Das medizinische Interview

Wenn das Herz plötzlich stehen bleibt

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CA PD Dr. Martin Schmidt (r.) mit Team der Kardiologie in der Kreisklinik Ebersberg – kompetente und erfahrene Anlaufstelle bei akuten Herzproblemen

In Deutschland sterben rund 66.000 Menschen pro Jahr an einem plötzlichen Herztod. „Diese gilt es zu erkennen und entsprechende medizinische Maßnahmen zu ergreifen“, so Priv. Doz. Dr. Martin Schmidt, Chefarzt der Kardiologie in der Kreisklinik Ebersberg

Dr. Schmidt, wie kann es zu einem plötzlichen Herztod kommen? 

Die häufigste Ursache sind bestimmte Herzrhythmusstörungen: das Kammerflimmern beziehungsweise –flattern und die Kammertachykardie. Die Kontraktion des Herzmuskels wird über ein „herzeigenes“ Reizleitungssystem gesteuert. Ist das System gestört, etwa durch Narbenbildung nach Schädigung des Herzmuskels, kann sich ein Herzkammer-eigener Rhythmus mit sehr schnellen Schlägen entwickeln. Dies kann als Folge sogenannter kreisender Erregungen im geschädigten Herzmuskel auftreten und das Herz fängt an zu rasen (Kammertachykardie). Die Herzkammer kann nur noch wenig oder gar kein Blut mehr in den Blutkreislauf auswerfen. Wird dies nicht umgehend behandelt, kommt es zum Kammerflimmern und in Folge davon zum Herzstillstand. 

Wie entstehen Narben im Herzgewebe?

Zum Beispiel nach einem großen Herzinfarkt, bei dem Muskelgewebe zerstört wird, oder auch durch eine koronare Herzkrankheit, bei der es zu verengten Blutgefäße im Herzen und somit zu Durchblutungsstörungen des Herzmuskels kommt.

Heißt das, dem Kammerflimmern liegen andere Herzerkrankungen zugrunde? 

Ja, meistens. Neben dem Herzinfarkt und der koronaren Herzkrankheit können das auch Erkrankungen des Herzmuskels sein, sogenannte Kardiomyopathien, die zu Veränderungen der Herzmuskelstruktur führen. Bindegewebe wächst ein, es kommt zu einer Herzvergrößerung und Abnahme der Leistungsfähigkeit des Herzens. Erhöhter Blutdruck über viele Jahre kann ebenfalls zu einer Schwächung des Herzmuskels führen. All dies sind Risikofaktoren für einen plötzlichen Herztod, die frühzeitig erkannt und behandelt werden sollten. Daneben gibt es jedoch auch bestimmte genetische Erbanlagen, die gefährliche Herzrhythmusstörungen begünstigen. 

Wie merken Betroffene, dass ihr Herz nicht in Ordnung ist? 

Deutliche Symptome sind Druck in der Brust, Schwindel, Abgeschlagenheit. Bei solchen Anzeichen sollte man sofort den Hausarzt aufsuchen, der dann gegebenenfalls zum kardiologischen Facharzt überweist. In der Kreisklinik Ebersberg können weitere, detaillierte Untersuchungen vorgenommen werden, etwa eine Kernspintomografie, eine Herzkatheteruntersuchung oder auch Biopsien aus der Herzkammer. Wir verfügen über alle diagnostischen und therapeutischen Möglichkeiten, um das Risiko für einen plötzlichen Herztod erkennen zu können und es deutlich zu reduzieren beziehungsweise aufzuheben. Um Risikopatienten rechtzeitig helfen zu können, ist eine gute Zusammenarbeit mit unseren niedergelassenen Kollegen sehr wichtig. 

Welche Therapie erfolgt bei Kammerflimmern oder-flattern? 

Bei nachgewiesen erhöhtem Risiko ist ein implantierter Cardioverter Defibrillator (ICD) der beste Schutz vor einem plötzlichen Herztod. Er erkennt die Rhythmusstörung und beseitigt sie sofort durch einen kleinen Elektroschock, der das Herz wieder in Takt bringt. 

Was kann man tun, wenn jemand plötzlich auf der Straße zusammenbricht und keinen Herzschlag mehr hat? 

Sofort eine Herzdruckmassage durchführen. Heute wissen wir, dass der Erhalt der Blutzirkulation entscheidend ist. Eine Mund-zu-Mund-Beatmung hingegen wird nicht mehr empfohlen, denn das Blut hat zunächst noch genug Sauerstoff. Ist ein zweiter Helfer vor Ort, muss dieser umgehend über die Notrufnummer 112 einen Notarzt rufen. Befindet sich ein halbautomatischer Defibrillator in der Nähe, wie es an öffentlichen Orten wie U-Bahnhof, Flughafen und anderen der Fall ist, sollte er durch Dritte so schnell wie möglich aktiviert werden, denn nur durch einen Elektroschock kann das Kammerflimmern beendet werden. Grundsätzlich sind die Defibrillatoren leicht anzuwenden, man muss nur genau die Anweisungen befolgen. Ist kein Gerät in der Nähe, muss die Maßnahme durch den Notarzt erfolgen. 

Es gibt immer wieder Fälle eines plötzlichen Herztodes beim Sport. Sollten Risikopatienten auf Sport verzichten? 

Nein, im Gegenteil! Aktuelle Studien bestätigen, dass moderate Bewegung das Risiko für Herzerkrankungen senkt. Moderat heißt, regelmäßig Ausdauersport treiben, etwa Radfahren, Schwimmen, Joggen oder Walken, ohne hohe Belastung. Lieber fünf Mal pro Woche 20 Minuten als einmal drei Stunden. Wer sicher gehen will, sollte sich vor Beginn des Trainings vom Kardiologen untersuchen lassen. Er misst auf einem Ergometer Herzfrequenz und Blutdruck und kann dann eine Empfehlung für die Dauer und Intensität des Trainings geben. red

Quelle: Anzeigenzeitungsverlag

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