Interview

Bahn frei für Erdings Landkreisschwimmer Lutz Prauser

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Lutz Prauser

Lutz Prauser kennt sie alle, die Gewässer im Landkreis und darüber hinaus. Hunderte Kilometer schwimmt der Autor jährlich. Auslöser dafür – ein abgesprungener Hosenknopf vor fast acht Jahren.

Interview mit Lutz Prauser, Landkreisschwimmer aus Buch am Buchrain

Herr Prauser, was ist aus der Hose geworden? 

Danke der Nachfrage. Heute würde mir das gute Stück um die Beine schlackern. Denn nach dem einschneidenden Erlebnis im Februar 2012 beschloss ich, mein Leben zu verändern. Die Angst, als Couchpotato mit entsprechendem Äußeren zu enden, trieb mich ins Wasser zum Schwimmen. Ungeübt, untrainiert, doch hochmotiviert.

Warum ausgerechnet Schwimmen? 

Schwimmen war die Sportart, in der ich in meiner Schulzeit erfolgreich war und hat mir schon immer Freude gemacht. Schwimmen kann ich, wann immer mir danach ist, ich wähle die Distanz und die Dauer. Kein Trainer, kein Verein, keine Turniere, keine Verpflichtung.

Und das geht dann einfach so? 

Nicht einfach so. Denn der erste Zug ist jedes Mal der schwerste. Wollte ich mir das wirklich antun? Mein innerer Schweinehund versuchte immer wieder, mich von meinem Vorhaben abzubringen. Kleine Verzögerungstaktiken beim Duschen im Hallenbad oder das minutenlange Stehen bis zu den Knöcheln im kalten See.

Wann und wo begannen Sie Ihr Vorhaben umzusetzen?

Das war der 22. Februar 2012, ein schneekalter und nasser Aschermittwoch. Abends stand ich dort am Kassenautomaten der Schwimmhalle in Markt Schwaben, um mir eine Zehnerkarte zu ziehen. Das klappte nicht gleich und mein innerer Schweinehund hätte es gar zu gerne gesehen, wenn ich den Rückzug angetreten hätte. 

Ein Kilometer war mein Ziel für den Einstieg: 40 Bahnen a 25 Meter. Als ich aus dem Becken stieg war ich hundemüde und wacklig auf den Beinen.

Doch Sie schwammen weiter! 

Hochmotivierend waren für mich meine allmählich wachsende Kondition und der Verlust der ersten drei Kilo nach vier Wochen und weiterer drei Kilo nach sieben Wochen. Der anschließende lange Stillstand auf der Waage behagte mir allerdings nicht und mit der Leistungssteigerung konnte es mir auch nicht schnell genug vorangehen. 

Das gab sich glücklicherweise mit der Zeit und nach einigen Monaten spielte ich mit dem Gedanken, auf die speziell abgetrennte Schwimmbahn für Sportler zu wechseln.

Irgendwann kamen die Ruderal­gedanken ins Spiel… 

Während des Schwimmens im Hallen- und Freibad (inzwischen meist in Erding) habe ich begonnen, mein Gehirn mit zugegebenermaßen absurden Gedanken zu beschäftigen. Analog zur Ruderalvegetation, das sind Pflanzen, die sich von alleine auf Brachflächen ansiedeln, präsentierte mir mein brachliegendes Hirn Ruderalgedanken. 

Das geht dann so: Ich steige zu einer bestimmten Uhrzeit ins Wasser und habe vor, drei Kilometer zu schwimmen. Und schon beginnt die Rechnerei. Die Dame im hellblauen Badeanzug schwimmt langsamer als ich. Also überhole ich sie auf Bahn vier. 

Und wann das nächste Mal? Ein anderer Schwimmer ist schneller als. Nach meiner neunten Bahn mache ich am Beckenrand kurz Pause, um ihn vorbei zu lassen. Auf Bahn 18 wird es wieder so weit sein ... und so weiter.

