kehrte den Heiteren raus, und so, glaube ich, ging es den anderen auch: Blicke, die sich beim Sektumtrunk noch gemustert hatten, wurden bald matt. Wir hörten gegenseitig unsre Geschichten an und darüber kam der Stephanitag. Man reiste ab. Ich blieb noch eine weitere Nacht bis zu Susas Todestag. Als ich in der Früh aber zur Kapelle kam, stand ich vor einer verschlossenen Tür: Einkehrtag für die Schwestern! Na klar, Weihnachten hatten sie abgehakt.

Im Jahr darauf habe ich es mit Exerzitien probiert – nicht um mich im Schweigen zu üben, nein, damit verbrachte ich ohnehin meine Zeit. Umso verlockender schien mir das Angebot eines täglichen Gesprächs mit einem Betreuer zu sein; außerdem fing der Kurs an Susas Todestag an, so dass die Weihnachtstage mit Packen vergingen. Man hatte mich einem Priester zugeteilt. Er zündete immer erst eine Kerze an, sprach ein Gebet, gab ein Bibelwort vor, und dann ging es auch schon um Gott und die Welt. Für mich lief es gut. Er allerdings fand: So erschöpft, wie ich vorgab, könne ich gar nicht sein. Er bohrte in dieser Sache auch alle paar Tage mal wieder nach. Ja, verstand er denn nicht? Die Brocken, die wir zu schlucken hatten, Lisa und ich? Was wir einsehen, aushalten, durchhalten mussten, ihr Leiden, und wie ich sie schließlich in meinen Armen hielt? Ihr Sterben? Ihr Tod? Er hatte ja immer nur Gott geliebt.

Schluss! Aus! sagte ich mir, die nächste Weihnacht findet nicht statt, schaltete auch sofort das Radio ab, sobald das Programm danach war, vermied die festlich glitzernden Straßen der Münchner Innenstadt, schlug einen Bogen um jeden Weihnachtsmarkt, floh ins “Einstein“ auf dem St. Jakobs-Platz, wo alles koscher und garantiert nicht weihnachtlich war. Dort habe ich so manchen trüben Nachmittag hinterm Panzerglas bei Carmel-Wein und Schnitzelin verbracht. Zu meinem Priester hatte ich noch Kontakt. Er würde nach München kommen, schrieb er, um die Christmette für einen erkrankten Kollegen zu feiern. Also lud ich ihn für den dreiundzwanzigsten – Treffpunkt Odeonsplatz – zu einem Kaffee ein. Er sagte zu. Wie wunderbar! Unser Treffen würde mein Weihnachten sein. Vor lauter Festtagsfreude hatte ich aber den Rest des Tages nicht mehr auf mein Handy geschaut. Es würde ihm doch zu viel, las ich deshalb erst am anderen Morgen. Die Gesundheit! Ich hätte sicher Verständnis dafür. Seine Absage schlug wie eine Bombe ein. Hätte er doch nie zugesagt!

Ich nahm Reißaus, spielte Tourist in der eigenen Stadt, mietete mir ein Zimmer am Sendlinger Tor und begann den Heiligen Abend mit einem Frühstück im “Rischart am Marienplatz.“ Zwar ging es dort zu wie im Taubenschlag – Familienfrühstück, Damenrunden, Frühstück zu zweit – aber neben der Schwingtür zur Küche war noch was frei. Dort quetschte ich mich samt Steppjacke zwischen Tischchen und Bank, bekam irgendwann meinen Topfenstrudel und verschwand ziemlich bald. Noch war es leer auf dem Weihnachtsmarkt. Aber vorm Apple-Shop standen sie Schlange. Erste Gourmets bummelten – zwei Tüten links, drei rechts – die Sendlinger Straße entlang: „Nur abholen, Schatzl, ‘s ist alles bestellt!“ Ich selbst stand bald darauf in der “Nordsee“ an, vor mir ein Russe mit einem Champagnerglas, der unentwegt in sein Handy quasselte. „Jingle Bells“, tönte es vom Hofgarten her und dem Akkordeonspieler am Monopteros fiel auch nichts anderes ein: Jingle Bells auf Straßen und Plätzen. Schließlich flogen sie mir zur Blauen Stunde ins Foyer meines Hotels voraus, wo sich Leute an kleinen Tischen bei Drinks und Bier niederließen. Mit runden Rücken und hängenden Köpfen, jeder über sein Handy gebeugt, buchstabierten sie Weihnachtsbotschaften in die Welt. Schlafen? Oder doch noch mal raus? Ich war immerhin schon elf Kilometer gelaufen. Auf der Bettkante sitzend, verspeiste ich meinen Shrimp-Cocktail, dazu Brot, Käse und Wein, zappte mich durch verschiedene Weihnachtsmessen, nickte wohl auch mal ein, bis mich die Neugier noch mal auf die Straße trieb. Ich wollte einfach hören, was ein Priester am Heiligen Abend sagte, der meine Verlassenheit so gar nicht verstand. Pauken. Trompeten. Ich zuckte zusammen: Das Weihnachtsoratorium – unsere Musik. Aber ich ertrug sie nicht mehr. Wäre am liebsten auch gleich wieder gegangen, doch ich saß mittendrin. Halt durch, sagte ich mir, morgen Mittag ist der Zauber vorbei, denn für den Nachmittag hatte ich mich wieder bei Rolf, dem armen Teufel, im Pflegeheim angesagt.

