Das medizinische Interview

Wie Smartwatches Leben retten können

Martin Schmidt Daniel Plecity Kreisklinik Ebersberg
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Der regelmäßige Blick auf sogenannte Wearables am Handgelenk kann Vorteile für die Gesundheit bringen, sagen Prof. Dr. Martin Schmidt, Chefarzt der Kardiologie der Kreisklinik Ebersberg und Dr. Daniel Plecity, Leitender Oberarzt und Ernährungsexperte in der inneren Medizin.

Ärzte der Kreisklinik Ebersberg über den Nutzen von sogenannten Wearables

Landkreis – Immer mehr Menschen nutzen Wearables – kleine Computersysteme, die direkt am Körper getragen werden – um ihr Fitness-Level zu verbessern. Mediziner testen seit geraumer Zeit, wie die smarten Freizeit-Helfer auch zu diagnostischen und therapeutischen Zwecken eingesetzt werden können.

Die Möglichkeiten erläutern Prof. Dr. Martin Schmidt, Chefarzt der Kardiologie an der Kreisklinik Ebersberg, und Dr. Daniel Plecity, Leitender Oberarzt und Ernährungsexperte in der Inneren Medizin.

Sie tragen beide selbst eine Smartwatch. Was sind Ihre Erfahrungen?

Plecity: Ich treibe viel Sport und finde es hilfreich, dass mir das Gerät Trainingspläne für den Tag vorschlägt. Zudem kann ich anhand der Messwerte gut abschätzen, wie meine körperliche Verfassung ist. Die Smartwatch weiß, ob ich ausreichend Schlaf bekommen habe, sie erinnert mich daran, genügend Flüssigkeit zu mir zu nehmen, sie misst die Sauerstoffsättigung des Blutes und all diese Werte sagen etwas darüber aus, ob meine ‚Batterien‘ aufgeladen sind und ich leistungsfähig bin. Wenn nicht, sollte ich gegensteuern.

Schmidt: Ich trage die Smartwatch immer tagsüber, besonders beim Sport, und lasse sie meine täglichen Aktivitäten aufzeichnen und analysieren. Bei den Features „Bewegen“, „Trainieren“ und „Stehen“ habe ich meine Tagesziele festgelegt. Im Laufe des Tages sendet die Smartwatch Push-Nachrichten, was ich davon bereits geschafft habe, das finde ich sehr motivierend.

Haben Sie schon mal geprüft, wie genau die Aufzeichnungen sind?

Schmidt: Ja, im Sportstadion auf einer 400-Meter-Bahn habe ich die Distanzmessung geprüft und eine Abweichung von etwa zehn Prozent festgestellt. Bei den Angaben zum Kalorienverbrauch muss man sicherlich auch mit zehn bis 20 Prozent Abweichung rechnen. Ein Wert ist jedoch sehr zuverlässig, wie Studien belegen: Der Herzrhythmus. In meinem Modell ist eine Elektrode integriert, die eine Ein-Kanal-EKG-Aufzeichnung ermöglicht. Zudem misst ein optischer Sensor die Herzfrequenz und kann mittels Algorithmen einen unregelmäßigen Puls feststellen. Auch Vorhofflimmern kann somit gut erkannt werden.

Das heißt, das Tragen eines Wearables könnte helfen, schweren Herzerkrankungen vorzubeugen?

Schmidt: Smartwatches mit einer guten EKG-Funktion ja. Sie können auch andere Herzrhythmusstörungen entdecken, zum Beispiel Aussetzer des Herzens. In solchen ‚Pausen‘ wird der Betroffene oft ohnmächtig. Die Implantation eines Herzschrittmachers wäre hier möglicherweise die Lösung des gesundheitlichen Problems. Derzeit laufen viele klinische Studien, die den medizinischen Einsatz von Wearables testen, wir sind an einer davon beteiligt. Dabei geht es um eine frühzeitige Erkennung von Vorhofflimmern im Vergleich zu konventionellen EKG.

