Gespräche am Herd

#Küchengeflüster

+
Schnapsbrennen mit und bei Georg Reitsberger - ein freudiges Geschmackserlebnis.“ So lautet das Fazit unsere Autorin über den Nachmittag auf dem Reitsberger Hof

„Da sitzt der Geist drin!“ Zum Kochen wollte uns Vaterstettens Bürgermeister Georg Reitsberger nicht einladen, aber zum Schnapsbrennen waren wir sehr willkommen. Über einen launigen Nachmittag auf dem Reitsberger Hof

Vaterstetten – Es schneit und stürmt, als ich mich mit Georg Reitsberger, dem ersten Bürgermeister der Gemeinde Vaterstetten, in seiner „Kapelle“ zum Schnapsbrennen treffe. Besucher seines Erlebnishofes in Vaterstetten verwechseln schon einmal das kleine Brennhäuschen mit einer Hofkapelle. Steht es doch so zentral, wie ein kleines Heiligtum mitten auf dem Hofplatz. 

„Es hat ja auch was mit Geistigem zu tun und die Leute schauen ganz ehrfürchtig, wenn sie einen Blick hineinwerfen dürfen“, erzählt Reitsberger schmunzelnd. Es dampft und raucht in dem kleinen Häuschen. Bevor die Maische in den Brennkessel eingefüllt wird, wäscht Reitsberger ihn mit heißem Wasser aus. Und schon jetzt riecht es nach Schnaps. Der Wasserdampf trägt die Reste des letzten Brennvorgangs in die Luft. 

Gebrannt wird heute ein Birnenschnaps, den der Vaterstettener Burschenverein bekommt. Seit dem 5. Oktober lagern die gewaschenen, sortierten und zerkleinerten Früchte in einem Fass, damit sich der Zucker zu Kohlensäure verwandeln kann. Über einen sogenannten Gärspund entweicht das Gas. „Da sitzt der Geist drin, man hört wie er schnauft“, sagt der Brennmeister und seine Augen blitzen. Um den Gärvorgang zu unterstützen gibt man etwas Hefe dazu. 

Nach ungefähr sechs Wochen ist der Zucker vergärt, die Kohlensäure entwichen und der im Obstgemisch verbliebende Alkohol ist bereit, gebrannt zu werden. Nachdem die Brennblase mit der Birnenmaische befüllt ist, dauert es ein wenig, bis der mit Holz beheizte Kessel auf Temperatur kommt. „Wie wir alle in der Schule gelernt haben, entwickelt sich Wasser bei 100 Grad Celsius zu Dampf, Alkohol bei 78 Grad Celsius.“, klärt der erste Bürgermeister auf. Vom Destilliergerät geht der Dampf über ein Rohr in einen Kühler, der den Alkohldampf kondensieren lässt. Heraus kommt ein Schnaps, der bis zu 80 Prozent Alkoholgehalt hat. Mit reinem Wasser kann man ihn nach unten korrigieren. 

In Vaterstetten ist es üblich, einen Bürgermeisterschnaps zu den Wahlen zu überreichen. „Über 50 Prozent hat der aber immer, denn sonst wäre ja derjenige nicht Bürgermeister geworden.“ 

Diese Hochprozentigen finden laut Reitsberger auch ihre Anwendung. Denn wie aus dem Rathaus bestätigt wird, hilft das ein oder andere Stamperl bei Heiserkeit und Erkältung. Außer der Schnaps vom jetzigen Landrat Niedergesäß und früheren Bürgermeister von Vaterstetten dürfte unberührt im Regal stehen. Mit 78 Prozent der Stimmen fiel die „Schnapszahl“ relativ hoch aus und laut Reitsberger traue sich den wahrscheinlich niemand zu trinken. 

Im Brennvorgang sind die ersten 150 ml durchgelaufen und das ist laut Brennmeister ein kritischer Moment, bei dem man gut aufpassen muss. Denn dieser „Vorlauf“ ist der giftige Methylalkohol und der darf nicht getrunken werden, weil dieser den Sehnerv schädigen kann – er wird entsorgt. „Früher“, so erzählt der Politiker schmunzelnd, „wurde der Vorlauf ins Scheibenwischwasser beim Auto gegeben, aber bei den heutigen Kontrollen, ist die Verdächtigung gleich da, wenn es so intensiv nach Schnaps riecht.“ Nach dem Vorlauf, läuft das Herzstück aus dem Metallröhrchen und es wird Zeit fürs erste Probieren. Ein intensives Geschmackserlebnis belohnt die Arbeit im Kalten und Nassen an diesem Tag. Feiner Birnengeruch und ein schöner Abgang verraten, dass sich dieser Brand mit seinen 62 Prozent gelohnt hat - und der Vaterstettener Burschenverein sich auf das Geschenk durchaus freuen kann. 