Von der Treppe aus sah ich schon, dass seine Tür offenstand. „Für dich“, presste er mühsam und zwischen viel schaumiger Spucke heraus. Ich zog mir einen Stuhl an sein Bett und versuchte zu verstehen, wie es ihm gerade ging. Wenn er die Augen schloss, wusste ich, dass er müde war oder er dachte nach. Dann lehnte auch ich mich zurück und schwieg. Heute aber schien er mir wach genug für einen Bericht vom Heiligen Abend zu sein. Natürlich besserte ich mit ein paar Späßchen nach: Dass ich meinen Priester nur an der Stimme erkannte, weil er in seinem üppigen Goldgewand eher wie das Nürnberger Christkindl aussah. Oder dass mich mitten in der Messe plötzlich der Ellbogen meines Nachbarn traf: Ob ich vielleicht mal aufhören könnte zu schmatzen? Das gehöre sich nicht – worauf ich meinen Kaugummi in die Backe schob und um Entschuldigung bat. Mit solchen Frotzeleien hätte ich Rolf vor ein paar Wochen noch ein Lächeln entlockt, aber jetzt gehorchten ihm schon seine Muskeln nicht mehr. Ich kam auf das geplante Kaffeetrinken zu sprechen, meckerte an meinem Priester herum, bis ich – Verdammt, was musste Rolf von mir denken? Sollte er, der sein schwindendes Leben so tapfer ertrug, mit ansehen, wie ich hier mit den Tränen kämpfte? Was für ein Rindvieh ich im Grunde doch sei, fiel ich gleich mal über mich her; nur ein kompletter Idiot würde schließlich auf einen Menschen setzen, von dem er wusste, dass er ihn nicht verstand.

Doch ich erzählte zu viel. Rolf hielt längst seine Augen geschlossen. Ich schwieg. Ruhe herrschte im Zimmer und auf dem Gang. Nichts war zu hören, wie schon gestern, am Heiligen Abend, als ich nach dem Essen noch mal vor dem Hoteleingang stand. „Stille Nacht“, hatte es da auf einmal in meinem Kopf gepfiffen: „Stille Nacht, keiner wacht.“ Nur Schaufensterpuppen blickten mich an. Eine Welt wie im Bann. Sogar das Matratzenlager an der Hackenstraße fand ich verlassen. Doch halt, vorne in der Kaufinger Straße bewegte sich was: Familien, Muslime, die ihren Abendspaziergang machten. Sie trafen sich mit Kindern und Kinderwagen vor den Cafés, in denen sie auch tagsüber gerne saßen. Ob sie über die Bilder sprachen, die jetzt fast täglich aus ihrer Heimat kamen? Vernichtungsbilder, mit denen auch der Priester gestern seine Predigt begann: Zerbombte Städte, erschöpfte Menschen, die nicht mehr wissen, wohin?

Hier an Rolfs Bett bauten sie sich wieder auf, diese Bilder, standen riesengroß und ganz nah. Und ich – verloren, verlassen – stand mittendrin: Einer, der vor lauter Trümmern seinen Weg nicht mehr fand. „Du fürchtest dich noch“, meldete sich Rolf aber nun in unsre Stille hinein. Kürzer, treffender hätte er meine Not nicht beschreiben können. „Nicht fürchten...“, murmelte ich, „nicht fürchten, meinst du?“, und lachte plötzlich laut auf: „Auch vor Weihnachten nicht?“

Quelle: Anzeigenzeitungsverlag

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