Sterbehilfe: Ja oder Nein?

Ein Kommentar zum Sterbehilfe-Urteil von Prof. Dr. Hans Otto Seitschek

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Prof. Dr. Hans Otto Seitschek ist außerplanmäßiger Professor der Philosophie (LMU München) und Geschäftsführer des KBW Erding

Prof. Dr. Hans Otto Seitschek äußert sich zum aktuellen Thema - Sterbehilfe: Ja oder Nein?

Ein Kommentar zum Sterbehilfe-Urteil von Prof. Dr. Hans Otto Seitschek:

"Das Thema Sterbehilfe ist kompliziert und schwer überschaubar. Allein die Frage, ob es auf der Basis des allgemeinen Persönlichkeitsrechts überhaupt ein Recht auf ein selbstbestimmtes Sterben und damit ein Recht auf assistierten Selbstmord gibt, ist meines Erachtens nicht eindeutig zu klären. Grundsätzlich ist der Tod immer etwas, das auf den Menschen „von außen“ trifft. 

Er kommt nicht aus ihm selbst heraus. Auch wenn eine entsprechende Dosis eines todbringenden Medikaments genommen wurde, kann der Todeszeitpunkt nicht exakt vorausgesehen werden. Eine Autonomie des Menschen in Bezug auf Fragen über den eigenen Tod ist damit nicht gegeben. Der auf den Philosophen Immanuel Kant zurückgehende Gedanke der Autonomie, dass sich der Mensch also selbst das moralische Gesetz gibt, ist hier meines Erachtens falsch verstanden worden. 

Außerdem darf nie vergessen werden, dass ein Mensch mit Todeswunsch das Gewissen von demjenigen, den er mit der Hilfe beim Suizid, also der Beihilfe zum (Selbst)mord, beauftragt, schwer belastet, da er von ihm die Tötung eines Menschen verlangt. Theologisch gesehen schenkt Gott das Leben. 

Ihm allein ist es vorbehalten, es auch wieder zu nehmen. Alle anderen Handlungen stehen gegen das 5. Gebot: „Du sollst nicht morden!“ (Ex. 20, 13 u. Dtn. 5, 17) Für den Menschen gilt vielmehr, dass er das Leben wählen soll: „Leben und Tod lege ich [der Herr] dir vor, Segen und Fluch. Wähle also das Leben, damit du lebst, du und deine Nachkommen.“ (Dtn. 30, 19) So heißt es im Alten Testament. 

Aber auch über diese philosophischen und theologischen Fragen hinaus ist die jüngste Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts, den § 217 StGB zu lockern und die „geschäftsmäßige Beihilfe zum Suizid“ zu erlauben, nicht unproblematisch. Aus der gewerblichen Assistenz zum Suizid kann unter Umständen eine Drucksituation für alte oder unheilbar kranke Menschen, gleich welchen Alters, entstehen oder indirekt aufgebaut werden, sich doch für einen Suizid zu entscheiden.

Die Freiheit der Entscheidung zum freiwilligen Tod könnte dadurch aus meiner Sicht deutlich beeinträchtigt werden. Der „Akt autonomer Selbstbestimmung“, als den die Verfassungsrichter den assistierten Suizid ansehen, wäre damit nicht mehr gegeben, ebenso wenig ein Rechtsanspruch auf Tötung. 

Der Grund dafür ist, dass Personen, die sehr alt oder unheilbar krank sind, naturgemäß nicht mehr in einer starken, freien Verhandlungsposition sind. Gerade hier gilt es, die Unantastbarkeit der Menschenwürde dieser Personen besonders zu schützen.

Das Gegenteil scheint jetzt der Fall zu sein. Außerdem folgen verschiedene weitere Probleme nach: Wie müssen Arzneimittelgesetz und Betäubungsmittelgesetz geändert werden, um zu den entsprechenden Medikamenten einen reibungslosen Zugang erhalten zu können? 

Hier könnte sich die Gefahr des Missbrauchs von gefährlichen Arzneimitteln ergeben. Doch zunächst muss das Verfahren geschäftsmäßiger Suizidbeihilfe vom Bundestag gesetzlich neu geregelt werden. Ob sich mit dem vorliegenden Urteil also die gewünschte Rechtssicherheit für Patienten und Ärzte einstellen wird, ist noch keineswegs sicher. 

Aus meiner Sicht wäre es sinnvoller, die Palliativmedizin, die sicher auch Fragen der Sterbehilfe umfasst, und auch die Hospiz­bewegung weiter zu stärken und staatlich zu fördern. Hier besteht die Möglichkeit, vielen Menschen einen würdevollen Weg am Ende ihres Lebens zu ermöglichen, der weitgehend von Schmerzen befreit, aber nicht vom Druck überschattet ist, endlich aus dem Leben zu scheiden, um keine Belastung für das Umfeld mehr sein zu müssen. 

Ruhe und Begleitung, nicht zuletzt seelsorgliche, sind für Personen am Ende ihres Lebensweges allemal wichtiger als geschäftsmäßige Fragen eines assistierten Suizides."

Prof. Dr. Hans Otto Seitschek ist außerplanmäßiger Professor der Philosophie (LMU München) und Geschäftsführer des KBW Erding

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