Risikoethik

Grafinger Forscher: Wie weit darf der Mensch gehen?

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Hochspannend und politisch aktuell: Maximilian von Seckendorff beschäftigt sich in seiner Doktorarbeit mit ethischen Fragen zum Geo-Engineering

Welche Freiheit und welche Verantwortung hat der Mensch heute gegenüber zukünftigen Generationen? Der Grafinger Maximilian von Seckendorff beschäftigt sich mit den ethischen Aspekten von Eingriffen der Menschen in die Natur

Grafing – Die Risikoethik bewertet, welche Folgen Handlungen haben können und ob der Nutzen die Handlungen rechtfertigen kann, obwohl auf der anderen Seite vielleicht erhebliche Schäden auftreten können. Der Grafinger Maximilian von Seckendorff, studierter Physiker und Theologe, stellt sich diese Fragen am Beispiel des Geo-Engineering oder Climate Engineering. 

Beides ist ein Sammelbegriff für großräumige technische Eingriffe, um die globale Klimaerwärmung zu stoppen oder auch um die CO2-Konzentration in der Atmosphäre zu verringern. Zunehmend forschen Wissenschaftler an solchen Maßnahmen, immer mehr Innovationen „müssen“ hinsichtlich der ethischen und gesellschaftlichen Vertretbarkeit überprüft werden. Genau daran forscht von Seckendorff in seiner Doktorarbeit zum Thema: „Das „Anthropozän“ als Herausforderung für die Theologie – Überlegungen zur Schöpfungslehre und zur theologischen Technik-Ethik im 21. Jahrhundert“. Anthropozän nennt man übrigens das seit der Industrialisierung oder spätestens Mitte des 20. Jahrhunderts angebrochene Zeitalter, in dem der Mensch zu einem der wichtigsten Einflussfaktoren für Natur- und Umwelt geworden ist. Von Seckendorff untersucht, wie aus theologisch-ethischer Sicht mit den Herausforderungen des Anthropozäns umgegangen werden kann. 

Welche Freiheit und welche Verantwortung hat der Mensch heute gegenüber Gott und gegenüber zukünftigen Generationen? Darf der Mensch das Weltklima mit großtechnischen Eingriffen, wie durch Geo-Engineering verändern? Ein solcher Eingriff wäre zum Beispiel die Einbringung von Sulfat-Partikeln in die Stratosphäre, die wie ein großer, künstlicher Vulkanausbruch die globale Erwärmung reduzieren könnten. Durch die vorhandenen historischen Daten vergangener natürlicher Ausbrüche weiß man zum Beispiel, wie viel Schwefeldioxid mit Raketen in die Stratosphä- re geschickt werden müsste, damit genügend Sonnenlicht an den sich dort bildenden Sulfat-Partikeln reflektieren werden und somit das Erdklima rasch abkühlen könnte. Das wäre laut dem 26-jährigen Doktoranden mit einem Stipendium der Konrad-Adenauer-Stiftung die günstigste Variante, den Klimawandel im Notfall kurzfristig zu bremsen. 

Das große ABER bleibt leider nicht aus. Und genau mit diesem beschäftigt sich der Vater eines eineinhalb jährigen Sohnes, den er während seiner Doktorarbeit betreut. So würde sich nach einigen Jahren der Schwefel wieder auf der Erdoberfläche ablagern und große Auswirkungen auf die Ökosysteme haben. Durch die Versauerung würde es zum Beispiel zu einem Artensterben im Meer kommen oder die reduzierte Sonneneinstrahlung könnte aufgrund geringerer Ernteerträge zu Hungersnöten führen. Global gesehen wäre der Nutzen schon groß, sprich der Klimawandel würde abgemildert, die Temperatur innerhalb kürzester Zeit ein paar Grad fallen, aber es gäbe eben Schä- den, Nachteile, enorme sogar. Vielleicht nicht global, aber für einige Regionen. Welche Regionen wären das? Wie viele Menschen wären betroffen? Welche Ökosysteme würden vernichtet werden? 

Die Frage ist auch, wie hoch ist der Schaden im Gegensatz zu dem, den der Klimawandel an sich mit sich bringen wird? Ein spannendes und hochaktuelles Themengebiet, das hier der junge Grafinger bearbeitet, der sich auch politisch in Grafing mit seinem Wissen engagiert, weil er etwas verändern will. So hielt er letztens erst im Glashaus einen Vortrag über die Potenziale einer nachhaltigen und ökologischen Energieversorgung in Grafing, um auch die Handlungsspielräume vor Ort auszuloten. Maximilian von Seckendorff hat lange recherchiert und gerechnet und fand für Grafing heraus, dass „nur“ weitere 13 Prozent aller Dachflä- chen oder acht Windrä- der gebraucht würden, um Grafing mit regenerativem Strom zu versorgen. Wenn alle mitmachen und Bereitschaft zeigen, wäre vieles machbar. Langfristig aber ist die Befürchtung von Seckendorff, dass es ohne gewisse Geo-Engineering Interventionen nicht funktionieren wird, CO2 global zu binden. Es muss nicht gleich ein „künstlicher Vulkanausbruch“ sein, auch die Speicherung von CO2 unter Druck, zum Beispiel in Bergwerken, oder wie Holland es gerade macht, in der Nordsee, wirft immer wieder die ethische Frage auf: Wie weit darf der Mensch gehen? Tretner

Quelle: Anzeigenzeitungsverlag

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