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Ein Leben als atemloser Dauerrausch - Lohnt sich der Kinobesuch zu ELVIS?

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Elvis in den 50ern: Revolutionäre Bühnenauftritte und hysterische Fan-Reaktionen
Elvis in den 50ern: Revolutionäre Bühnenauftritte und hysterische Fan-Reaktionen © Warner Bros. Pictures

Kino – Ehe der Filmtitel auf der Kinoleinwand erscheint, sollte man als Zuschauer noch einmal tief durchatmen – denn dazu bleibt in den folgenden 160 Minuten keine Zeit mehr. ELVIS erzählt nicht weniger als die gesamte Lebensgeschichte des größten Musik-Phänomens des 20. Jahrhunderts in einem halsbrecherischen Tempo und einem Reigen aus schrillen, bunten Bildern. Am Ende bleibt man als Zuschauer ebenso erschöpft zurück wie der „King“ am Ende seiner Karriere. Ein optisches Überwältigungs-Kino der Superlative mit kleinen erzählerischen Schwächen.

Regisseur Baz Luhrmann (Moulin Rouge, Der große Gatsby) gilt als Exzentriker, der in überlebensgroßen Bildern schwelgt und sich in einer optisch extravaganten, ans Theater angelehnten Ausstattung suhlt. Folglich stellt Luhrmann sich auch weniger die Frage, wer der Mann hinter dem Mythos Elvis war, sondern vielmehr, wie man diese Naturgewalt der Unterhaltungskunst in aller Explosivität auf die Leinwand bringt. ELVIS fühlt sich streckenweise weniger wie ein Film, sondern wie eine musikalische endlos-Montage an, die einem die schrillen Farben und wummernden Klänge nur so um die Ohren drischt. Musik ist ein Emotionsträger, sie kommt laut und gewaltig daher und trägt uns in halsbrecherischem Tempo durch die Jahrzehnte von Elvis’ Schaffen. Man wähnt sich in einem Konzert- statt in einem Kinosaal.

Als erzählerischen Kniff erlaubt sich Luhrmann, die Geschichte jedoch nicht durch die Augen von Elvis selbst, sondern durch seinen Manager Colonel Tom Parker (Tom Hanks) zu erzählen, der Elvis’ gesamte Karriere hinweg die absolute Kontrolle über seinen Schützling behielt und diesen bis zur Erschöpfung (und darüber hinaus) auswrang. Wir bekommen die Geschichte also durch die Augen des Bösewichts erzählt. Womit sich Luhrmann auch davor drückt, allzu tief ins Seelenleben von Elvis Presley eintauchen zu müssen.

Weitere Schwächen offenbaren sich im irrwitzigen Tempo, mit dem das Biopic die relevanten Stationen von Elvis’ Leben und Karriere abhakt. Priscilla Presley, Elvis’ große Liebe, von deren Scheidung er sich zeit seines Lebens nicht mehr erholte und die zu seinem mentalen Absturz in den 1970er Jahren beitrug, bleibt in Luhrmanns Film leider überwiegend auf der Strecke.

Auch das für Elvis so wichtige 1968er Comeback-Special verfehlt durch die rauschhafte, galoppierend schnelle Erzählweise seine Wirkung, da sich der Film nicht die Zeit nimmt, schlüssig zu erklären, weshalb sich Elvis’ Karriere gerade im Sinkflug befindet. (Im gleichen Stil werden nahezu die gesamten 1960er Jahre in einer einzigen Montage durchgeholzt.)

Elvis wird vom 29-jährigen Austin Butler gespielt, der sich Elvis’ Stimme und Aussprache antrainierte und alle Lieder der ersten Filmhälfte auch selbst singt. (Daher besuchten wir für die Review auch die Cineplex-Aufführung im englischen O-Ton.) Ein darstellerischer Kraftakt, der seine explosiven Spitzen während der schwelgerisch-exzessiv gefilmten Live-Auftritte zeigt, die in den 50ern zu hysterischen, weiblichen Fan-Reaktionen führten.

Der King und sein Manager: Elvis (Austin Butler) mit Colonel Tom Parker (Tom Hanks)
Der King und sein Manager: Elvis (Austin Butler) mit Colonel Tom Parker (Tom Hanks) © Warner Bros. Pictures

Der Konflikt zwischen Elvis und seinem kontrollstüchtigen Manager, der ihn in immer brutalere und körperlich auszehrendere Verträge zwingt, dominiert das letzte Filmdrittel. Hier gönnt sich Regisseur Luhrmann einige künstlerische, fiktionalisierte Freiheiten, um aus einer endlosen Musik-Montage zum Schluss hin doch noch irgendwie einen dramaturgisch schlüssigen Film zu machen.

Wenn zum Finale allerdings in einem fließenden Übergang der echte Elvis im letzten Live-Auftritt seines Lebens in all seiner tragischen Präsenz auf der Bühne erscheint, brechen sich die großen Emotionen Bahn. Hier beweist Lurhmann, wie kraftvolles Kino geht.

Eine 2,5-stündige, schwindelerregend schrille Musik-Montage, so atemlos und rauschhaft wie das zu kurze Leben des größten Entertainers des 20. Jahrhunderts. Unsere Bewertung: 4 von 5 Hüftschwüngen. ELVIS ist jetzt zu erleben im Cineplex Erding!

phi

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