1. meine-anzeigenzeitung
  2. Lokales
  3. Ebersberg

Schüler vs. Lehrerin

Erstellt:

Von: Christian Schäfer

Kommentare

Melanie Becker Hamza boxen Schule
„Wenn du deinen Abschluss mit guten Noten schaffst, dann boxe ich gegen dich“, sagte Lehrerin Melanie Becker ihrem Schüler Hamza. Wie das Foto beweist, hat es Hamza geschafft. © Daniel Barthmann

Die Lehrerin Melanie Becker packte für einen besonderen Arbeitstag Boxhandschuhe und Mundschutz in ihre Schultasche. Nicht, weil es an ihrer Schule so gefährlich ist, sondern weil sie ein Versprechen einlösen musste

Grafing – Ein Boxkampf kann eine spektakuläre Sache sein, wenn er in einer Sporthalle oder einem Gym ausgetragen wird. Wird jedoch an einer Schule geboxt, dann ist das alles andere als ein Spektakel und überhaupt nicht lustig – schon gar nicht, wenn die Beteiligten Schüler und Lehrer sind.

Und doch ist genau dies zum Schuljahresende an der Grafinger Mittelschule passiert. Schüler und Lehrerin standen sich gegenüber, bereit, dem anderen eine mitzugeben. Doch anders als vermutet, war dies ein tolles Spektakel und der Schlusspunkt eines Versprechens. Und - soviel sei verraten - am Ende gab es eine lange und herzliche Umarmung der Kontrahenten.

Das Versprechen

Es war November und der 16-jährige Hamza hatte einen ziemlichen Durchhänger, den er sich eigentlich nicht leisten konnte, sollte er doch in diesem Schuljahr seinen Abschluss machen. „Mich ärgert es, wenn ein Schüler unter seinen Möglichkeiten bleibt“, erzählt seine Lehrerin Melanie Becker. „Hamza verkaufte sich unter Wert, er war einfach ein bisschen faul.“

Im Kunstunterricht unterhielten sich die beiden über das Boxen. Hamza boxte seit einem Jahr in einem Gym in Rosenheim, seine Lehrerin hatte mit dem Sport gerade erst beim TSV Steinhöring angefangen. Und da hatte die Lehrerin eine Idee. „Frau Becker sagte mir, dass sie gegen mich boxt, wenn ich den Quali mit guten Noten schaffe“, sagt Hamza. „Ich fand die Idee klasse, ich habe das ernst genommen und war natürlich super motiviert.“

Das Schuljahr

Für beide begann ein Weg, der viel Fleiß erforderte. Hamza musste büffeln, um gute Noten zu schaffen. Und Melanie Becker wollte fit für den Kampf werden. „Ich habe das Boxen unterschätzt“, erzählt die 39-jährige Lehrerin. „Es hat viel mit Technik zu tun. Und ich wusste: Hamza ist ein richtig guter Boxer, ich muss mich anstrengen, um gegen ihn zu bestehen.“ Beide taten ihr Bestes, während des Jahres fiel schon einmal der Satz: „Hamza, streng dich an, sonst boxe ich nicht mit dir.“ Und Hamza strengte sich an – und erfüllte seinen Teil der Abmachung. Er erreichte einen guten Abschluss.

Der Kampf

Boxen hat nichts mit Prügeleien zu tun, Boxer sind keine Schlägertypen. Um ein guter Boxer zu sein braucht es viel Technik, Koordination und Ausdauer. Damit der Kampf fair abläuft, gibt es unterschiedliche Gewichtsklassen, nur Sportler mit ähnlichen körperlichen Voraussetzungen treten gegeneinander an.

Zugegebenermaßen war dies beim Kampf von Hamza und Melanie Becker nicht der Fall. Hamzas Kategorie ist das Schwergewicht, Melanie Becker würde eher im Leichtgewicht antreten. Auch das der Schüler seine Lehrerin um fast zwei Köpfe überragt, besserten nicht unbedingt die Chancen für Melanie Becker. Aber: Versprechen ist Versprechen. Und so kam es beim Sportfest der Schule zum Showdown. Schüler und Lehrer der Schule versammelten sich in der Turnhalle, keiner wollte sich das entgehen lassen.

„Frau Becker hat sich gut geschlagen“, resümiert Hamza den Kampf mit einem leichten Lächeln. „Das war ein großer Spass und ich finde es toll, dass Frau Becker das durchgezogen hat.“ Dreieinhalb Minuten umkreisten sie sich, Melanie Becker versuchte immer wieder, einen Treffer zu landen, Hamza wich ihr leichtfüßig aus. „Ich war so aufgeregt“, erzählt die Lehrerin. „Wir waren in einer Blase und wechselten die Seiten. Auf einmal war ich der Schüler und Hamza der Lehrer, er lobte und motivierte mich.“

Blaue Flecken gab es nicht, obwohl auch Hamza den ein oder anderen Treffer landete. „Er hat es so toll gemacht“, sagt seine Lehrerin. „Er hätte mich ja locker umhauen können.“ Am Ende umarmten sich eine außer Puste geratene Lehrerin und ihr 23 Jahre jüngerer Schüler lange, sie waren stolz und voller Freude über das, was jeder für sich erreicht hat – und auf das, was die Beiden vielleicht für immer verbinden wird. red

Auch interessant

Kommentare