Anstieg von rechten Aktivitäten

Die Rechte Szene im Landkreis Ebersberg

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Die gewaltbereiten Rechtsextremen scheinen gut vernetzt zu sein. Man vermutet 20 bis 30 Personen in der Szene.

Hat der Landkreis Ebersberg ein Problem mit Rechtsextremismus? Unser Mitarbeiter hat sich auf Spurensuche begeben

Landkreis – Sie pöbeln unter rechten Parolen, zeigen den Hitlergruß und wenden sogar Gewalt an: die rechtsextreme Szene in Ebersberg soll immer offensiver agieren. Immer wieder melden Jugendliche aus dem Umfeld des Ebersberger Jugendzentrums (AJZ) rechtsextremen Vorfälle. Das bestä- tigt auf Nachfrage auch der Geschäftsführer des Ebersberger Kreisjugendrings (KJR) Philipp Spiegelsberger. Seit Frühjahr dieses Jahres verzeichne er einen Anstieg an Aktivitäten rechter Gruppierungen. Viele dieser Aktivitäten richten sich explizit gegen das Jugendzentrum und die Jugendlichen, die dort aktiv sind. Was dabei zugenommen habe, sei vor allem die Qualität der Vorfälle, sagt er. 

Ein junger Mann, der namentlich nicht genannt werden will, bestätigt das. Der berichtet, derartige Vorfälle des Öfteren miterlebt zu haben. Begonnen hätten sie vor etwa drei Jahren. Damals seien Leute aus dem Jugendzentrum (AJZ) geschmissen worden, weil sie dort den Hitlergruß gezeigt haben. Daraufhin sei es immer wieder zu Anfeindungen gekommen. Er spricht davon, dass die Situation seit Mitte des Jahres nun deutlich schwieriger geworden ist. Sowohl die Qualität als auch die Intensität der Vorfälle hätten zugenommen. Als Startpunkt gibt er den 22.Juni an. Damals seien Konzertbesucher des AJZ auf ihrem Nachhauseweg durch die Ebersberger Altstadtpassage gelaufen, haben dort Jugendliche nach Feuer gefragt und es kam zu rechter Pöbelei, die sogar handgreiflich wurde. Ein Mädchen wurde von den Rechten auf den Boden geschmissen, einen anderen griffen sie mit einer Flasche an, woraufhin der stundenlang im Krankenhaus behandelt werden musste. Die rechten Gewalttäter hätten dabei neonazistische Parolen gerufen und auch den Hitlergruß gezeigt. „Der Rassismus war offensichtlich,“ unterstreicht der Mann. Natürlich wurde die Polizei gerufen und Anzeige erstattet. Seitdem zeigten die „Faschos“ bei jeder Veranstaltung vor dem AJZ und auch am Ebersberger Bahnhof Prä- senz, erzählen Beteiligte. Die Probleme hätten deutlich zugenommen. Einer spricht von einer Kerngruppe, die aus etwa zehn Personen besteht, offensichtlich aber gut vernetzt ist, so dass man es durchaus auch mit 20 bis 30 Personen zu tun hat, alle in einem Alter von etwa 15 bis Ende 20. „Die Situation geht inzwischen so weit, dass sich Jugendliche nicht mehr alleine durch Ebersberg trauen. Sie organisieren sich aus Angst auf ihren Wegen, zum Beispiel zur S-Bahn, zu Gruppen,“ so Spiegelsberger. 

Auf einer Party im AJZ sind Besucher von den Rechten sogar angegriffen worden. Der zuständige Sicherheitsdienst holte die Polizei. Von der Polizei sei man allerdings eher enttäuscht, sagen einige. Sie haben die Wahrnehmung, die Beamten sähen das Problem nicht in der rechten Szene, sondern vielmehr bei den im Jugendzentrum engagierten Jugendlichen selbst. „Wir haben alle das Gefühl, uns auf die Polizei nicht verlassen zu können. Unser Eindruck ist, dass wir ignoriert werden und die das Thema nicht interessiert,“ so ein 21jähriger. Der Leiter der Ebersberger Polizeiinspektion Ulrich Milius widerspricht. Es handele sich bei den Vorwürfen absolut um keine Kavaliersdelikte. Die Polizei hätte die Täter durchaus festgestellt, auch Platzverweise vergeben, nur sei die Gegenseite nicht zur Vernehmung erschienen. Was er braucht, sind Zeugenaussagen, um ermitteln und ein Lagebild erstellen zu können. Milius rät dringend dazu, jedes Vorkommnis dieser Art sofort zur Anzeige zu bringen. Rechtsextreme Vorfälle gab es offensichtlich auch in Steinhöring. Am 7.Oktober sollen dort am örtlichen Badeweiher mehrere Rechte Jugendliche mit Taschenlampen bedrängt und sie anschließend durch den Ort gejagt haben, auch mit ihren Fahrzeugen. 

Auffällig sind auch Schmierereien mit neonazistischen Symbolen sowie Sticker der Identitären Bewegung, die immer wieder in der Öffentlichkeit auftauchen. „Man muss die Jugendlichen und ihre Berichte sehr ernst nehmen,“ erklärt Stefanie Barth von der Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus in Bayern (MB). Die Fachstelle bietet bayernweit Unterstützung bei Vorfällen mit neonazistischem, extrem rechtem, rechtspopulistischem und rassistischem Hintergrund. „Beispielsweise die Schmierereien hinter den Schaukästen gegenüber des Alten Speichers verbildlichen das antisemitische, rassistische und sexistische Gedankengut sehr anschaulich.“ Aus ihrer Erfahrung würde das in Kommunen, Schulen und Behörden allerdings gerne verharmlost. Das Problem werde heruntergespielt, weil man Gesicht wahren möchte. Wichtig wäre dagegen genau das Gegenteil: den von rechten Anfeindungen betroffenen Jugendlichen müssten genau jetzt aus der Zivilgesellschaft, Lokalpolitik und Schulen der Rücken gestärkt werden. 

Zu den neonazistischen Schmierereien meint der Ebersberger Polizeichef: der Eigentümer dieser Flächen solle sie reinigen lassen. Wissenschaftliche Studien belegen längst, dass rechtsextreme Weltbilder bei Jugendlichen auch auf die Normalisierung rassistischer und hetzerischer Debatten und den politischen Erfolg der AfD zurückgeführt werden können. „Uns geht es um Bildung und Aufklärung,“ so Spiegelsberger. Gerade Jugendliche seien in ihrem Weltbild noch nicht so gefestigt und schneller verführbar. „Deshalb arbeiten wir auch mit den Schulen zusammen“ - von denen einige, wie das Grafinger Gymnasium erst jüngst, wegen antisemitischer Hetze im Klassenzimmer in die Schlagzeilen gerieten. Kees

Quelle: Anzeigenzeitungsverlag

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