Plecity: Man muss zwischen verschiedenen Arten von Wearables unterscheiden. Smartwatches sind dank ihrer komplexen Funktionen Allrounder, es gibt aber auch spezielle Wearables, etwa Smart Patches für Diabetiker. Das sind Pflaster mit integrierten Sensoren, die den Blutzuckerspiegel messen. Künftig wird es so sein, dass die smarten Helfer bei Bedarf die erforderliche Menge Insulin indirekt verabreichen werden. Außerdem gibt es Puls- oder Sportuhren, Fitness- und Activity-Tracker, die je nach Modell unterschiedliche Funktionen haben. Einige Geräte überwachen neben Puls und Herzfrequenz auch den Schlafrhythmus, körperliche Aktivitäten und den Kalorienverbrauch.

Welche Patienten könnten davon profitieren?

Plecity: Zum Beispiel Patienten mit einem Metabolischen Syndrom. Unter dem Begriff werden mehrere Erkrankungen zusammengefasst: Übergewicht, Bluthochdruck sowie Zucker- und Fettstoffwechselstörungen. Die Ursache liegt oft in der Lebensweise: Eine zu hohe Kalorienaufnahme und zu wenig Bewegung.

Das heißt, ein Fitness-Tracker könnte den Patienten helfen, ihr Verhalten zu ändern?

Plecity: Ja genau. Er ersetzt keinesfalls den Arzt, aber er kann unterstützen. Zur Vorbeugung empfehle ich jedem, der an Übergewicht, Arthrose oder Bluthochdruck leidet, ein Wearable zu nutzen, das warnt, wenn man faul war, denn bei allen genannten Erkrankungen ist Bewegung eine gute Therapie. Bei Übergewicht reichen allerdings einige Schritte am Tag nicht aus. Unser Herz-Kreislauf-System braucht Bewegungs-Stress, 150 Minuten pro Woche körperliche Aktivität und damit einen Anstieg der Herzfrequenz, um Muskeln aufbauen zu können. Und je mehr Muskelmasse vorhanden ist, desto mehr Kalorien werden verbrannt und eine Gewichtsabnahme ist möglich.

Welche Konsequenzen ziehen Sie aus den persönlichen Erfahrungen und Studienergebnissen?

Schmidt: In der Kardiologie werden wir im ambulanten Bereich das Monitoring, also die regelmäßige Messung relevanter Werte wie Herzfrequenz, Sauerstoffsättigung des Blutes, Blutdruck und Gewicht bei Herzpatienten verstärken, um bei Problemen rechtzeitig gegensteuern zu können. Eine telemedizinische Studie der Charité in Berlin (TIM-HF-Studie) hat gezeigt, dass dies sowohl die Anzahl der Klinikaufenthalte als auch die Sterblichkeitsrate von Patienten mit einer Herzschwäche reduzieren kann. Zudem wurde im Februar unsere Heart-Failure-Unit (HFU) zertifiziert. Das Ziel dieser Einheit ist eine intensivere Betreuung von Patienten mit schweren Herzerkrankungen durch ein speziell ausgebildetes Team aus Ärzten sowie Pflegerinnen und Pflegern, in Kooperation mit dem Deutschen Herzzentrum in München und dem Zentrum für Herztransplantationen der Ludwig-Maximilians-Universität. Dafür stehen vier Betten zur Verfügung, zwei in der HFU und zwei auf der Intensivstation. Ein weiteres Ziel ist die Vernetzung mit niedergelassenen Kollegen im Landkreis Ebersberg, so dass die Patienten auch nach ihrem stationären Aufenthalt in der Kreisklinik eine bestmögliche Nachsorge erhalten. Unterstützen können hier wieder Wearables, denn das alltägliche Ernährungs- und Bewegungs-Verhalten der Patienten trägt wesentlich zum Therapieerfolg bei.sf

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