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Mord und Totschlag in Grafing

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Der Historiker Bernhard Schäfer spricht über Gewaltverbrechen im Grafinger Raum seit dem 16. Jahrhundert. © Foto: Kees

Der Leiter von Archiv und Museum der Stadt Gafing, Bernhard Schäfer, referierte über die Kriminalgeschichte im Grafinger Raum: Dabei zeigt sich: die Geschichte in Grafing würde genügend Romanstoff liefern

Grafing – Morde und Gewaltverbrechen haben Hochkonjunktur. Krimis erfreuen sich großer Beliebtheit. Vielleicht war auch deswegen der Archiv-Stammtisch vergangenen Donnerstag in der Grafinger Gaststätte „Kastenwirt“ so gut besucht. Denn auch dort ging es um Mord und Totschlag. 

Der Leiter von Archiv und Museum der Stadt Grafing, Bernhard Schäfer, führte durch die Kriminalgeschichte des Grafinger Raumes. Los ging es 1581. Damals hatte eine Grafingerin ein Nachbarskind versehentlich mit heißem Wasser verbrüht. Das Kind starb. Das Urteil des Rentmeisters fiel harmlos aus: drei Sonntage musste die Frau während des Gottesdienstes mit einer Kerze in der Hand vor dem Altar knien. Eine derartige Rechtsprechung ist uns heute völlig fremd. So lange war es damals allerdings noch gar nicht her, erzählte Schäfer, dass es überhaupt Gerichtsprozesse für solche Fälle gab. Erst mit der frühen Neuzeit werden sie nach und nach Usus. Zuvor wurden Gewaltverbrechen unter den betroffenen Familien selbst austragen - ein Grund, warum es aus der Zeit vor 1500 keine Aufzeichnungen über die Verbrechen gibt. Ein Täter hatte es zudem damals leicht, denn er konnte außer Landes fliehen. 

Schon in Haag oder Freising war man sicher. Doch es gab ein Druckmittel, wie der Museumsmann erklärte: der Landesherr durfte den Besitz des Verbrechers inventarisieren und nach einem Jahr – sollte der Delinquent nicht zurückgekehrt sein – in Beschlag nehmen. Zwei Drittel des Besitzes fielen dann dem Richter zu, lediglich ein Drittel durfte die Familie behalten. Man musste sich also gut überlegen, ob man tatsächlich nicht mehr zurückkehrte.

Eifersuchtsdramen, Raubüberfälle, unabsichtlich ausgelöste Schüsse Im Lauf des Abends wird von Schlägereien oder Messerstechereien mit tödlichem Ausgang (manch Täter wird lediglich zu einer Wallfahrt verurteilt), von Streitereien oder von Morden der Schwedischen Truppen während des 30-jährigen Krieges berichtet. 1804 beispielsweise hatten zwei Männer einen anderen wegen Spielschulden erschlagen. Die Täter wurden zum Tode verurteilt – die letzte Hinrichtung in der Region, 1805 in Markt Schwaben. Ein klassischer Fall ist sicher eine Messerstecherei nach Streitigkeiten bei einem Burschenschaftsfest in Grafing 1899. Damals sticht ein in die enge getriebener Knecht wild um sich, einer stirbt, andere werden verletzt. Schäfer zitiert den Bericht des damaligen Ebersberger Anzeigers dazu. Ob Eifersuchtsdrama, Raubüberfall oder unabsichtlich ausgelöste Schüsse aus Waffen, alle möglichen Taten sind dokumentiert. Da ersticht etwa ein Mann im November 1915 seinen Nachbarn im Streit und tötet anschließend sich selbst. Auch aus der Zeit des Nationalsozialismus wird berichtet: SS-Männer einer Feldbäckerei in Schammach sollen im April 1945 über eine Zwangsarbeiterin hergefallen und sie vergewaltigt haben. Die zu Hilfe eilenden Zwangsarbeiter werden erschossen, auch die Frau stirbt. Das weiß Schäfer allerdings nur aus mündlicher Überlieferung. Eine Bitte in die Runde: wer etwas darüber weiß, möge sich bei ihm melden. Kurios ist die Geschichte eines großen Besäufnisses nach Kriegsende. Ein Schnaps- und Weinlager wurde entdeckt, 40.000 Flaschen geleert, gemeinsam von Siegern und Besiegten. Ein russischer Soldat stirbt dabei, offensichtlich an Alkoholvergiftung. Ein Amerikaner wird erschossen. Der Rest an Schnaps und Wein wird anschließend vernichtet. 

An den Fall des 18jährigen Automechanikers, der 1959 vor dem Grafinger Rosenstüberl von einem Jordanier erstochen wurde, konnten sich sogar noch einige Anwesende im Publikum erinnern: „Ja, der Mechaniker war ein Raufertyp – kein Wunder, dass der mit dem Jordanier in Streit geriet.“ Ein anderer ergänzt: „Ich hab beide gekannt. Es stimmt schon, der Getötete war ein Hitzkopf, er hat gerne gerauft, aber ehrlich.“ Ein Raunen geht durchs Publikum. Ein anderer erzählt, dass sich jemand später bei Arabern deshalb gerächt habe. Witzig ist diese Story nicht. Und schon ist Schäfer bei Taten angelangt, an die man sich noch erinnern kann. Es wird deutlich, Mord und Totschlag sind alles andere als lustige Geschichten. 1993 beispielsweise legt ein verschuldeter 24-Jähriger Feuer am großelterlichen Anwesen, um die Versicherungssumme zu kassieren – die Großeltern sterben. 2002 erschlägt ein 76-Jähriger seinen schizophrenen Sohn mit einem Hammer und bekommt lediglich zwei Jahre Haft auf Bewährung dafür. 

Schließlich wird auch die Messerattacke am Bahnhof Grafing vom Mai 2016 erwähnt, bei der ein psychisch kranker Mann vier Menschen verletzt hat, von denen einer stirbt. Was lernen wir aus dieser Heimatstunde der besonderen Art? Gewaltverbrechen sind schrecklich, aber offensichtlich publikumswirksam. Kees

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