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Unbedingt hingehen

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Ausstellungseröffnung beim Ebersberger Kunstverein: „Reliefs und Skulpturen“ von Martin Spengler (li). © Foto: Kees

Am Freitag eröffnete der Künstler Martin Spengler eine hinreißende Ausstellung im Ebersberger Kunstverein – sie ist noch bis zum 11. Februar zu sehen

Ebersberg – „Das Beste, was ich in diesen Räumen je gesehen habe,“ so lautete der Kommentar einer Besucherin vergangenen Freitag bei der Eröffnung der Ausstellung „Reliefs und Skulpturen“ von Martin Spengler im Ebersberger Kunstverein. Man kann sich dieser Meinung eigentlich nur anschließen, denn das, was der aus Köln stammende und in München lebende Künstler in der Galerie Alte Brennerei zeigt, hat Format - ästhetisch wie inhaltlich. 

Das ist im heutigen Kunstbetrieb alles andere als selbstverständlich. Spengler lässt aus geschichteten Wellpappen großformatige Reliefs entstehen - er bearbeitet die Materialschichten mit Cuttermessern. Dabei schafft er ästhetisierte, monochrome Utopien. Zu sehen etwa Hochhausfasseden, Ränge eines Stadiums oder Treppenhäuser, in denen sich die Treppe in Miniaturabbildungen immer wieder spiegelt. All das ist aus dem Papier geschnitten, dreidimensional. Die Schnittkanten sind mit schwarz-grauem Grafitstift hervorgehoben, die räumliche Wirkung damit betont. Farben verwendet der Mann keine und das macht seine Werke um so beeindruckender. 

Das wahrscheinlich verstörendste Bild ist die Darstellung einer La-Ola-Welle. Das Bild ist dicht (filigrane Details ergeben Masse) und erzeugt in seiner Gänze den Eindruck von Gewalt, den einer Menschenmasse. Zugleich bildet die Struktur des Dargestellten auch Ordnung. Sie hat recht, die Freundin des Künstlers, die die einführende Rede zu Ausstellungseröffnung hielt, Spenglers Bilder beinhalten Ordnungsstrukturen, vergleichbar etwa einer DNA-Struktur oder organischen Strukturen. An einer Darstellung einer Hochhausfassade sind diese Strukturen allerdings durchbrochen. Ganze Stockwerke scheinen herauszubrechen, durch die Wucht einer Zerstörung. Als ob dem Künstler die Dynamik von Zerstörung mindestens so wichtig ist wie Ordnung. Das Abgebildete könnte eine Momentaufnahme sein, ein festgehaltenes Bild des Augenblicks, als ein Flugzeug ins World Trade Center krachte. Chaos ist entstanden. Das Zusammenspiel von Ordnung und Chaos wohnt eigentlich fast allen Bildern inne, sind es die kleinen Zitate von Treppen in seinen Treppenhäusern, das Durcheinander im Hochhaus oder das menschliche Gewirr bei jener La-Ola-Welle. 

Trotzdem wirken die Bilder schön. Das mag auch mit der Technik zusammenhängen, die durchaus auch altmeisterlich anmutet. Freilich ist das Relief eine Kunstform, die lange Jahrhunderte Tradition hat. Man trifft also auf Bekanntes, kennt man doch Darstellungen dieser Machart, häufig aus Stein, zum Beispiel von Kirchenfassaden. Dass Spengler hier in familiärer Tradition arbeitet wird ganz bewusst nicht verschwiegen. Der Großvater war Holzbildhauer und arbeitete ähnlich. Dass der 43-jährige das zunächst nicht wusste, meinte, seine Art zu gestalten für sich selbst zu entdeckt zu haben, ehe er auf die großväterlichen Arbeiten stieß, spricht für sich – oder womöglich dafür, dass kulturelles Erbe auch mnetisch weitergegeben wird. Doch sei´s drum. Das Verhältnis von Chaos und Ordnung lotet diese Schau sehr eindrücklich aus, übrigens auch in den drei Skulpturen, verzerrte Darstellungen von Elementen des Kölner Doms auf geformten Holzsockeln. Auch hier Ordnung, klare Struktur und doch Irritation durch Verfremdung und Verzerrung. Fragte man andere Ausstellungsbesucher, wie sie diese Schau empfinden, so war bei der Eröffnung nur Einhelliges zu hören: stark. 

Unterm Strich: es lässt sich kaum beschreiben, was dort zu sehen ist – am Besten, man sieht es sich selber an. Die Ausstellung hat bis 11. Februar jeweils Freitag von 18 bis 20 Uhr, sowie Samstag und Sonntag von 14 bis 18 Uhr geöffnet. Zur Finissage am 11. Februar findet um 16 Uhr ein Künstlergespräch statt. Man kann nur empfehlen: unbedingt hingehen. Kees

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