Zornedinger durchschwimmt den Starnberger See

Zehn Stunden, 20 Kilometer und ganz viel Zeit für sich

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Geschafft: Frank Clauß nach zehn Stunden im Starnberger See.

Frank Clauß aus Zorneding hat den Starnberger See durchschwommen – und zwar von Nord nach Süd. Ein Gespräch über Willenskraft, dem Einklang mit der Natur und Gedanken über Bienenstich und Co

Zorneding – Langeweile in Coronazeiten? Wie wär´s mit Schwimmen in einem der vielen oberbayerischen Seen? So wie es Frank Clauß getan hat; Er nahm sich der Zornedinger den Starnberger See vor, von vorne bis hinten: 20 Kilometer hat er ihn von Norden Richtung Alpen durchschwommen – am Stück. Der gebürtige Münchner ist seit 2013 Langstreckenschwimmer. Im ersten Jahr bezwang er den Chiemsee über 13,8 Kilometer. Heuer trainierte er im Buga- und Waldsee, kam so auf 70 Kilometer. 

Zusätzlich radelte er seit April 3.000 Kilometer. Gutes Training für den großen Tag, wo er in Starnberg startete und am Campingplatz von Seeshaupt ankam, bei durchschnittlich 23 Grad Wassertemperatur. Zwei Helfer begleiteten ihn bei seinem Vorhaben, einer auf einem geliehenen E-Boot aus großer Distanz, der verursachten Wellen wegen. Clauß verlor sein Notpack auf der an einem Seil mitgeführten roten Boje: Die darauf geklebte Verpflegung ging ebenso unter wie das Nothandy – vielleicht fand es ja den Weg zum Märchenkönig auf dem Boden des Sees. Schlimmer empfand der gelernte Grafiker die schwimmenden Fäkalien von Menschen auf den ersten fünf Kilometern. An den reinen Wasserbereichen diente ihm das Nass aber als Getränkequelle. Nach 10,5 Stunden hatte er das Ufer erreicht. Die kommenden Vorhaben für den Brustschwimmer: Simssee (5,5 Kilometer), Ammersee (15 Kilometer) sicher, eventuell dann Garadasee und Bodensee mit 51 beziehungsweise 66,6 Kilometern. Wir nahmen uns den Langstreckenschwimmer zur Brust: 

Herr Clauß, waren Sie schon immer sportlich unterwegs?

Ja. Mein Vater war recht sportlich. Durch die vielen gemeinsamen Bergtouren, Schwimmausflüge, Radtouren und Skitage gab er mir das Zeug für spätere „Schandtaten“ mit. 

Was treibt einen zu so etwas? Sich selbst etwas beweisen oder...? 

Nein, keine narzisstischen Beweggründe, denn dann würde es mich zu kommerziellen Wettkämpfen treiben. Mir geht es hier bei solchen Unternehmungen um mentale Dinge wie Förderung der eigenen Willenskraft, Erkennen der persönlichen Leistungsgrenzen, ganzheitliche Gesundungsmaßnahmen und der fast schon spirituelle Einklang mit der Natur. 

Nervös vorher? 

Nun ja, das gehört dazu. Ein bisschen wie vor einem Auftritt auf der Rock`n`Roll - Bühne. Aber es hält sich in Grenzen. Ich kann ja hier alles bestimmen: wann es losgeht, ob ich irgendwann abbrechen muss. Blöd ist nur die erfahrungsgemäße Schlaflosigkeit in der Nacht vorher. Da muss ich schon mal mit zwei Stunden auskommen.

Hatten Sie auf der Strecke einen Tiefpunkt und dachten Sie, jetzt kehr ich um? 

Bei Kilometer 13, in der 7. Stunde - der Brustkasten und die Nackenmuskeln zogen sich zusammen, die Pumpe muckte - musste ich eine Entscheidung treffen: Ans Ostufer und abbrechen oder Pause auf der Boje machen. Das gute Stück trägt einen ja halbert. Ich machte Letzteres und gab mir eine Viertelstunde das herrliche Bergund Seepanorama. Dann hab ich wieder richtig Kraft und Aufbruchsstimmung gespürt und setzte die Tour fort. 


Woran denkt man zehn Stunden lang? 

Das geht los mit den sachdienlichen Dingen wie „... der Bojengurt sitzt noch nicht so wie er soll ...“ oder „... in Höhe der Bucht da drüben gibt‘s den ersten Müsliriegel ...“. Mit der Orientierung bin ich auch ein wenig beschäftigt, das Umdenken des lange studierten Satellitenbildes in den „Seeblick“ dient zum sicheren Anvisieren des geplanten Zielpunktes (wie in Seeshaupt die Masten des Bootshafens, welche mehrere Stunden optisch Baumstämmen glichen), das Sondieren der Umgebung bezüglich Schiffen und Booten erledige ich auch regelmäßig - das Mitdenken wie im Straßenverkehr kann hier überlebenswichtig sein. Ab einer gewissen Zeit können auch leichte Halluzinationen auftreten, das ist normal. Im letzten Viertel redete ich mit meinem virtuellen Koch, diesmal ging es ausschließlich um Süßspeisen wie Bienenstich und Co. Da werden einfache Dinge zu Sehnsüchten. 

Kann der Blick auf die Landschaft ablenken? 

Das ist eher eine Bereicherung als eine Ablenkung. Ja, das ist besser als Kino. Die Uferabschnitte, das Treiben an den Stränden, die Gebäude, die natürliche Kulisse und vor allem unsere Alpen im Abendlicht. Deshalb immer wenn möglich von Nord nach Süd. Für Krauler irrelevant, für mich als Brustschwimmer ein Erlebnis sondersgleichen. 

Gibt es ein Vorbild für so etwas? 

Nein. Vorbilder habe ich nicht, aber mich haben schon immer exaltierte Zeitgeister fasziniert, die Vorhaben durchziehen, in denen sie - vielleicht auch ausschließlich - auf sich alleine gestellt sind. Vor denen habe ich Respekt. Mein Großonkel hat da in meinen Genen sicher was hinterlassen, zumindest was das Wasseraffine anbelangt. Kapitän Robert Clauß umsegelte mehrmals mit seiner Pamir das Kap Horn, er galt als einer der letzten großen Kap Hoorniers. Das hat auch etwas Astronautenmäßiges, nur eben bruchteilmäßig vergleichbar. 

Ab welcher Wassertemperatur gehen Sie ins Wasser? 

Bei solchen Projekten geht es bei mir ab 21 Grad aufwärts los, da gibt es temperaturbedingt keinen Energieverlust. Den Chiemsee hatte ich 2013 bei 18,3 Grad gerockt, das war entschieden zu kalt. Und Neopren ist für mich kein Thema. Ab Mitte November bis April ist meistens Schluss. Dann kommen die kulinarischen Sünden und der ganze Kram, den ich dann im neuen Jahr wieder sauber abstrampeln kann. 

Was raten Sie möglichen Nachahmern? 

Gute Vorbereitung wie rechtzeitiges Training, Planung und organisieren des Aktionstages mit der nötigen Infrastruktur wie Anfahrt/Abholung, wochenlanges Beobachten der Wetterlage, mentale Vorbereitung mit Meditation und zu guter Letzt und am wichtigsten: Der absolute Wille und die unbeugsame Überzeugung sind die Grundlage hierfür. Der Dämon „Zweifel“ wird mal gehörig in den Urlaub geschikt. 

Das Interview führte Oliver Oswald

Quelle: Anzeigenzeitungsverlag

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