Ohne diese Gedankenspiele wäre das Schwimmen langweilig? 

Niemals! Etliche erwünschte und auch unerwünschte Begegnungen im Schwimmbecken geben mir mindestens ebenso viel Gedankeninput. In meinem jüngst erschienenen Buch „Bahn Frei“ habe ich so einiges davon beschrieben. Noch dazu hat das Schwimmen in freien Gewässern seine besonderen, bisweilen auch etwas furchteinflößende Reize. 

Aber das sind nur Gedankenspiele und keine wirklichen Gefahren – zum Beispiel undefinierbare Augen, die mich vermeintlich aus der Wassertiefe anstarren oder ein großer Karpfen, der gerade unter mir durchschwimmt und mich erschreckt hat. Mit meiner digitalen Unterwasserkamera halte ich vieles davon fotografisch fest.

Mein Highlight: Auge in Auge mit einem Junghecht im Wörther Weiher.

Ab welcher Wassertemperatur wechseln Sie in Weiher und See? 

15 Grad muss das Wasser schon haben, darunter ist es auch mit Neopren zu kalt für mich, denn für das Schwimmen von dreieinhalb bis vier Kilometern bin ich gut eineinhalb Stunden im Wasser. Faszinierend für mich ist, die Unterschiedlichkeit der Wasserqualitäten zu spüren, die unterschiedlichen Farben des Wassers. Im Landkreis bin ich in allen Weihern geschwommen, die mir mehr als 300 Meter am Stück Durchkraulen ermöglichen. 

So ist zum Beispiel der Notzinger Weiher einer der wärmeren Weiher, weil er relativ flach ist. Der Wörther Weiher ist im September besonders schön, weil er dann nicht mehr so überlaufen ist, der Zustorfer Weiher ist immer ziemlich leer. 

Den Kronthaler Weiher habe ich dieses Jahr weit über fünfzigmal besucht und dort viele wundervolle Stunden mit Genuß- und Erlebnisschwimmen verbracht: Etwa frühmorgens oder zur Goldenen Stunde bei Sonnenuntergang oder bei Vollmond.

Also Schwimmen in verschiedenen Seen und Weihern? 

Meine persönliche Herausforderung ist es, jedes Jahr mindestens fünf neue Schwimmreviere rings um Erding kennenzulernen, mittlerweile sind es über 40 Seen, Weiher und zwei Flüsse in der Region, die ich erkundet habe. Das spannt sich vom Ammersee im Westen bis zum Tachinger See im Osten, vom Haager Badesee bis zum Schliersee. 

2018 habe ich über das Jahr gut 610 Kilometer zurückgelegt, 2019 werden es wohl 500 Kilometer sein, absolviert an etwa 150 bis 160 Schwimmtagen im Jahr. 

Alleine in Weiher und Seen – worauf achten Sie? 

Safety first. Ich schwimme sehr oft mit Boje, damit mich Fischer, Standup Paddler oder Segelboote (je nachdem, wo ich schwimme) gut sehen können. Wichtig, sich gerade am Anfang nicht zu überschätzen und da zu schwimmen, wo Menschen sind und bei Starkregen und evtl. entstehender Gischt das Wasser zu verlassen, um nicht sich nicht der Gefahr des „kalten Ertrinkens“ (Atemluft direkt über dem Wasser ist zu feucht) auszusetzen. 

Am besten, immer eine gepackte Schwimmtasche im Kofferraum deponieren. Ansonsten kann ich nur empfehlen, dran zu bleiben und den inneren Schweinehund zu überwinden, das Erlebnis zu suchen und den Spaß zu entdecken.

Was könnte Sie wohl frühzeitig aus dem Wasser treiben? 

Da fallen mir momentan zwei Dinge ein: Das „Müssen“ müssen und ein heranziehendes Gewitter. Davor habe ich riesengroßen Respekt. Mehr Geschichten online unter www.zwetschgenmann.de

Das Interview führte Claudia Kruppa

Quelle: Anzeigenzeitungsverlag

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