Das medizinische Interview

Darmkrebsmonat März wird zum 20. Mal ausgerufen

Von links: Mithilfe modernster Technik werden die für die Darmspiegelung verwendeten Koloskope gereinigt, wie Dr. Peter Kreissl und Prof. Thomas Bernatik im Hygienebereich der Klinik zeigen.
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Von links: Mithilfe modernster Technik werden die für die Darmspiegelung verwendeten Koloskope gereinigt, wie Dr. Peter Kreissl und Prof. Thomas Bernatik im Hygienebereich der Klinik zeigen.

Kreisklinik Ebersberg rät zur Vorsorge – trotz Corona-Pandemie

Ebersberg - Dank der sinkenden Zahl an Corona-Infizierten sind an der Kreisklinik Ebersberg wieder ambulante Untersuchungen möglich, darunter auch Darmspiegelungen zur Krebsvorsorge – rechtzeitig zum von der Felix-Burda-Stiftung vor 20 Jahren zum ersten Mal ausgerufenen Darmkrebsmonat März. Dr. Peter Kreissl, Ärztlicher Leiter des Darmzentrums in der Kreisklinik Ebersberg, und Chefarzt Prof. Thomas Bernatik bestätigen den Erfolg der Vorsorge und erläutern moderne Untersuchungsmethoden.

Seit 20 Jahren finden immer im März verschiedene Aktionen zum Thema „Darmkrebsvorsorge“ statt. Hat es etwas gebracht?

Kreissl: Auf jeden Fall! Die Anzahl der an Darmkrebs erkrankten Menschen ist seit dem Ausrufen des Aktionstages deutlich rückläufig. Laut einer Hochrechnung der Felix-Burda-Stiftung konnten allein zwischen 2003 und 2012 zirka 139.000 Todesfälle und 290.000 Neuerkrankungen verhindert werden. Der Aktionstag hat die Leute wachgerüttelt, die umfassende Information hat sie von den Vorteilen überzeugt und so nehmen immer mehr das von den Krankenkassen bezahlte Vorsorgeangebot wahr. Dadurch kann frühzeitig Darmkrebs erkannt und therapiert werden. Die Koloskopie ist in meinen Augen eine der wenigen Präventionsmaßnahmen, die absolut gut, sinnvoll und wichtig sind, denn die Entstehung dieser Krebsart kann – im Gegensatz zu anderen – zu einem hohen Prozentsatz verhindert werden und ist bei frühzeitiger Entdeckung heilbar.

Warum wird sie dann nicht bei jedem Erwachsenen durchgeführt?

Kreissl: Studien unter jungen Menschen haben gezeigt, dass Reihenuntersuchungen kein besseres Ergebnis bringen würden. Das Risiko, an Darmkrebs zu erkranken, erhöht sich erst im Alter. Deshalb haben seit April 2019 Männer ab 50 Jahren und Frauen ab 55 Jahren Anspruch auf zwei Früherkennungskoloskopien im Mindestabstand von zehn Jahren. Bei einer erblichen Vorbelastung kann Darmkrebs jedoch auch früher auftreten, dann ist etwa zehn Jahre vorher eine Darmspiegelung angeraten, unter Umständen sogar früher, wenn ein naher Verwandter in jungen Jahren erkrankte. Dann kann auch eine genetische Abklärung helfen, das Erkrankungsrisiko einzuschätzen.

Gibt es noch weitere Ausnahmen?

Bernatik: Ja. Wenn jemand Stuhlunregelmäßigkeiten feststellt oder gar Blut im Stuhl ist, sollte er sofort eine Darmspiegelung durchführen lassen. Die Mehrzahl der Patienten in der Kreisklinik Ebersberg, bei denen eine Koloskopie vorgenommen wird, hat Symptome. Wir können bei der Untersuchung nicht nur Schleimhautveränderungen sehen, sondern auch gleich Darmpolypen entfernen. Diese Wucherungen der Darmschleimhaut sind die häufigste Vorstufe von Darmkrebs. Der Eingriff ist für die Patienten völlig schmerzfrei, weil sie in einer Art Dämmerschlaf liegen. Die sanfte Betäubung wird bereits während der Koloskopie angewendet.

Ist das der Grund, wieso viele Menschen ihre Angst vor der Untersuchung verloren haben?

Bernatik: Nicht nur. Es gibt noch weitere Hemmschwellen. Früher schmeckte die Spüllösung, die vor der Koloskopie zur Darmreinigung getrunken werden muss, unangenehm. Das hat sich geändert. Zudem befürchteten viele, dass der Darm während der Untersuchung verletzt werden könnte. Das Risiko hierfür liegt jedoch bei etwa 1:4.000, ist also sehr gering. Bei gleichzeitiger Entfernung von Polypen ist es etwas höher. Angenehmer im Vergleich zu früher ist auch, dass wir den Darm mit Kohlendioxid statt mit Luft weiten. Letzteres führte manchmal zu Beschwerden wie Blähungsgefühl. Kohlendioxid wird vom Körper aufgenommen und entweicht durch die Atemwege, nicht durch den Verdauungstrakt. Die Methode ist bei uns seit neun Jahren Standard, in einigen anderen Kliniken wird sie noch nicht so lange angewendet.

Wie wird die Darmspiegelung vorgenommen?

Kreissl: Über den After wird ein schlauchartiges Instrument, das Koloskop, in den Dickdarm eingeführt. Vorne befindet sich eine Lichtquelle und eine Kamera, ihre Bilder werden auf einen Monitor übertragen, auf dem wir die Untersuchung nachverfolgen können.

Gibt es alternative Verfahren zur Koloskopie?

Bernatik: Es gibt die sogenannte virtuelle Koloskopie, eine Untersuchung des Dickdarms mit dem Computer-Tomographen (CT) mittels Röntgenstrahlung. Sie hat jedoch gegenüber der herkömmlichen Darmspiegelung keine Vorteile – im Gegenteil. Hier muss ebenso mit einer Spüllösung abgeführt, also der Darm gereinigt werden, hinzu kommt die Strahlenbelastung, und außerdem ist die Fehlerquote höher. Das gleiche gilt für die Kapsel-Koloskopie. Bei dieser Methode schluckt der Patient eine Kapsel mit Kamera, die beim Ankommen im Darm Bilder liefert. Die Strahlenbelastung entfällt zwar, aber auch hier ist eine vorherige Darmspülung unumgänglich und wenn der Darm nicht vollständig entleert wurde, sind die Ergebnisse wertlos. Findet die Kamera einen Darmpolypen, muss trotzdem eine Endoskopie vorgenommen werden.

Welche Voraussetzungen müssen erfüllt sein, damit ein Patient aktuell an der Kreisklinik Ebersberg eine Darmspiegelung zur Krebsvorsorge durchführen kann?

Kreissl: Grundsätzlich kann die Früherkennungsuntersuchung in Absprache mit dem Hausarzt in einer Facharztpraxis oder in der Klinik vorgenommen werden. Bei uns an der Klinik brauchen alle Patienten, die sich ambulant behandeln lassen möchten, einen negativen Corona-Test (PCR-Abstrichtest). Er kann ein bis zwei Tage vor dem vereinbarten Termin bei uns durchgeführt werden. Das minimiert die Ansteckungsgefahr für andere Patienten sowie für das Klinikpersonal. Zudem senken wir das allgemeine Infektionsrisiko, indem unsere Mitarbeiter regelmäßig getestet werden und mittlerweile auch gegen Corona geimpft sind.

Text/Bild: Sybille Föll, freie Journalistin

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