Medizinisches Interview

Operieren mit und ohne Netz

+
Hat den Durchblick: Dr. Peter Kreissl

Kreisklinik Ebersberg operiert erfolgreich Bauchwandbrüche

Ebersberg – Leisten-, Nabel- und andere Bauchwandbrüche, genannt Hernien, gehören zu den häufigsten Erkrankungen, die operativ behandelt werden müssen. Die Operationsverfahren sind vielfältig, der Operateur muss immer die individuelle Situation des Patienten berücksichtigen. In der Kreisklinik Ebersberg gehört die Hernienchirurgie seit langem zu den TOP-Schwerpunkten. Rund 500 Patienten werden in der Allgemein-, Visceral- und Gefäßchirurgie pro Jahr operiert und 2013 erhielt die Abteilung das Qualitätssiegel „Hernienchirurgie“ der Deutschen Herniengesellschaft. Chefarzt Dr. Peter Kreissl beschreibt, was ein Bauchwandbruch eigentlich ist und wie er und seine Kollegen ihn beheben. Dr. Kreissl, was passiert bei einem Bauchwandbruch?Durch eine angeborene oder erworbene Öffnung, genannt Bruchpforte, die sich durch verschiedene Gewebsschichten hindurchzieht – Muskeln, Sehnen, Narbengewebe – dringt das Bauchfell, teilweise auch mit Eingeweiden, wie zum Beispiel Darmschlingen. Die Öffnung kann in der Bauchwand, im Bereich von Operationsnarben, in der Leistengegend, am Beckenboden oder im Bauchinnenraum sein. Dort bildet sich dann ein sogenannter Bruchsack, der sich am Körper oft durch eine Vorwölbung bemerkbar macht. Manchmal aber sind Hernien äußerlich auch gar nicht sichtbar. Operiert werden müssen sie in den meisten Fällen. Es besteht sonst die Gefahr, dass die herausgedrückten Eingeweide abgeklemmt werden, nicht mehr mit ausreichend Blut versorgt werden und absterben. Das kann unter anderem zu Entzündungen führen.Nach welchen Kriterien wählen Sie die passende Operationsmethode aus?Das ist abhängig von der Art des Bruches, der Größe der Bruchpforte, dem Alter und der körperlichen Verfassung des Patienten. Im Grunde gibt es drei Haupttechniken: die offene Operation von außen mit oder ohne Netz und endoskopische Verfahren, diese immer mit Netz. „Mit Netz“ bedeutet: die Bruchpforte wird nicht zugenäht, sondern mit einem titan- beschichteten Kunststoffnetz verschlossen, das die körpereigene Gewebeschicht ersetzt. Nach den Richtlinien der Europäischen Herniengesellschaft muss bei endoskopischen, also minimal-invasiven, Eingriffen immer ein Netz implantiert werden; im Fall eines Leistenbruches auch bei offenen Operationen, wenn der Patient älter als 30 Jahre alt ist. Danach werden nämlich die Bindegewebsschichten schwächer. Die Wahl des Operationsverfahrens wird individuell auf den Patienten abgestimmt. Wir nennen das „Tailored Surgery“, also eine maßgeschneiderte Operation. Werden die Eingriffe ambulant oder stationär durchgeführt?Offene Operationen werden in der Regel ambulant, zum Teil auch mit lokaler Betäubung vorgenommen, so dass der Patient noch am selben Tag nach Hause gehen kann. Minimal-invasive Eingriffe erfordern eine Vollnarkose, dann bleibt der Patient für eine Nacht in der Klinik.In manchen Fällen können Rezidive, also erneute Hernien, und postoperative Schmerzen auftreten. Wie kommt es dazu?Die Ursachen sind vielfältig. Zu einem Rezidiv kann es kommen, wenn zum Beispiel das Kunststoffnetz nicht mehr korrekt plaziert ist oder wenn nach einer Operation ohne Netz-Implantation die Naht wieder aufreißt. In Kliniken mit entsprechendem Expertenwissen und -können sollte die Rezidiv-Rate aber unter einem Prozent liegen, so wie es in Ebersberg der Fall ist. Schmerzen können bei einer Operation entstehen, sind aber im Normalfall gering. Länger anhaltende Beschwerden können verursacht werden durch Vernarbungen, durch Irritationen der in der Leiste liegenden sensiblen Nerven oder durch Fremdmaterial wie Fäden und Pins, mit denen das Netz fixiert wird. Deshalb versuchen wir zum Beispiel, das Kunststoffnetz mit Fibrinkleber und nicht mit Pins zu fixieren.Welches Operationsverfahren wenden Sie in Ihrer Abteilung am häufigsten an und wie lange dauert die Heilung?Es hängt immer von der Qualifikation des Chirurgen ab, ob er ein offenes oder ein minimal-invasives Verfahren wählt. Die Implantation eines Netzes jedoch entwickelt sich zunehmend zum Standardverfahren, weil dabei Rezidive und postoperative Schmerzen seltener auftreten. Ein weiterer Vorteil der Netzimplantation: durch den spannungsfreien Verschluss sind die Patienten schneller wieder belastbar, nach einem minimal-invasiven Eingriff in der Regel nach einer Woche, nach einer offenen OP dauert es etwa zwei bis drei Wochen. Bei genähten Brüchen hingegen hält zum einen der Wundschmerz länger an, zum anderen ist die Belastbarkeit erst nach mindestens drei Wochen gegeben. Allerdings ist ein minimal-invasiver Eingriff nicht bei jedem Patienten möglich, zum Beispiel wenn Bedenken hinsichtlich einer Vollnarkose bestehen, wenn Verwachsungen im Narbenbereich aus einer Voroperation vorhanden sind oder wenn der Patient selbst eine offene Operation wünscht – das kommt vor. In Ebersberg führen wir 95 Prozent aller Eingriffe minimal-invasiv durch – bei Leistenbrüchen, den häufigsten Hernien, im TAPP-Verfahren. Was bedeutet das?TAPP ist die Abkürzung für „Transabdominelle Präperitoneale Plastik“. Der Eingriff erfolgt mit drei kleinen Schnitten durch die Bauchhöhle. Durch diese werden die Kamera und die Operationsgeräte geführt. Die Bruchpforte wird von der Bauchinnenseite präpariert und dann ein Kunststoffnetz zwischen Bauchwand und Bauchfell plaziert. Da wir in Ebersberg in sehr vielen Bereichen minimal-invasive Eingriffe vornehmen und dadurch umfangreiche Erfahrung damit haben, ist das Risiko für Komplikationen gering. sf

Auch interessant:

Meistgelesen

Kommentare