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Filmkritik: She Said macht den größten Missbrauchs-Skandal Hollywoods zum packenden Journalisten-Krimi

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Von: Philip Heggmair

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Carey Mulligan (li.) und Zoe Kazan spielen die New York Times Journalistinnen
Carey Mulligan (li.) und Zoe Kazan spielen die New York Times Journalistinnen © Universal Pictures

Harvey Weinstein missbrauchte Jahrzehntelang junge Frauen. Der Kinofilm „She Said“ erzählt die wahre Geschichte der Journalistinnen, die einen der mächtigsten Studiobosse Hollywoods zu Fall brachten

Kino – Nicht der Polizei, sondern zwei Journalistinnen ist es zu verdanken, dass einer der größten Missbrauchs-Skandale Hollywoods 2017 ans Tageslicht kam. Die Journalisten-Saga „She Said“, nach wahren Begebenheiten, ist jetzt im Kino zu sehen. Ein Film, der an die Nieren geht.

Erzählt wird die Geschichte durch die Augen von Jodi Kantor und Megan Twohey von der New York Times, die einen Enthüllungsartikel über sexuellen Missbrauch in Hollywood schreiben wollen. Doch sie stoßen an eine Mauer des Schweigens. Zeugen sind verschwunden oder weichen den Journalistinnen aus. Niemand traut sich, offiziell auszusagen. Nach und nach wird ihnen das schiere Ausmaß der schrecklichen Vorfälle bewusst, die Hollywood seit den 1990er Jahren heimsuchen.

Die Spur führt die Journalistinnen zur Produktionsfirma Miramax des mächtigen Film-Bosses Harvey Weinstein. Als der von den Ermittlungen gegen ihn Wind bekommt, sehen sich auch die Journalistinnen bedroht. Sie wissen: Ohne eine Zeugin, die sich traut, ihre Geschichte öffentlich zu machen, wird es keinen Artikel geben.

Die deutsche Regisseurin Maria Schrader setzt mit ihrem Film sowohl den Journalistinnen, als auch den ‚Survivors‘ ein Denkmal. Obwohl der zweistündige Film ausschließlich über Dialoge erzählt wird, sorgt die feinfühlige Dramatisierung für wachsende Anspannung. Trotz bekannten Ausgangs fragt man sich, ob Weinstein und seine Anwälte es nicht doch noch schaffen, die Veröffentlichung des Artikels zu verhindern. Weinstein selbst tritt nur als Stimme und Umriss im Film auf. Er soll kein Gesicht bekommen – was auch dazu führt, dass seine Präsenz eine dämonische, Gänsehaut erzeugende Wirkung entfaltet.

She Said ist gleichzeitig Frauen-Drama und Journalisten-Krimi, der Netzwerke männlicher Unterdrückung anprangert und den Opfern selbiger eine Bühne bietet. Eine intensiv gesponnene Geschichte vor realem Hintergrund, deren Nachwirkungen bis heute andauern (siehe Artikel unten). Am Ende ist man vor allem für Eins dankbar: Die aufopfernde Arbeit der Journalisten. She Said läuft jetzt im Cineplex Erding. Unsere Wertung: 9/10

Das Kinoplakat von She Said
Das Kinoplakat von She Said © Universal Pictures

Der Fall Weinstein - ein jahrzehntelanger Skandal

Nachdem Jodi Kantor und Megan Twohey am 5. Oktober 2017 ihren Artikel in der New York Times veröffentlichten, erhebten über 80 weitere Frauen aus der internationalen Filmwelt Anschuldigungen gegenüber Harvey Weinstein. Unter ihnen Rose McGowan, Gwyneth Paltrow, Angelina Jolie, Ashley Judd, Lena Headey, Salma Hayek und Cara Delevingne.

Jahrzehntelang habe er „sexuelle Gefälligkeiten“ eingefordert, um im Gegenzug die Karrieren der jungen, teils minderjährigen Frauen zu fördern. Diverse Verfahren, die seit den 90ern gegen Weinstein und seine Produktionsfirma Miramax erhoben wurden, wurden stets außergerichtlich beigelegt und die Beteiligten zum Schweigen verdonnert. Der Enthüllungsbericht von 2017 allerdings beendete Weinsteins Schreckensherrschaft. Die #MeToo-Bewegung war geboren.

Im Mai 2018 stellt sich Weinstein der Polizei in New York und wird wegen Vergewaltigung und sexuellem Missbrauch angeklagt. Er plädiert auf „Nicht schuldig“ und beharrt, alle Vorfälle seien einvernehmlich geschehen. Seine Anwälte versuchen, mit Summen über Millionenhöhe die klagenden Frauen ruhigzustellen.

Im März 2020 wird Harvey Weinstein zu 23 Jahren Gefängnis verurteilt. Noch immer addieren sich neue Stimmen von Schauspielerinnen, die von ihm misshandelt wurden. Im Juli 2021 wird Weinstein nach Los Angeles ausgeliefert, wo ihn erneut ein Gerichtsverfahren erwartet. Ihm drohen weitere 140 Jahre Gefängnis. Das Verfahren läuft seit Oktober 2022. Auch in London soll er angeklagt werden. Der heute 70-Jährige könnte den Rest seines Lebens hinter Gittern verbringen.

Im November 2022 startete in den USA der Film She Said über die penible Arbeit der Journalistinnen Jodi Kantor und Megan Twohey, die allen Widrigkeiten zum Trotz die Puzzleteile zusammenfügten und mit einem Zeitungsartikel den Schneeball auslösten, der zur Lawine wurde. Der originale Artikel der New York Times vom 5. Oktober 2017 ist hier einsehbar: Harvey Weinstein Paid Off Sexual Harassment Accusers for Decades

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