So ein Brennvorgang dauert ungefähr zwei Stunden und Georg Reitsberger ist froh, hier die Mithilfe seines Sohnes Quirin zu haben. Der ist es auch, der seit einem Jahr die Brennerei führt. „Aber ich darf schon noch brennen, damit ich es nicht verlerne“, sagt der Vollblutpolitiker. Seit er im Amt ist, bleibt nur wenig Zeit für dieses zeitintensive Hobby. Geblieben ist die Leidenschaft für den Obstanbau. Der ehemalige Gartenbauvorstand hat viel dafür getan, dass sich der Obstbaumbestand in der Gemeinde erhöhte. Ob für den Privatgarten oder für eine Streuobstwiese, für jeden Bedarf gibt es einen Obstbaum. Die richtige Verwertung von Apfel, Birne, Zwetschge und Co liegt ihm ebenfalls sehr am Herzen. Auf rund 50 verschiedene Sorten schätzt der Obstbaumliebhaber mittlerweile seinen eigenen Baumbestand. Hier sind viele „alternierende“ Sorten dabei (Sorten, die nur alle zwei Jahre Früchte tragen), erklärt er, die im Erwerbsanbau gar nicht mehr zu finden sind. Sein Lieblingsapfel ist der Boskop, in Bayern Lederapfel genannt, aber auch den Klarapfel oder Frühapfel, den man bereits Ende Juli ernten kann und rasch verarbeiten muss, mag er. 

Grundsätzlich ist ihm die Vielfalt wichtig. Für den Brand heute wurden Wildbirnen verwendet, die weniger als Tafelobst Verwendung finden, dafür als Mostobst mit ihrer Säure einen besonderen Geschmack haben. Mittlerweile kommt aus dem Brennkessel der Nachlauf, welcher vom Herzstück des Brennvorgangs getrennt wird. Dieser hat weniger als 50 Prozent Alkohol, beinhaltet dafür mehr Fuselstoffe, die laut Reitsberger oft einen ganz guten Geschmack haben. „Lieben Freunden“, so erzählt er lachend weiter, „gibt man gerne einen Nachlauf, damit sie einen gut im Gedächtnis behalten.“ Fuselstoffe sind, wie bekannt, für die Kopfschmerzen nach solch einem Genuss verantwortlich. 

Aus den hundert Liter Maische sind heute sieben Liter feinster Birnenschnaps geworden. „Wenn man selber brennt, kann man Schnäpse zaubern, die man sonst nirgends zu kaufen bekommt“, spricht stolz das Brennmeisterherz. Diese Art der Haltbarmachung bietet Georg Reitsberger beziehungsweise jetzt sein Sohn auch anderen an. 

In seinem Brennrecht gibt es noch Reserven und wer möchte, kann hier seinen eigenen Schnaps brennen lassen. Einzige Voraussetzung ist die Anmeldung beim Zoll und gutes eigenes Obst, denn nur aus hochwertigem Obst, wird excelenter Schnaps.

 Groß und Klein erfreuen sich jedes Jahr bei der Obstpresse am Reitsberger Hof. Die Kindergärten kommen extra zu diesen Tagen. Gemeinsam werden die Bäume geschüttelt, das Obst gesammelt, gewaschen, gepresst und vor allem verköstigt. „Und dann schauen wir alle, wer am schnellsten Rennen kann“, erzählt Reitsberger mit einem Augenzwinkern. Frischer Apfelsaft fördert nicht nur den Gemeinschaftssinn, sondern so einiges andere auch. 

Eine besondere Freude bereitet dem Politiker mit dem großen grünen Daumen das neu ausgerufene „Jahr der Biene“, denn innerhalb dessen dreht sich viel um seine Obstbäume. „Bienen sind wichtige Geschöpfe und die Tierchen, die unseren Obstertrag sichern“, sagt Reitsberger und erzählt gleichzeitig höchst freudig und amüsiert, dass er heuer deswegen als Biene verkleidet zum Kinderfasching ging. 

„Das sollte ein Zeichen sein, dass ich zu dem stehe, was ich sage.“ Ein Politiker, dem gelebte Nachhaltigkeit vor Ort wichtig ist, dem auch wichtig ist, dass nicht nur Obstbäume gepflanzt werden, sondern deren Ernte gut verwertet und haltbar gemacht wird. Und dem zu guter Letzt Genuss, Freude und Humor nicht fremd sind, denn wie schon Konstantin Wecker sagt: „Wer nicht genießt, ist ungenießbar“. Schnapsbrennen mit und bei Georg Reitsberger - ein freudiges Geschmackserlebnis. Tretner

Quelle: Anzeigenzeitungsverlag

Auch interessant:

Meistgelesen

Großer Trubel in St. Christoph
Großer Trubel in St. Christoph
Unsere Kandidatinnen strahlen in neuer Tracht
Unsere Kandidatinnen strahlen in neuer Tracht
All for the ladies
All for the ladies
JelGi – Jeder lernt Gitarre
JelGi – Jeder lernt Gitarre

Kommentare