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Filmkritik: Die Kannibalen-Liebesromanze Bones and All ist ein blutiger, aber feinfühliger Aussenseiter-Trip

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Von: Philip Heggmair

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Rastlose Liebende: Maren und Lee sind anders als ihre Mitmenschen. Und damit für immer auf der Flucht
Rastlose Liebende: Maren und Lee sind anders als ihre Mitmenschen. Und damit für immer auf der Flucht © MGM

Eine Liebesgeschichte auf Rädern, geplagt von einem Fluch: Bones and All nimmt uns auf eine zweistündige Reise mit viel Gefühl – und Blut

Kino – Das Thema Kannibalismus ist kontrovers. Noch viel mehr, wenn es Teil einer Liebesgeschichte wird. Die Verfilmung Bones and All des gleichnamigen Romans ist gleichzeitig Roadmovie, zarte Liebesgeschichte und eine Metapher auf das ewige Außenseitertum, das in allen Ecken unserer Gesellschaft auftritt und unweigerlich zu Katastrophen führt. Ein zweistündiger Trip, ebenso sensibel wie roh inszeniert und mit Protagonisten, die in all ihrer Unvollkommenheit schillern und den Zuschauer Anteil an ihrem tragischen Schicksal nehmen lassen – obwohl sie Unschuldige töten (müssen).

Eine Spagatwanderung, die der italienische Regisseur Luca Guadagnino meistert. Seine Figuren sind keine Helden oder Vorbilder. Und doch fühlt man ihre Ängste, leidet mit ihnen, hofft und bangt um ihr Schicksal. Damit gehört Bones and All zu den besten Filmen des Jahres.

Maren (Taylor Russell) merkt, dass sie anders ist. Bei einer Übernachtungsparty verliert die Jugendliche die Kontrolle über ihre Triebe und beißt ihrer Freundin einen Finger ab. Ebenso geschockt wie angewidert von ihrer eigenen Tat, flieht sie zu ihrem Vater.

Anstatt Antworten zu geben, verlässt dieser seine Tochter. Auf sich gestellt, beginnt für Maren damit eine Reise quer durch Amerika, auf der Suche nach ihrer Mutter, die sie nie kennengelernt hat. Schon bald trifft Maren weitere „Esser“, die dem Drang, Mitmenschen zu verspeisen nachgeben und eine Existenz am Rande der Gesellschaft führen, immer auf der Flucht, immer unsichtbar.

Der junge Lee (Timothee Chalamet), seinerseits Außenseiter und vom Schicksal gebeutelt, schließt sich Maren schließlich an. Ihre Reise wird zur zarten Romanze, zum Selbstfindungstrip, zur Flucht, aber auch zur Jagd nach dem nächsten Essen. Immer wieder töten und verspeisen sie Menschen, um ihre unstillbaren Triebe zu bändigen. Die Morde werden dabei niemals selbstzweckhaft oder plakativ inszeniert. Die Kannibalen töten nicht, weil es ihnen Spaß macht. Sie töten, um leben zu können. Der Drang nach Menschenfleisch lastet auf ihnen wie eine Krankheit, die temporär unterdrückt, aber niemals geheilt werden kann.

Bones and All - jetzt im Kino
Bones and All - jetzt im Kino © MGM

Trotz der schockierenden Prämisse macht die Verfilmung Zugeständnisse an das Mainstream-Publikum. Man erschreckt, ohne zu verschrecken. Viele Szenen sind schwer verdaulich, strapazieren das Maß des Erträglichen aber nicht bis zur letzten Konsequenz. So wird ein mögliches, krasses Finale zwar angedeutet, aber nicht durchgeführt.

Und doch werden wir Teilnehmer dieser mörderischen, tragischen Tour, die bis zur letzten Einstellung unvorhersehbar bleibt und sich gängigen Genre-Grenzen verweigert. Horror, Drama, Romanze und Roadmovie verschmelzen zu einem kantigen, aber einfühlsamen Seherlebnis. Bones and All läuft jetzt im Cineplex Erding. Unsere Wertung: 9/10

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